Die Kinder des Dekrets 770

Sie sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und in einer Zeit geboren, in welcher das Ceausescu-Regime sowohl Verhütung als auch Abtreibung verbot. Sie haben die Revolution von 1989 vollzogen, doch Jüngere als sie sind die Gewinntragenden. Porträt einer geopferten Generation.

Veröffentlicht auf 14 Dezember 2009 um 16:51

Versucht man, eine für alle akzeptable Definition zu finden, dann sind die meisten der Meinung, jede in Rumänien zwischen 1966, dem Jahr des Dekrets 770 mit dem Abtreibungs- und Verhütungsverbot, und 1990, dem Jahr seiner Aufhebung, geborene Person sei ein "Dekretkind" [Decretei]. Infolge dieses Dekrets stieg die Geburtenrate von 14,7 im Jahr 1966 auf 27,4 im Jahr 1967. 1972 wurde der Anwendungsbereich des Dekrets auf Frauen bis 45 statt bis 40 Jahre erweitert und die Kinderzahl pro Frau stieg von vier auf fünf.

Manche behaupten, diese Geburten ab 1967 hätten aufgrund eines unmenschlichen sozialen Experiments zu Kohorten "auf Befehl geborener" Dekretkinder geführt. Andere wiederum sind fest davon überzeugt, dass nur die bis 1968 geborenen Kinder so bezeichnet werden dürfen, denn nach einiger Zeit sei es den Menschen gelungen, sich an dieses Leben, in welchem die Sexualität als Zwang erlebt wurde, anzupassen. Statt unter ihnen zu unterscheiden, können wir sie einfach als Menschen betrachten, die unter kommunistischer Herrschaft aufgewachsen sind, als Schlüsselkinder. 1989 waren sie etwa 20 Jahre alt.

Revolution aus Rachegedanken

Manche machen ihren Eltern viele Vorwürfe: "Eigentlich hätten wir gar nicht geboren werden dürfen." "Ich weiß, dass sie es vor meiner Geburt schon jahrelang versucht hatten, aber meine Schwester kam später und war ein ‚Unfall’", erzählte uns eine Frau. "Sie kann immer noch nicht den Moment verwinden, als unsere Mutter ihr sagte, sie sei nicht geplant gewesen." Daher stammt auch die unterschwellige Überzeugung, sie hätten die Gelegenheit genutzt, Ceausescu zu stürzen – die Revolution der Jugend – , weil sie tief in ihrem Inneren Rachegefühle hegten.

Zahlreiche Decretei sind der Meinung, dass sie zwar nicht die Geburt von Computer und Handy erleben konnten, weil sie abgeschottet waren von dem, was die Kinder jenseits des Eisernen Vorhangs besaßen, dass sie jedoch trotzdem bessere Ausdrucksfähigkeiten haben und bessere Blogger sind. Das scheint paradoxal, oder etwa nicht? Ob das wohl auf eine durch Frustration generierte Attraktivität zurückzuführen ist, auf ein Einholen der verlorenen Zeit oder auf die Tatsache, dass sie ihre Jugendzeit länger hinausgezogen haben, vor allem die Männer?

Tragikomische Generation?

Wer sind sie nun? Die disziplinierten Bürger waren kreativ, denn Not ist die Mutter der Erfindung. Sie waren begeisterte Sammler (Pif-Comics, Kronkorken). Sie sind auch heute noch "ausdauernd, robust, stolz und streitlustig, doch auch grausam". Und sie blicken verbittert auf ihre Vergangenheit zurück, als sie vor lauter Frustrationen echte Gefühle nur im Verborgenen haben durften. Sie besitzen noch den Reflex der Naivität. Es fällt ihnen schwer zu akzeptieren, dass sie nicht wissen, woraus die Zukunft besteht. Sie zweifeln daran, welche Werte sie ihren Kindern übermitteln sollen. Gibt es mehr als zwei Millionen "Kinder zuviel"? Sind sie gewalttätig, wie die italienische Psychologin Margherita Carotenuto behauptet?

Für letztere ist auch "die genetisch bedingte Gewalttätigkeit der Decretei die Ursache für Straftaten, die von Rumänen in Italien verübt werden" [Februar 2009, in Il Sole-24 Ore]. Sicher ist, dass diejenigen, die bleiben, ihre Kindheit nicht auslöschen können. Das Vergessen ist kein bewusster Vorgang und das Gedächtnis selektiv. Sind die Dekretkinder eine tragikomische Generation? Eine hybride Generation zwischen zwei Welten, Zeugen des Aufeinanderprallens der Wertesysteme, abgeirrt in einer Welt, in welcher die folgende Generation den öffentlichen Raum für sich beschlagnahmt und auf ganz unverständliche Weise sozialen Erfolg bewiesen hat, und unfähig, die Macht zu ergreifen – dabei haben doch sie die Revolution durchgezogen.

JAHRESTAG

Die Revolution mit Gedichten feiern

Cotidianul, 14.12.09Am 14. Dezember begannen in Lasi die Gedenkfeiern zum zwanzigjährigen Jubiläum des Sturzes des Regimes von Nicolae Ceausescu und der Revolution im Dezember 1989. In dieser Stadt im Norden Rumäniens erblicken "Die Manifeste der Poeten" das Licht der Welt, berichtet Cotidianul. Das Happening wird bis zum 22. Dezember andauern. An dem das Ende des Regimes symbolisierenden Tag wurde der kommunistische Diktator verhaftet. Auf Initiative des bildenden Künstlers Mihai Zgondoius erzählen zwanzig zeitgenössische rumänische Dichter in ihren Texten davon, wie sie die Revolution erlebten. So erwecken sie den Geist dieser Epoche zu neuem Leben. Eine von ihnen ist die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Sie stammt aus der Region Timișoara, wo die Revolution begonnen hat. Verse, Fotografien, Zeichnungen und ihre Werke werden in Buchform unter dem Titel Manifest.20.rEvolutie veröffentlicht. Als Höhepunkt des Ereignisses sollen am 18. Dezember 50.000 Manifeste von einem über Timișoara kreisenden Hubschrauber abgeworfen werden.

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