16. November 1980, 7 Uhr 55: Hélène Rytmann-Legotien stirbt, erwürgt von ihrem Ehemann, dem Philosophen Louis Althusser (1918–1990). Sie befanden sich in ihrer Dienstwohnung an der Elitehochschule École normale supérieure (ENS) in Paris. Althusser war dort Sekretär.
Althusser, der seit Monaten unter Depressionen litt und bei dem bereits 1947 eine manisch-depressive Störung diagnostiziert worden war, gestand die Tat sofort und wurde in die psychiatrische Klinik Sainte-Anne in Paris eingewiesen.
Zu diesem Zeitpunkt war Althusser eine bekannte Persönlichkeit; die ENS ist noch heute eine der renommiertesten und selektivsten akademischen Einrichtungen Frankreichs. Die Ermittlungen gegen ihn wurde im Februar 1981 eingestellt: Althusser wurde im Sinne des Artikels 64 des französischen Strafgesetzbuchs für unzurechnungsfähig erklärt, wonach „weder ein Verbrechen noch ein Vergehen vorliegt, wenn sich der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befindet“.
Er starb 1990, und ihm wurden zahlreiche Ehrungen für seinen Beitrag zur Kultur zuteil.
Althusser died in 1990 and was widely honoured for his contribution to culture.
Die Banalität des Bösen (bösen Mannes)
Es sollte über 40 Jahre dauern, bis dieser Mord auch als Femizid anerkannt wurde, dank der Recherchen, Kämpfe und Mobilisierungen von Feministinnen, Forscherinnen und Aktivistinnen, die dafür sorgten, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit geriet.

2023 sorgte ein Buch für Aufsehen in den Medien: Althusser assassin. La banalité du mâle - Althussers Femizid (Remue-Ménage, 2023), verfasst vom kanadischen Politikwissenschaftler und Spezialisten für Antifeminismus und Männerfragen Francis Dupuis-Déri.
Der Text wurde 2025 ins Englische und Indonesische sowie 2026 ins Deutsche übersetzt. Eine griechische Übersetzung ist in Arbeit.
In französischen Verlagen folgten auf dieses Buch zwei weitere Veröffentlichungen: Les Fragments d’Hélène - Hélènes Fragmente von Johanna Luyssen (Julliard, 2005) und L’éffacement. Hélène Legotien: tuée, oubliée - Ausgelöscht. Hélène Legotien: getötet und vergessen von Jo Ros (Le temps des Cerises, 2026).
Wer war Hélène Legotien?
„Als ich anfing zu diesem Mord zu recherchieren“, erzählt mir Dupuis-Déri, „dachte ich, dass es sich um eine längst vergangene Geschichte handelt“. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wie er im Nachwort der englischen und deutschen Ausgaben seines Buches berichtet, erhielt er Dutzende von Briefen, die von einer sehr lebendigen Erinnerung an diese Geschichte zeugten, auch wenn diese noch nicht ausreichend erzählt und aufgearbeitet wurde.
„Was mir bei Louis Althusser als Erstes in den Sinn kam, war, dass er seine Frau getötet hatte – und zwar in den Räumlichkeiten der ENS“, erzählt mir Lucie Rondeau du Noyer, die ich im April in Paris getroffen habe. Die Doktorandin, Historikerin sowie ehemalige Studentin der ENS arbeitet seit Sommer 2022 daran, Leben und Werk von Legotien akribisch genau zu rekonstruieren.
Eine Arbeit, die für sie mit einer Frage des Respekts begann. Sollte man Hélène Rytmann, Hélène Legotien oder doch lieber Hélène Rytmann-Legotien sagen? „Wenn es darum geht, jemandem seine Stimme zurückzugeben, ist es natürlich sinnvoll, dies unter dem Namen zu tun, den die Person selbst gewählt hat“, erklärt Rondeau du Noyer.
Hélène Legotien wurde 1910 in Paris geboren, nachdem ihre jüdische Familie vor den russischen Pogromen geflohen war. Ab 1944 begann Hélène Rytmann, Legotien als Nachnamen zu verwenden – ohne ihn im Standesamt ändern zu lassen –, in Anlehnung an ihre Vergangenheit in der Résistance.
Althusser und die acht Jahre ältere Hélène Legotien lernten sich 1945 kennen und heirateten 1976. Zwischen 1951 und 1954 arbeitete Hélène Legotien bei der Europäischen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECE). Zunächst als Schreibkraft, dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin und anschließend als Soziologin bei der Gesellschaft für Studien zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung (Sédés).
