Der Tag, an dem der Euro starb

Könnte Europas Währung stürzen? Und wenn, was würde dann passieren? Sean O’Grady stellt sich einen verhängnisvollen Tag in der Zukunft vor, in welcher die Mitgliedsstaaten das Rad zurückdrehen.

Veröffentlicht auf 3 Dezember 2010 um 16:26

Berlin, 29. September 2013. Angela Merkel ist wiedergewählte Bundeskanzlerin in einem beispiellosen Umschwung. „Deutschlands Retterin“ ist der Star der Fans, die sich im Schatten des Brandenburger Tors drängen.

Nach ein paar Dankesworten zieht die Bundeskanzlerin mit unüblich auffälliger Geste einen 100-Neue-Mark-Schein aus der Jackentasche und winkt der Menge damit zu. Die Menschen rufen begeistert auf. Jeder versteht die Botschaft. Der Euro-Alptraum ist vorbei. Vor knapp zwei Jahren fand der Anfang vom Ende statt.

Die Ereignisse vom 16. September 2011, dem „Todestag des Euro“, hätten kaum auf unspektakulärere Weise beginnen können. Denn der letzte Hieb gegen die Glaubwürdigkeit des Euro wurde nicht von weiteren Unruhen oder anlässlich eines großes Gipfeltreffens versetzt, sondern von ein paar Richtern des deutschen Verfassungsgerichts in Karlsruhe.

In einem stickigen Konferenzraum, dessen einzige Dekoration aus einer deutschen Fahne bestand, servierten drei deutsche Juristen mittleren Alters die europäische Einheitswährung ebenso beiläufig ab als hätten sie gerade ein neues Gesetz über gefährliche Hunde erlassen. Es sei „verfassungswidrig“, dass die deutsche Regierung den Rest Europas weiterhin mitfinanziere: „Die Monetisierung außerstaatlicher Schuldtitel verstößt gegen das Grundgesetz der Bundesrepublik.“ Damit war für den Euro der Vorhang gefallen.

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Das Gericht verkündete das Urteil um 11 Uhr 11. Um zwölf waren fast alle Banken in der Eurozone geschlossen. Den Geldautomaten gingen sehr schnell die Banknoten aus, nachdem entsetzte Kontoinhaber versuchten, ihre Ersparnisse abzuheben. Wie Hauseigentümer, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Immobilienkredite abzuzahlen, übergaben die Vorstände der Banken einfach den nationalen Finanzministerien die Schlüssel. Es war wieder das Problem der Regierungen. Nur hatten auch die Regierungen kein Geld mehr.

Auf dem ganzen Kontinent drehte sich das große internationale Geldrad fest. Die üblichen Zahlungsmechanismen für Schuldentilgungen, Kreditkartentransaktionen, Abbuchungen, Überweisungsaufträge und Schecks begannen auszusetzen, als sich die Banken weigerten, die Zahlungen ihrer Kunden zu honorieren. Jahrzehntelang hatten die Europäer das System ebenso selbstverständlich hingenommen wie die Kanalisationen unter ihren Häusern, und als es nicht mehr funktionierte, fing es bald an, bestialisch zu stinken.

Die Aktienmärkte in Paris, Frankfurt und London, und dann weltweit, verzeichneten die tiefste Baisse seit den 30er Jahren. Ein neuer, starker Konjunktureinbruch galt als unbestreitbar. Die Eile, die man in den vorigen Wochen beim Verkauf von Euros an den Tag gelegt hatte, schlug in blinde Panik um. Sogar den in finanziellen Belangen völlig Unbewanderten war aufgegangen, dass der alte Euro aufgrund seines unbestimmten Werts nun wertlos war. Man würde zwar nach dem Umtausch in die wieder eingeführten Landeswährungen noch etwas retten können, doch für viele Sparer innerhalb der EU und für die Inhaber von irischen, griechischen, spanischen und italienischen Staats- und Bankanleihen war es unmöglich zu sagen, wieviel. Nur dass es weniger sein würde.

In Madrid ging diesmal das erste Fenster zu Bruch, nur wenige Minuten nachdem das Hauptgebäude des Finanzministeriums geplündert worden war. Die Bereitschaftspolizei und die Militärtruppen wussten erst nicht so recht, was sie tun sollten, doch als ihnen Blumen in die Gewehrläufe gesteckt wurden, liefen sie zu den Massen über. Schließlich hatten die Familien der Soldaten und Polizisten selbst unter den erfolglosen Sparmaßnahmen der letzten Jahre gelitten.

Der spanische Staat geriet ins Wanken. José Luis Zapateros Regierung gelobte, trotz der Unruhen in Katalonien „alles nur irgend mögliche“ zu tun, um die spanische Einheit aufrechtzuerhalten. Der irische Außenminister Gerry Adams, auf „Solidaritätsreise“ in Barcelona, wirkte bei einem Pressetermin in einer zerstörten Bank recht unangenehm berührt, während draußen eine explodierende Bombe zu hören war. Die Katalanen erklärten unilateral ihre Unabhängigkeit. Am Nachmittag traten die Ministerpräsidenten von Estland und Portugal zurück. Griechenlands Bonität sank noch niedriger als die von Malawi.

Doch die europäischen Politiker waren nicht völlig unvorbereitet. Seit der ersten griechischen Schuldenkrise im Mai 2010 hatten sie begonnen, „an das Unvorstellbare zu denken“. Nach sukzessiven Rettungsaktionen für Irland im November 2010, Portugal im Dezember und Spanien im Januar 2012 saß der EU-Rettungsfonds auf dem Trockenen, nachdem Silvio Berlusconi mehr haben wollte. Belgien war das erste Land, dessen Antrag abgelehnt wurde – mit der Begründung, es habe keine ständige Regierung und sei vielleicht bald gar kein eigenständiges Land mehr. Wie die Katalanen ergriffen die flämischen Separatisten diese Gelegenheit.

