Die Krise nach Dimitra

In den Straßen Athens findet man nicht nur die jungen „Empörten“, sondern auch Menschen wie Dimitra, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben und heute mit ansehen müssen, wie sich ihr Lebensstandard und ihre Umwelt verschlechtern, wie die Korrespondentin von Foreign Policy berichtet.

Veröffentlicht auf 24 Juni 2011 um 15:35

Nach einem Jahr, in dem ich bei den endlosen Protesten gegen die Sparmaßnahmen in Athen immer auf dieselben Anarcho-Linken und Gewerkschaftsmitglieder traf, ist mir endlich eine Griechin begegnet, die als Aushängeschild für die Wirtschaftskrise dienen könnte.

Dimitra ist eine 62-jährige Großmutter, die in dem einst schicken, heute aber heruntergekommenen Stadtviertel um Victoria Square im Zentrum Athens lebt. Sie betreibt einen Lebensmittelladen, von dem nicht nur sie, sondern auch ihre unterbeschäftigte Tochter und zwei Enkelkinder leben. Ihr Laden ist nun vom Untergang bedroht. Dimitra hat immer ihre Steuern gezahlt, auch als ihre steuerflüchtigen Freunde sich über sie lustig machten, und nie hat sie mehr ausgegeben, als sie sparen konnte.

Die Sparmaßnahmen haben jedoch ihre Steuern und ihre Stromrechnung in die Höhe getrieben, so dass ihr Erspartes bald aufgebraucht sein wird. Als ob das nicht reichen würde, wimmelt es in ihrer Nachbarschaft jetzt vor Junkies und Banden. Nach Einbruch der Dunkelheit traut sie sich nicht mehr vor die Tür, da sie inzwischen gar nicht mehr weiß, wie oft sie schon überfallen wurde. „Ich verschleiße langsam“, sagt sie.

Wenn die anderen Griechen die Geduld verlieren

Die griechischen Politiker schenkten Menschen wie Dimitra viele Jahre lang keine Beachtung. Das hätten sie jedoch besser tun sollen, denn die schweigende Mehrheit – die Griechen, die sich an die Regeln hielten, ihre Steuern zahlten und nicht über ihre Verhältnisse lebten – zahlen jetzt für Schulden, für die ein korruptes, ineffizientes und klientelistisches politisches System verantwortlich ist, das ihnen so gut wie nichts gebracht hat. Vor den Aganaktismenoi, den Griechen, die Slogans skandieren und nach dem Vorbild der spanischen Indignados seit Wochen auf dem Syntagma-Platz mit einem Sit-in gegen die Sparmaßnahmen protestieren, braucht die Regierung keine Angst zu haben.

Auf der Hut sein sollte sie dagegen vor Dimitra und allen anderen Griechen wie sie, die aus Mangel an Beweisen bisher nichts gegen die Regierung unternommen und nach einem Jahr voller letztendlich wirkungslos gebliebener Sparmaßnahmen schließlich die Geduld verloren haben.

Das Chaos im Land hat verschiedene Ursachen, unter anderem die stagnierende Wirtschaft im nahezu sowjetischen Stil, die dem Protektionismus den Vorzug vor der Leistungsgesellschaft gibt, eine Kultur der Korruption, die zur Verschwendung der öffentlichen Mittel führte und die jüngste Krise der illegalen Immigration, die sowohl von Griechenland als auch Europa schlecht gemanagt wurde und zur Folge hatte, dass Tausende von arbeitslosen, zunehmend hoffnungslosen Migranten ohne Papiere in Athen strandeten.

Nährboden für einst marginale, neonazistische Banden

Im vergangenen Jahr wurde darüber hinaus die bedenkliche Zunahme der Gewaltverbrechen zum Nährboden für einst marginale, neonazistische Banden, die so mancher seit langem in der Innenstadt lebende Bürger inzwischen als wirksamere Sicherheitskräfte betrachtet als die städtische und die staatliche Polizei.

„Es steht außer Zweifel, dass sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen. Die Situation macht sie angespannt, wütend und misstrauisch“, so Pater Maximus, Priester von Aghios Panteleimonas, einer Kathedrale im gleichnamigen Stadtviertel im Zentrum Athens, wo im letzten Jahr einige der schwersten Verbrechen verübt wurden.

