Das Glück liegt nicht im BIP

Ein Jahr nach Beginn der Weltwirtschaftskrise fordert eine vom Wirtschafts-Nobelpreistäger Joseph Stiglitz geführte Kommission zur Reform der Bemessung der Wirtschaftsleistung neue Messwerkzeuge, die auch das Wohlbefinden der Bevölkerung mit einbeziehen sollen. Eine Maßnahme, von der Frankreich wünscht, dass die europäischen Partner sie umsetzen.

Veröffentlicht auf 15 September 2009 um 14:37

Das Datum zur Übergabe des Berichts über die Bewertung der Wirtschaftskraft und des sozialen Fortschritts an den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy wurde nicht dem Zufall überlassen: Montag, der 14. September, genau ein Jahr nach dem Bankrott der amerikanischen Bank Lehmann Brothers, also dem Ereignis, dass die Welt in die Wirtschaftskrise stürzte — und ein paar Tage vor dem G20-Gipfel und der kommenden Uno-Generalversammlung, bei der die Staatschefs versuchen werden, sich auf neue Wirtschafts-Spielregeln zu einigen.

Bei seiner Eröffnungsrede am Montag zu einer internationalen Konferenz an der Sorbonne, wo der Bericht vorgelegt wurde, rief der Staatschef zu einer statistischen Revolution auf: „Raus aus der Religion der Zahlen“, so die Parole. Nicolas Sarkozy gedenkt darüber hinaus, diesen Standpunkt auch in Pittsburgh und vor der UNO zu verteidigen.

Autoren dieses Berichts waren Joseph Stiglitz, Amartya Sen — zwei Wirtschafts-Nobelpreisträger – und Jean-Paul Fitoussi, Präsident des französischen Instituts für Konjukturbeobachtung (OFCE). Der Bericht schlägt vor, neue statistische Instrumente zur Messung des Wohlstands der Nationen einzuführen. An die Stelle des Bruttoinlandprodukts (BIP) träte ein „Nationales Netto-Produkt“ (NNP), dass den Konjunkturrückgang in all seinen Dimensionen messen soll: auf Natur, Mensch, usw.

Konkret geht es darum, den Absurditäten des BIP ein Ende zu bereiten: beispielsweise steigt es im Falle einer Naturkatastrophe dank der Investitionen zum Wiederaufbau. Doch werden die Kosten der Katastrophe selbst nicht miteinberechnet.

Nachhaltigkeit

Als Staatspräsident Sarkozy im Februar die Kommission von 20 Experten aus aller Welt einberief, hatte er drei Zielsetzungen: – Den französischen Bürger und die Bürger weltweit mit den Statistiken zu versöhnen, die für sie nicht die Wirklichkeit ihres Alltags widerspiegeln. – Sich den dringenden Umweltfragen zu stellen. – Den Politikern sachdienliche Messinstrumente zu bieten, um handeln zu können.

Die „zwölf Empfehlungen“ der Kommission bestätigen die Mängel des derzeitigen Bemessungssystems, dass vor der Krise nicht Alarm geschlagen hat: „Sind die Bemessungssysteme, auf die sich unser Handeln stützt, schlecht konzipiert oder missverständlich, so sind wir quasi blind.“

Die Experten unterstreichen die Notwendigkeit, auf kurzfristiges Denken zu verzichten. Sie setzen den Akzent auf das Konzept der Nachhaltigkeit: die Fähigkeit einer Ökonomie, das Wohlbefinden ihrer Bevölkerung aufrecht zu erhalten.

Nichtsdestoweniger ist das alles erst noch umzusetzen. Frankreich will seine nationalen Statistiken keinesfalls im Alleingang reformieren: Es muss eine internationale Bewegung geben. Ab Herbst sind Gespräche mit verschiedenen statistischen Ämtern und Organisationen vorgesehen: dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD), [dem nationalen Statistikamt Frankreichs] INSEE, Eurostat usw. Die Harmonisierung wird voraussichtlich viel Zeit beanspruchen.

Für einige Kommissionsmitglieder, darunter der französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Gadrey, darf die Debatte nicht allein in Expertenhänden bleiben. Deshalb sprachen sie sich für eine öffentliche Debatte aus, ähnlich wie beim Umweltgipfel „Grenelle“, einer Verhandlungsrunde, die Vertreter der Zivilgesellschaft miteinbezogen hatte.

WOHLBEFINDEN

Für Italiener die Hölle

Die europäische Presse hat den Bericht insgesamt begrüßt, aber nicht ohne ein paar Fingerzeige zu geben. „Das BIP“, so schreibt die Financial Times, „ist von Fehlern durchlöchert. In den dreißig Jahren, in denen das amerikanische BIP stieg, stagnierte oder sank das Einkommen der Hälfte der Bevölkerung. Und es würde uns besser gehen, wenn wir manche Produkte beiseite legten: beispielsweise Schusswaffen.“ Die Zeitung warnt aber davor, das BIP „als Maß für das ‚Glück‘ der Menschen vollständig zu entthronen. Es wäre erneut ein Fehler, eine Zahl, die alles umfassen soll, einfach durch eine andere zu ersetzen.“ Der Kommentator der Stampa, Massimo Gramelli, schreibt von seiner „Begeisterung“. Doch gesteht er ein, „dass ich als Italiener fürchte, dass die neuen Regelungen uns direkt in die Hölle versenken werden. Unser BIP müsste schon einmal von Steuerhinterziehungen bereinigt werden, was ein schon anderes BIP ergäbe. Müssten wir die Erfahrungen all jener abziehen, die von einer Stadt in die nächste trudeln müssen, oder in einer Behörde um ein Dokument bitten, dann würde sich unsere Beteiligung beim G20 auf ‚Empfang und Catering‘ reduzieren. Würden die Ökonomen aber Anarchie und Straflosigkeit als Wohlstandsindikatoren miteinbeziehen… dann wären wir eine Supermacht.“

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