Europa laut Ryanair (1/3)

Mit ihren scheinbar unschlagbaren Preisen ist die Fluggesellschaft zu einem der wesentlichen Instrumente für die Mobilität der Europäer geworden. Doch wie sieht Low-Cost-Europa aus? Zwei Journalisten des Monde haben für 500 Euro in fünf Tagen neun Länder bereist.

Veröffentlicht auf 13 Juli 2011 um 14:09

Eine Europareise für 500 Euro. In fünf Tagen den Fuß auf neun europäische Böden setzen. An einem sizilianischen Stand sonnenbaden (wenn auch nur kurz), der Wachablösung vor dem Buckingham-Palast beiwohnen, durch die Altstadt von Porto schlendern. Am selben Tag in Lettland frühstücken, in Belgien mittags Pommes essen und in Katalonien abends Tapas schlemmen.

Nur mit einer einzigen Fluggesellschaft ist eine solche Tour möglich: Ryanair. Die Zeitungen haben in den letzten Jahren viel über die Methoden der Low-Cost-Queen geschrieben: über ihren Zugriff auf verhüllte Subventionen, ihre nicht entrichteten Sozialabgaben, ihr Jonglieren mit der europäischen Gesetzgebung… Lauter Praktiken, die dem Unternehmen erlauben sollen, seinen Kunden nicht zu unterbietende Tarife anzubieten. Und Kunden hat es so viele wie noch nie (letztes Jahr 73,5 Millionen Passagiere).

Es wäre jedoch falsch, zu glauben, dass die Ryanair-Nutzer jedes Mal ein Schnäppchen machen. Zwischen dem angekündigten Preis auf dem Werbeplakat und der letztendlich ausgegebenen Summe können große Unterschiede bestehen. In den von uns zitierten Preisen sind für Tickets, die wir über einen Monat vor dem Abflug gekauft haben, zahlreiche „Extras“ enthalten: Flughafensteuer, Online Check-In, Gebühren für Kreditkartenzahlung… Der Flug an Bord einer Boeing 737-800 der irischen Fluggesellschaft – ein Einheitsmodell, aus Kostengründen – ist eine sonderbare Erfahrung.

Das findet man am besten durch eine intensive Nutzung Ryanairs heraus: Im schnellen Rhythmus von einem Flughafen zum anderen hüpfen. Ins Zentrum der jeweiligen Städte fahren. An Bord essen, natürlich. Und sich mit anderen Fluggästen austauschen. Neun Flüge standen auf dem Programm, insgesamt 12.000 km: Bitte anschnallen!

1. TAG

DIE ANGST VOR DEM ÜBERGEWICHT

Zu einer derartigen Odyssee konnten wir nur an einem Ort starten: in Beauvais, dem Low-Cost-Eldorado, wo wir nach einer 75-minütigen Busfahrt von der Pariser Porte Maillot gut zwei Stunden vor unserem ersten Abflug (nach Sizilien) eintreffen, wie empfohlen. Zwischen zwei Terminals fernab der traditionellen Routen die Zeit totschlagen, das gehört zum Alltag des sparsamen Reisenden. Zwei Stunden sind jedoch nicht zu viel, um sich besorgt zu vergewissern, dass nichts fehlt. Insbesondere die Bordkarte, die jeder Kunde selbst online erstellt und zuhause ausgedruckt haben muss. Wer das vergisst, zahlt für den Ausdruck vor Ort (durch Ryanair) 40 Euro – viel Geld für ein Blatt Papier in DIN A4. Dasselbe kostet auch jedes Handgepäckstück, das nicht den Höchstabmessungen (55 x 40 x 20 cm) oder dem von der Fluggesellschaft erlaubten Höchstgewicht (10 kg) entspricht.

Freund Paolo, der Fotograf, und ich haben am Vortag intensiv mit Hemden und elektronischen Geräten herumhantiert, um unsere beiden Gepäckstücke mit dem gleichen Gewicht zu füllen, und sind dabei auf jeweils 10,1 kg gekommen. Wird uns ein übereifriger Stationsleiter wegen der 100 Gramm zuviel Ärger machen? Oder wegen der zwei Zentimeter, die mein Köfferchen zu hoch ist? Paolo hat diese Sorge wenigstens nicht: Er hat das „offizielle“ Handgepäckstück gekauft, das Ryanair auf seiner Website anbietet. Zum stolzen Preis von 79 Euro für eine Polyestertasche.

