Die “graue Maus” setzt sich durch

Er ist nicht die medienwirksamste Figur auf der politischen Bühne Europas, doch binnen zwei Jahren hat sich Herman Van Rompuy diskret durchgesetzt. Ohne Konkurrenten, wird er am 1. März voraussichtlich vom Europäischen Rat in seinem Amt als EU-Ratspräsident bestätigt werden.

Veröffentlicht auf 23 Februar 2012 um 14:57

Herman Van Rompuy gilt vielleicht als graue Maus, doch in der schlimmsten Krise Europas seit langem, scheint abgemacht, dass sein Mandat verlängert werden wird, ohne dass es darüber Kontroverse gibt. In der kommenden Woche, so lassen Quellen in Brüssel verlauten, werden die europäischen Staats- und Regierungschefs bei einem Abendessen eine zweite Amtszeit Van Rompoys von einer Dauer von zweieinhalb Jahren absegnen. [Im Dezember 2009 wurde er designiert].

Das erste, was auffällt, wenn man Herman Van Rompuy (64) trifft, ist die Ruhe, die er ausstrahlt. Sein Amtssitz ist in einem hässlichen Gebäude mit defekten Aufzügen und braunen Wänden untergebracht. Woanders im Haus verhandeln —äußerst mühsam und manchmal mit Geschrei — Diplomaten aus 27 Ländern, um einen Ausweg aus der Krise zu finden. Norden und Süden stehen sich diametral gegenüber. Nationale Belange und Emotionen spielen sich hoch. Doch die Intrigen scheinen an Herman Van Rompuy abzugleiten.

Herzlich, gesellig und hartgesotten

Herman Van Rompuy pflegt sein Image der “grauen Maus”. Er kommt damit gut zurecht. In Wirklichkeit ist er das genaue Gegenteil. Er ist herzlich, trinkt gern ein Gläschen Bier, und trotz einer gewissen Unbeholfenheit ist er ein geselliger Mensch. Er motiviert seine Mitarbeiter wie kaum jemand — jeder in Brüssel will für ihn arbeiten. Aber er ist auch schlau und hartgesotten genug, um Gegner auch aus der Ferne auszuschalten. So schickte ihm der ehemalige italienische Ministerpäsident einst eine Liste mit Reformen. Rompuy weigerte sich solange, die Empfangsbestätigung zu unterschreiben, bis alles, was er wollte, auf der Liste stand.

Er war es, der eine Lösung für die unmögliche Forderung Finnlands fand, Griechenland möge Garantien für die finnischen Darlehen finden. Als viele Regierungschefs Eurobonds herbeisehnten, Kanzlerin Merkel aber davon nichts hören wollte, machte er mit allen aus, dass man später darüber reden könne — nachdem die Sachen über die Merkel reden will, besprochen wurden. Van Rompuy filtert, organisiert, massiert. Alles auf Abstand. Und als ehemaliger Haushaltsminister ist er einer der wenigen, die wissen, wovon sie reden. Alle Beteiligten sagen, dass seine Rolle in der Krise von entscheidender Bedeutung sei.

Er hat eine Sache begriffen: Als Vorsitzender einer Gruppe von Staats- und Regierungschefs, darf sein Kopf nicht zu sehr aus der Masse hervorragen. Er kann sie nicht offen kritisieren. Er kann nicht offen sagen, was er wirklich denkt. Nur mit den Haikus, die er schreibt, kann er das Bild des langweiligen Klassenprimus etwas nuancieren.

Je bescheidener umso besser

Aber selbst die Haikus werden Kult. Je bescheidener Van Rompuy sich gibt umso besser. Er muss der Präsident aller sein. Er muss seine 27 Arbeitgeber bei Laune halten und dabei dafür sorgen, dass Europa in die richtige Richtung manövriert wird. Van Rompuy ist eine Art “Notausfahrt” für große Länder wie Deutschland und Frankreich geworden, aber er muss auch dafür sorgen, dass diese Länder nicht alles im Tandem allein regeln. Die kleinen Länder werden das nie akzeptieren. So schubst er vorsichtig die Diplomaten in die “richtige” Richtung, ohne dass man sieht, wer das tut.

Daher rührt wahrscheinlich seine Ruhe. Würde er sie, auch in sich selbst, nicht schaffen, dann würde er verrückt werden. Van Rompuy ist ein spiritueller Mensch. “Der Mensch muss erkennen können, dass es Dinge gibt, die seine Fähigkeiten übersteigen”, sagte er einst in einem Interview. “Er sollte sich selbst gegenüber bescheiden zeigen, sonst wird er aggressiv.”

Aus Sicht Polens

“Den EU-Chefs zu Diensten”

Während sich Herman Van Rompuys erstes Trimester als Präsident des Europäischen Rates dem Ende neigt, schreibt der Brüsseler Korrespondent der Gazeta Wyborcza, dass jegliche positive Wertung

… zum großen Teil auf revidierte Erwartungen hinsichtlich seines Amtes beruhen. So wie es im Lissabon-Vertrag beschrieben wurde, stellt es sich nicht dar. Niemand nennt den belgischen Politiker ‘Präsidenten von Europa’, denn es tritt mittlerweile offen zu Tage, dass diese Rolle bei Europas Hauptakteuren nicht auf Übereinstimmung trifft. Bestenfalls kann der Chef des Europäischen Rates – und hier leistet Van Rompuy gute Arbeit – als geschickter Diplomat im Dienste der europäischen Staatschefs agieren.

Die Warschauer Tageszeitung ruft in Erinnerung, dass Herman Van Rompuy dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger kürzlich sein Foto mit der Überschrift “Wir tauschen Nummern aus” zugetwittert hat. Kissinger hatte sich bekanntermaßen gefragt, welche Nummer er wählen müsse, wenn er Europa erreichen wolle. Dies sei ein Beispiel von

… Selbstironie, denn selbst wenn Apologeten des Lissabon-Vertrages auf dem Foto ‘ein Telefon’ auf dem Büro des Ratspräsidenten ausmachen können, kennt das Weiße Haus andere Nummern besser. Barack Obama rief Kanzlerin Merkel an, um nach Verabschiedung eines neuen Hilfspaktes für Griechenland zu gratulieren.

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