Der geplatzte Traum von der „grünen Stadt”

In Tallinn können die Bewohner seit dem 1. Januar 2013 kostenlos Bus- und Bahnfahren. Doch nutzen sie die öffentlichen Verkehrsmittel trotzdem nicht öfter als vorher. Das soziale und ökologische Experiment scheitert an den Gewohnheiten der Leute.

Veröffentlicht auf 12 November 2013 um 12:23

Durch den Vergleich zwischen den öffentlichen Verkehrsmitteln in Tallinn und Tartu [der zweitgrößten Stadt Estlands] kann man einige Schlussfolgerungen über Veränderungen bei den Fahrgastgewohnheiten ziehen. Zum einen ist der Preis nicht das einzige Kriterium für die Nutzung des Nahverkehrs. Die Wahl eines Transportmittels hängt wesentlich von den früheren Gewohnheiten ab. Für diejenigen, die sich vorher fürs Laufen entschieden haben, spielt der Preis sicher eine größere Rolle, aber für Autofahrer ist die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel entscheidend.

In Tallinn wurden die Bedürfnisse der Pkw-Nutzer nicht in Betracht gezogen. Wenn man puren Populismus beiseite lässt, sollte Tallinn durch die Einführung des Gratis-Nahverkehrs vor allem eine grüne Stadt werden: weniger Autos bedeutet weniger Luftverschmutzung und Lärm. Das Kalkül ist nicht aufgegangen. Dem Verkehrsforschungszentrum der schwedischen Königlich Technischen Hochschule zufolge erhöhte sich mit dem Gratis-Nahverkehr die Zahl der Fahrgäste um lediglich 1,2 Prozent. Zudem unterscheidet sich Tallinn deutlich von anderen Städten des Landes, denn die öffentlichen Verkehrsmittel waren in der Hauptstadt günstiger und die Zahl der Nutzer höher. Das kostenlose Angebot konnte allerdings die stetige Abnahme der Fahrgastzahlen nur bremsen.

Langsamer Service

Augenscheinlich gibt es andere Gründe. Anfang dieses Jahres hatte Dago Antov, Professor an der technischen Universität von Tallinn, in Postimees drei Faktoren angeführt, welche die Entscheidung der Nutzer beeinflussen. Zunächst spielt die Zeit eine Rolle, die man für eine Strecke braucht, gefolgt von den Kosten und allem, was mit der „Qualität” zusammenhängt: ob Busse oder Straßenbahnen überfüllt sind, ob der Fahrer freundlich ist, wie die anderen Verkehrsteilnehmer sind usw.
[[Der Preis nur für Menschen mit niedrigem Einkommen entscheidend, während die Fahrtzeit und die Qualität für Leute mit höherem Einkommen ausschlaggebend sind]]. Da die Autofahrer eher zur letzten Kategorie gehören, kann man nachvollziehen, warum der Gratis-Nahverkehr nicht zur Verringerung des Autoverkehrsaufkommens geführt hat.

Gewohnheiten bleien Gewohnheiten

Es kommen aber weitere Faktoren hinzu. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nur für die gemeldeten Einwohner von Tallinn kostenlos sind. Die [in Tallinn arbeitenden] Bewohner der angrenzenden Gemeinden, die mehrheitlich ihr Auto nutzen, haben keinen Anreiz, ihre Gewohnheiten zu ändern. Demnach war schnell ersichtlich, dass sich die Menschen nicht nach den Erwartungen der Stadt, sondern nach ihren Bedürfnissen richten.

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Bereits Anfang 2012 äußerte Hannes Luts von der technischen Universität München gegenüber dieser Zeitung, dass der öffentliche Personennahverkehr immer noch ein langsamer Service mit unzureichender Qualität sei, den die Menschen nicht nutzen werden, selbst wenn er kostenlos ist. Das hat sich in Tallinn größtenteils bewahrheitet.

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