Ihr Interesse galt vor allem der Landwirtschaft und den Systemen der ländlichen Entwicklung. Sie gehörte in den 1960er- und 1970er-Jahren zu denen, die „ein kritisches und marxistisches Entwicklungskonzept“ entwickelten, erklärt Rondeau du Noyer.
Ihre letzten Lebensmonate wurden in einem Artikel von Johanna Luyssen geschildert, der 2023 in Libération erschien und durch den der Fall wieder Aufmerksamkeit bekam. In dem Artikel kommt auch die Forscherin Jo Ros zu Wort. Sie hatte 1980, einige Monate vor dem Mord, gemeinsam mit Legotien in Port-de-Bouc, einer südfranzösischen Kleinstadt, an der Aufarbeitung der lokalen Arbeitergeschichte gearbeitet hatte.
Legotien, damals bereits pensionierte Soziologin, hatte im Februar 1980 das Büro von Ros aufgesucht, um sich als Freiwillige für dieses Projekt zu bewerben. Sie stellte sich unter dem Namen Hélène Legotien vor. Erst später gab sie zu, die Ehefrau von Althusser zu sein, und bat darum, dies geheim zu halten. Mit 70 Jahren hatte sie also noch den Wunsch und die Energie, an diesen für sie unbekannten Ort zu reisen, weil sie im Radio von einem Projekt gehört hatte, an dem sie mitwirken wollte.
Was Legotien interessierte, waren „die Gründe für das anhaltende Unbehagen [der unteren Bevölkerungsschichten] und die Ausbeutung, der sie zum Opfer fielen - trotz des drei Jahrzehnte anhaltenden Wirtschaftsbooms, den es in Frankreich seit 1945 gegeben hatte“, schreibt Rondeau du Noyer. Die Nachricht von ihrer Ermordung hat die Gruppe, die 1980 mit ihr zusammengearbeitet hatte, tief erschüttert. 1984 veröffentlichten ihre Mitglieder eine Studie zum Gedenken an Legotien mit dem Titel Von der Werft zur Stadt: Die Erinnerung der Arbeiter von Port-de-Bouc.
„Hélène Legotien war jemand, die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und trotz der damaligen Einschränkungen eine großartige Karriere als Forscherin gemacht hat“, fügt Rondeau du Noyer hinzu. „Und die Menschen inspiriert hat, die noch heute davon zeugen, was sie von ihr gelernt haben.“
Der Mörder, die zentrale Figur der Geschichte
Trotz ihrer Karriere blieb Hélène Legotien jahrelang immer nur „die Ehefrau von“, „die Frau von“ oder „die erwürgte Frau aus der Rue d’Ulm“. Ihr Name tauchte, wenn überhaupt, nur am Ende der Artikel auf, wie die Recherche von Libération zeigt.
Der Bericht über ihren Femizid wurde zunächst von Louis Althusser selbst in seiner Autobiografie L’Avenir dure longtemps verfasst. Der 1992 posthum veröffentlichte Text verkaufte sich 35.000 Mal in Frankreich und wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt.

In diesem Buch erzählt Althusser seine Geschichte, schildert seine Depression und sein Leiden in einer selbstgerechten Darstellung. Sein Werk wurde als „aufrichtiger Text“ präsentiert und von Intellektuellen als „Meisterwerk der autobiografischen Literatur“ gepriesen, schreibt Dupuis-Déri. Für ihn hingegen ist das Buch „unbedeutend, widerwärtig und empörend.”
In seiner Autobiografie berichtet Althusser, dass Legotien in den letzten Jahren ihres Lebens Selbstmordgedanken gehabt habe – als hätte er ihr durch den Mord das gegeben, was sie sich gewünscht habe.
1985 schrieb die Journalistin Claude Sarraute in Le Monde über einen anderen Frauenmörder, den Japaner Issei Sagawa: „Die Medien machen, sobald ein prominenter Name in einen aufsehenerregenden Prozess verwickelt ist […], eine große Sache daraus. So wie bei Althusser. Das Opfer? Es verdient keine drei Zeilen. Der Täter ist der Star.“
„Mit Klarheit und in makelloser Prosa beschreibt Althusser sein inneres Drama“, heißt es in einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1992 über Althussers Schilderung seines eigenen Verbrechens. Was das Opfer betrifft, kein Wort.