Doch so ist es mit dem Luftgeschäft: Ein gestresster Reisender ist ein guter Zahler. Eine Gleichung, die Ryanair bis zum Äußersten getrieben hat, und zwar mit verschiedenen Diensten, die einen diskutablen Nutzen beweisen: Bestätigungs-SMS, Priority Boarding (vorrangiges Einsteigen)… und eine hauseigene Versicherung, der man nur bei starker Konzentration entgeht: Der Vermerk „Keine Reiseversicherung“ erscheint mitten in einem Abrollmenü, zwischen Lettland und Litauen!

In Beauvais ist die Kontrolle an diesem Morgen durchaus nicht pingelig – es ist fast enttäuschend. Und wenn alles, was man so über die berühmte Unnachgiebigkeit von Ryanair hört und liest, nur bloßes Gerede wäre? Nur Geduld… Wie es der Zufall der Warteschlange so will, hat das Pärchen vor uns zu diesem Thema einiges zu erzählen. Clémentine Courbin und Redouane Abdat, Masterstudenten für Internationales Business an der Universität Paris-Dauphine, waren vor einer Woche mit ihrer Transaktion nicht unzufrieden: Zweimal Beauvais-Trapani und zurück für 200 Euro. Doch aus einem unerfindlichen Grund – falsch eingegeben? Programmfehler? – landete der Vorname der jungen Frau bei der Reservierung in dem Feld für den Nachnamen ihres Begleiters. Die Korrektur des falschen Tickets kostete sie… 100 Euro zusätzlich. „Wir haben den Reklamationsservice angerufen, ein Callcenter im Ausland, wo einem die Leute vorgefertigte Antworten herunterleiern. Sie haben nichts hören wollen, obwohl wir ehrlich waren. Ich reise zum ersten Mal mit Ryanair. Aber auch zum letzten Mal“, schimpft sie.

Ankunft in Trapani, unfern der Kampfflugzeuge der NATO, die zum Bombenabwurf nach Libyen fliegen. Ein Spaziergang durch das Zentrum der kleinen sizilianischen Stadt, die nicht ohne Charme ist. Und am selben Abend Abflug nach Frankfurt-Hahn.

Der zweite Flug ist identisch mit dem ersten (und allen folgenden), mit dem einzigen Unterschied, dass wir diesmal nachts fliegen. Und in einer Maschine der Marke mit der keltischen Harfe (Ryanairs Markenzeichen) ist es nicht einfach, Schlaf zu finden. Die nicht zurücklehnbaren Sitze erweisen sich am Ende des Tages als Tortur für die Wirbelsäule. Aber was will man, es müssen schon so viele Leute wie möglich in das Flugzeug gepfercht werden, damit die Preise vorteilhaft sind. Noch günstiger werden sie dann, wenn es endlich auch Stehplätze gibt – ein Gedanke, den Michael O’Leary, der rührige Vorsitzende von Ryanair, 2009 aufbrachte.

Schlafen, also. Auch nicht einfach, wenn einem das Bordpersonal alle 10-15 Minuten etwas „verkaufen“ will. Ryanair erzielt 20 Prozent seines Umsatzes (3,6 Milliarden Euro) durch den Verkauf von Zusatzprodukten. Sehen wir über den Geschmack der belegten Brötchen hinweg, der umgekehrt proportional zum verlangten Preis ist. Bei Ryanair gibt es auch elektronische Zigaretten („Gute Nachricht für die Raucher“, kündigt mit laschem Enthusiasmus eine Stewardess an), Telefonkarten (viel günstiger als „Ihre astronomischen Pauschalen“, entflammt sich ein neugebackener Steward) oder Rubbelkarten für ein von der Fluggesellschaft organisiertes Glücksspiel, dessen Ertrag zum Teil an Wohltätigkeitsorganisationen geht.

Doch das absolute Muss – das bahnbrechende Produkt, das Sie „sicher in der Fernsehwerbung gesehen“ haben – ist eine Armbanduhr mit einem Halbedelstein, die (ich zitiere) „Schlaf, Entspannung, Meditation, Konzentration, Vitalität“ fördert… und sogar die „natürliche Entschlackung des Körpers“. Feiern wir diesen Kauf – 12 Euro – mit dem Verzehr eines warmen Tomaten-Mozzarella-Sandwichs von unerreichbar gummiartiger Qualität! Nichts zu befürchten, wir haben ja jetzt die Uhr.

Fortsetzung folgt….

Aus dem Französischen von Patricia Lux-Martel

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