„Ich weiß nicht, was ich alten Frauen sagen soll, die weinend zu mir kommen, den Körper mit Prellungen überzogen, nachdem sie von einem afghanischen oder afrikanischen Migranten auf dem Weg zur Kirche überfallen wurden. Ich weiß auch nicht, wie ich reagieren soll, wenn afrikanische Prostituierte im Teenageralter vorsprechen, um Hilfe flehen und einen Ausweg aus der Falle suchen, in die ihr Leben geraten ist, oder obdachlose Migranten, die vor der Kirche Quartier bezogen haben. Es herrscht keine Ordnung, und in dieser Atmosphäre kann jedes Opfer selbst zum Verbrecher werden.“

Mit Hitlergruß in den Stadtrat

Die Dinge haben sich im vergangenen Jahr hier wirklich zurückentwickelt, sagt er. Viele Rentner weigern sich, auf die Straße zu gehen aus Angst, von Xenoi, den „Ausländern“ aus Afrika und Asien, überfallen zu werden, die in ihren Stadtvierteln jetzt in der Überzahl sind. Als Reaktion darauf patrouillieren rechtsextremistische Banden in den Straßen und überfallen behelfsmäßige Moscheen in Kellergeschossen, in denen sich gerade Migranten aus Bangladesch zum Gebet versammeln.

Viele Mitglieder dieser Banden gehören Chrysi Avgi („Goldenes Morgengrauen“) an, einer von den meisten Griechen verachteten, faschistischen Randgruppe. Bei den Provinzwahlen im Oktober vergangenen Jahres halfen verzweifelte Bewohner der von Verbrechen gebeutelten Stadtviertel Athens, den Chef von Chrysi Avgi, Nikolas Michaloliakos, in den Stadtrat Athens zu wählen, da er versprach, hart gegen das Verbrechen vorzugehen und die mutmaßlich verantwortlichen Migranten auszuweisen.

Michaloliakos ist dafür bekannt, die anderen Ratsmitglieder mit dem Hitlergruß zu begrüßen. Während Chrysi Avgi keine Aussicht darauf hat, Sitze im Parlament zu erhalten, „zeigt die Tatsache, dass die Gruppe nunmehr in der politischen Szene vertreten ist, dass es aufgrund der schwächeren Unterstützung der beiden größten Parteien Griechenlands jetzt Raum für Randgruppen gibt“, so Stathis Kalyvas, Professor für Politikwissenschaft an der Universtät Yale, der die Entwicklungen in seiner Heimat aus nächster Nähe mitverfolgt.

„Das ist nicht mein Land“

Die meisten Griechen sind nicht ausländerfeindlich, aber durch die Krise erfolgte eine stärkere Abschottung dieser etwas engstirnigen Kultur. Viele weichen vor den Europäern, besonders den Deutschen, zurück, die sie oft ungerechterweise als faule Verschwender mit Versorgungsanspruch bezeichnen, und andere vor dem IWF, von dem sie befürchten, er versuche Griechenland zu übernehmen. Ich habe Flugblätter der Bewegung „Griechisch kaufen“ gesehen, die durch Werbung für griechische Produkte sowohl den Nationalstolz als auch die Wirtschaft fördern möchte.

Dimitra, die Großmutter, kämpfte gegen diese Abschottung an, als ich sie im letzten Monat traf, und das ist ihr hoch anzurechnen. Ich erlebte sie beherzt und direkt, mit kurzem, grauen Haar, einer Brille wie eine Lehrerin und einem umwerfend mädchenhaften Lächeln.

Sie stand während einer Gedenkveranstaltung für einen Mann aus Bangladesch dicht bei mir, der als Vergeltung für den Mord an einem Versicherungsmakler im letzten Monat erstochen wurde. Als ich hinzukam, war die Menschenmenge bereits aufgebracht; sie sang: „Ausländer raus aus Griechenland!“, schwang griechische Fahnen und jagte einen unglücklichen afrikanischen Migranten, der in Müllcontainern nach Nahrung und nach Getränkedosen suchte, die er zu Geld machen könnte.

Banden verschwitzter junger Griechen rollten ihre Fahnen auf und hielten die Stangen wie Knüppel, zum Kampf bereit. Als die Menge wütend die Nationalhymne anstimmte, weigerte sich Dimitra, mitzusingen. „Das ist nicht mein Land,“ sagte sie weinend. „Warum haben wir die Augen vor unseren Problemen geschlossen und zugelassen, dass sich die Situation so zuspitzt?“

Aus dem Englischen von Angela Eumann

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