Edinburgh, Babels Lachen

Auch dieses Jahr sind Comedians aus ganz Europa zum Fringe Festival nach Edinburgh gereist. Wie gelingt es ihnen, das Publikum in der Fremdsprache zum Lachen zu bringen?

Veröffentlicht auf 20 August 2010 um 15:03
Crow |  Ist er wirklich... ein Deutscher? Henning Wehn und seine Gäste beim Fringe-Festival 2010.

Humor in der Fremdsprache ist eine heikle Sache. Nehmen wir zum Beispiel diesen italienischen Witz: "Perche' gli inglesi portano i gemelli?" Selbst wenn man weiß, dass das "Warum tragen die Engländer Manschettenknöpfe?" heißt, ist die Antwort und Pointe – "Perche' hanno paura che i francesi gli entrino nella Manica!" (Weil sie Angst haben, dass sonst die Franzosen durch den Ärmel(kanal) kommen) nicht für jedermann verständlich, denn im Englischen heißt der Ärmelkanal einfach nur "Channel" (Kanal) und das Wortspiel geht verloren. Und bis man das erst einmal erklärt hat, ist es nicht mehr lustig.

Und doch sind dieses Jahr Dutzende von Standup-Comedians anlässlich des jährlichen Kunstfestivals in Edinburgh und treten dort in einer Sprache auf, die nicht ihre eigene ist: Englisch. Doch können sie sich in dieser verbalsten aller Kunstformen, in welcher kulturelle Anspielungen, individuelles Image und Wortspiele zusammenfließen, überhaupt durchsetzen? Manche dieser Comedians leben in Großbritannien und treten schon immer in englischer Sprache auf, andere haben als Stand-ups in Schweden, Holland oder Norwegen angefangen und hoffen nun, hier einen größeren Markt zu finden. Nicht, dass Geld der einzige Grund wäre, auf Englisch aufzutreten. Hans Teeuwen aus den Niederlanden oder der Schwede Magnus Betnér gelten mit ihren Shows in ihrer Heimat als Superstars.

Jeder Sprache ihr Witz

Der italienische Comedian Giacinto Palmieri hat sogar noch nie in italienischer Sprache gespielt. "Meine Nische ist es, deutlich zu machen, wie absurd manche idiomatischen englischen Ausdrücke für das italienische Ohr klingen." Dazu gehört zum Beispiel "Bob's your uncle", ein Ausdruck, der sich ursprünglich auf die Vetternwirtschaft des britischen Premierministers Robert Cecil im 19. Jahrhundert bezog [und seither als Synonym für "die Sache ist geritzt" verwendet wird]. Palmieri bietet als italienische Alternative "Silvio fucked your daughter" an (Silvio hat deine Tochter gefickt). In Italien, so Palmieri, herrscht eine eher optische Kultur und Humor geht mit Körpersprache einher – man denke da etwa an Roberto Benigni – und trockene Witze werden als "umorismo inglese" (englischer Humor) bezeichnet. Für Palmieri eignet sich die englische Sprache ganz besonders gut für verbalen Humor. "Sie ist sehr idiomatisch und polysemisch und besitzt eine Menge Homophone", erklärt er (in seiner Zweitsprache!). "Damit kann man sehr schön spielen. Genau die Elemente, die das Englische zu einer schwer zu erlernenden Sprache machen, sind für die Comedy besonders gut."

Der Comedian Stewart Lee erklärte einmal die Tatsache, dass die Deutschen als humorlos gelten, durch die starren Satzstrukturen der deutschen Sprache, denn die machen die Technik des "Twist in the tail" – der überraschenden Pointe am Ende, auf welcher die englische Comedy beruht – unmöglich. Zum Glück musste der deutsche Komiker Henning Wehn noch nie eine existierende Nummer ins Englische übersetzen – wie Palmieri begann auch er erst nach seinem Umzug nach Großbritannien mit der Comedy. Der einzige Haken ist für ihn heute das Abweichen vom Skript. "Wenn ich improvisieren will, fallen mir die richtigen Wörter nicht ein." Doch kein Englisch-Muttersprachler zu sein, kann sich auch als Vorteil erweisen. Teeuwen findet, Nicht-Muttersprachler bringen die Comedy "so wie Sinatra singt. Sie sind sich jedes gesprochenen Wortes bewusst".