Nun setzten die führenden Köpfe der EU ihren „Plan B“ um. Bundeskanzlerin Merkel hatte darauf bestanden, denn „Deutschlands Geduld ist erschöpft“.

Zunächst einmal wurde der alte Euro automatisch durch den „Neuen Euro“ ersetzt, welcher nur 80 Cent des alten wert war. Alle Passiva und Aktiva wurden dementsprechend angeglichen und im Wert gemindert.

Doch für die Einwohner der wirtschaftlich schwächeren Staaten war dies noch nicht alles. Denn der Neue Euro war nur eine Überbrückung bis zur Wiedereinführung der alten Landeswährungen. Tatsächlich war der Neue Euro nur eine „Recheneinheit“, ein Korb von Landeswährungen, die bald wieder voll eingesetzt werden sollten, doch bisher noch mit einem festen Kurs in den Neuen Euro eingebunden waren – in vielen Fällen jedoch zu einem relativ schwachen Kurs, der kurz darauf noch weiter abgewertet werden sollte.

Als die neuen Landeswährungen zum 1. Januar 2012 eingesetzt wurden, konnte der Neue Euro frei gegen die Neue Drachme, das Neue Irische Pfund, den Neuen Escudo, den Neuen Belgischen Franc, die Neue Peseta usw. eingetauscht werden. Der Haken daran war jedoch, dass die Bürger dieser Länder feststellen mussten, dass sie für ihr Bündel Banknoten sogar noch weniger bekamen als für den Neuen Euro und dem ursprünglichen Euro vor ihm. Manche hatten 50 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt, wenn nicht sogar mehr.

Slowenien, die Slowakei, Malta und der nicht von der Türkei besetzte Teil von Zypern waren bis 2013 die einzigen Gebiete, in denen der Neue Euro immer noch im Umlauf war, eher als finanzielle Kuriosität statt als globale Leitwährung.

Doch in Deutschland, Finnland, Österreich, den Niederlanden und ein paar weiteren Ländern kehrte sich die Verarmung um. Plötzlich waren die Verbraucher mit ihrer neuen Mark oder Finnmark, mit ihrem neuen Schilling oder Gulden besser gestellt. Frankreichs „Franc Fort 2“ versuchte, seinen Kurs gegenüber der Neuen Mark aufrechtzuerhalten, mit gemischtem Resultat. Bei „meiner letzten Pressekonferenz“ im Mai 2012 verurteilte ein erschöpfter Präsident Sarkozy die Währungsspekulanten und Journalisten als „pädophile Idioten“. „Meine Herren, es wird Sie kein Sarko mehr herumstoßen.“ Er hatte die Präsidentschaftswahl gegen Dominique Strauss-Kahn, den früheren Leiter des Internationalen Währungsfonds, verloren. DSK war in sein Heimatland zurückgekehrt, um dort um den Elysée-Palast zu kämpfen – sein Wahlslogan lautete: „Ich habe nie an den Euro geglaubt.“

In Großbritannien beobachtete man den Todeskampf des Euro aus einer glänzenden Isolation heraus. Die Politiker, denen zugute gehalten wurde, das britische Pfund ausgenommen zu haben, erhielten verspätete Dankesbezeugungen. Eine gebrechliche, an den Rollstuhl gefesselte Margaret Thatcher wurde von Tochter Carol aus ihrem Haus im Londoner Stadtviertel Belgravia geschoben, um den Dank einer kleinen Zusammenkunft von Euroskeptikern entgegenzunehmen. Schließlich hatte sie ja ursprünglich gesagt, der Euro sei nicht nur schlecht für das Vereinigte Königreich, sondern für alle in Europa, und zwar aus wirtschaftlichen Gründen.

Kurz nachdem der Euro 1999 in Umlauf gebracht wurde, hatte ihn ein ungenannter Devisenhändler in London als „Toilettenwährung“ bezeichnet. Er wurde in wenig mehr als einem Jahrzehnt fortgespült.

In Delhi und Peking machte das kaum Schlagzeilen.

Aus dem Englischen von Patricia Lux-Martel

D-Mark

Verschwörungstheoretiker im Aufwind

Untergangspropheten wissen Bescheid: Die D-Mark kommt zurück! „Es kann sich nur um Wochen handeln“, berichtete jüngst die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, zumindest, glaubte man Walter K. Eichelburg. In seinen Seminaren und dem Internetforum Hartgeld.com finde der selbsterklärte Finanzexperte „viel Gehör in der chronisch überhitzten Internet-Community, spätestens seit die Euro-Staaten einen milliardenschweren Rettungsschirm spannen mussten.“

Eichelburg versichert, dass Informanten „aus höchsten deutschen Regierungskreisen und Bankenvorständen“ ihm anvertraut hätten, dass schon Ende 2009 der Bundesbankchef frisch gedruckte DM-Scheine „im kleinen Kreis herumgereicht“ habe. Angela Merkel ihrerseits, habe „aus Angst und unter dem Druck von Sarkozy & Co. […] alle frisch gedruckten DM-Noten wieder einsammeln und an einem geheimen Ort bunkern lassen.“ Eichelburg rät seinen Jüngern in Gold zu investieren und bietet seinen Lesern Euro-Crashseminare, wo sie lernen, wie man Räucherfleisch herstellt und ohne Strom zurechtkommt. Das ganze bezahlt in Euro – versteht sich.

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