500 Worte auf Englisch, und die Comedy läuft

Im Gegensatz zu Wehn, der mit deutschen Stereotypen spielt, steht Teeuwens Nationalität nicht im Mittelpunkt seiner Show. "Mein Stoff kann manchmal etwas seltsam sein", erklärt er. In der Tat: Da gibt es Nummern mit sprechenden Kaninchen und Lieder über Nostradamus mit Bongotrommelbegleitung. "Durch den holländischen Akzent wird die Entfremdungsatmosphäre noch verstärkt." Teeuwen ist in den Niederlanden allgemein bekannt. Ursprünglich übersetzte er seine Nummern ins Englische, doch er "verwendete kein Wörterbuch. Ich habe mir einfach gedacht, den Wortschatz, den ich habe, den benutze ich. [Der amerikanische Comedian] Richard Pryor blieb insgesamt auch unter 500 Wörtern. Comedy sollte einfach und direkt sein."

Betnér spricht fließend Englisch und seine politische Comedy beruht nicht auf Wortspielen, also ging er davon aus, dass seine Gigs auf Englisch ganz glatt gehen würden. Doch dann fand er den Unterschied zwischen Sprechen und Auftreten enorm. Für den norwegischen Komiker Dag Soras war es genau andersherum. "Als ich angefangen hatte, mein norwegisches Material ins Englische zu übersetzen", erzählt er, "hatte ich auf einmal ganz neue Nummern auf Englisch, die ich nur schwer ins Norwegische übersetzen konnte." Teeuwen stellte das ebenfalls fest: Heute hat er Nummern im Programm, die auf Niederländisch nicht funktionieren würden. Dazu gehört zum Beispiel eine Rede im Obama-Stil, dessen hochtrabende Rhetorik nicht in seine eigene Sprache übertragbar ist. "Oder wenn man etwas Shakespeare-artiges macht, oder auf amerikanische Filme oder Gangstersprache oder Hip-Hop anspielt – das klappt auf Englisch alles besser."

Ist der Deutsche mit deutschem Sitcom-Akkzent Deutsch?

Wie Betnér setzt Soras sein Ausländersein nicht als Verkaufsargument ein. Palmieri hingegen träumt von dem Tag, an dem endlich über seine Identität hinweggesehen wird. "Ich will nicht mein ganzes Comedy-Leben an Italienbezogenen Shows festhängen müssen", sagt er. Palmieri versucht, dieses "Paradox" auszugleichen, indem er als englischer Comedian auftritt, der vorgibt, Italiener zu sein. Und seinem Publikum scheint dieser doppelte Bluff zu gefallen. Ausländer sein kann sogar seine Vorteile haben. "Einem Akzent zuhören", so Wehn, "das ist wie umsonst in Urlaub fahren."

Doch manche Zuschauer stellen so hohe Ansprüche in Sachen Exotik, dass sie sogar bei dem entschieden germanisch auftretenden Wehn das Gefühl haben, nicht auf ihre Rechnung zu kommen. "Viele Leute wollen nicht glauben, dass ich tatsächlich Deutscher bin. Da stehe ich eine Stunde lang auf der Bühne und dann kommt irgendein Idiot daher und sagt‚ 'Sie sind doch nicht wirklich aus Deutschland, oder?'" Wehn macht dafür die englische Comedy verantwortlich – wen sonst? "Das kommt, weil ich nicht wie die Deutschen in "’Allo 'Allo" klinge, dieser britischen Sitcom, die im Zweiten Weltkrieg spielt!" (pl-m)

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