„Man kann diese von Empathie gegenüber Althusser geprägten Kommentare mit denen vergleichen, die zum Beispiel nach der Ermordung der Schauspielerin Marie Trintignant im gemacht wurden”, erklärt Dupuis-Déri. Trintignant wurde 2003 von ihrem Lebensgefährten Bertrand Cantat [dem Sänger der Band Noir Désir] zu Tode geprügelt. „In beiden Fällen handelte es sich bei den Mördern um Männer, die der intellektuellen oder kulturellen Elite angehörten.“
„Ob Philosoph oder nicht, ob Marxist oder nicht, ob verrückt oder nicht – Althusser ist nicht mehr und nicht weniger als einer dieser sehr zahlreichen Männer, die jedes Jahr ihre Partnerin oder Ex-Partnerin töten. Dieses Ausblenden sozialer Gesetzmäßigkeiten und Kategorien ist der Gipfel, wenn man bedenkt, dass der Mörder der einflussreichste marxistische Theoretiker seiner Zeit war“ - Dupuis-Déri.
Die von Dupuis-Déri zitierte kanadische Forscherin Lucile Cipriani sagt dazu: „Die Äußerungen eines Täters können den gesamten Raum einnehmen und die Aufmerksamkeit vom Leiden des Opfers auf das des Täters lenken. […] Die in der Kindheit erlebten Schicksalsschläge, die Qualen durch Eifersucht und Trennungen, die Verletzungen des Egos, die Lebensmüdigkeit und das Kontrollbedürfnis von Männern, die Frauen misshandeln, werden in den Medien regelmäßig beschrieben. […] Unsere Kultur räumt dem Diskurs der Täter einen wichtigen Platz ein – obwohl dieser nicht nur die Aufmerksamkeit vom Leiden der Opfer auf das eigene lenkt, sondern auch dazu beiträgt, die Gewalt aufrechtzuerhalten.“
Die damals von allen akzeptierte Erklärung für den Femizid an Hélène Legotien war der „Wahnsinn“ des Mörders. Eine These, die Althusser selbst übrigens in seiner Autobiografie vertritt. Ein persönliches, singuläres Problem also, das sich in keine strukturelle Praxis einordnen lässt.
„Mit viel Fantasie, um scheinbar ausgefeilte Hypothesen aufzustellen, aber auch mit viel Mühe, wurde in dem Fall stets eine relativ einfache Tatsache ausgeblendet: Ob Philosoph oder nicht, ob Marxist oder nicht, ob verrückt oder nicht – Althusser ist nicht mehr und nicht weniger als einer dieser sehr zahlreichen Männer, die jedes Jahr ihre Partnerin oder Ex-Partnerin töten. Dieses Ausblenden sozialer Gesetzmäßigkeiten und Kategorien ist der Gipfel, wenn man bedenkt, dass der Mörder der einflussreichste marxistische Theoretiker seiner Zeit war“, schreibt Dupuis-Déri.
Althusser, Erfinder des „Maskulinismus”
„Um diese Geschichte zu verstehen, muss man den außerordentlichen Einfluss begreifen, den Louis Althusser in Frankreich vor 1968 auf die französischen Intellektuellen ausübte“, erklärt der Journalist Robert Maggiori von Libération. „Er war ein Guru. Régis Debray, Bernard-Henri Lévy, Alain Badiou, André Comte-Sponville … Sie alle waren seine Anhänger, auch wenn sie sich manchmal lautstark von ihm losgesagten. Man wurde Althusserianer, wie man einer Religion beitrat. Er war eine Leitfigur in der Ära der intellektuellen Gurus im Stil von Deleuze, Derrida und Foucault.“
„In den 1970er-Jahren, weltweit und insbesondere in England“, war der Einfluss von Althusser von grundlegender Bedeutung, sowohl im akademischen Umfeld als auch innerhalb der politischen Gruppen der kommunistischen Linken”, erklärt auch Michel Lacroix, Professor am Institut für Literaturwissenschaft der Université du Québec à Montréal. „Althussers Einfluss verlieh dem Marxismus akademische Legitimität, vor allem mit den Werken Das Kapital lesen (1965) und Für Marx (1965)“, fügt er hinzu. „Althusser war einer der meistgelesenen und meistzitierten Denker“, auch wenn dies heute nicht mehr der Fall ist.
Bei seiner Arbeit im Althusser-Archiv am Institut Mémoires de l’édition contemporaine (Imec) entdeckte Michel Lacroix zwei unveröffentlichte Texte des Philosophen. Dank seiner Hilfe und der von Francis Dupuis-Déri konnte ich diese beiden Schriften einsehen.
Althusser spricht darin vom Feminismus als einer „ideologischen Bewegung“, die den Mann als Hauptverantwortlichen für die Ausbeutung der Frau bezeichnet. Eine Bewegung, die in seinen Augen eine „historische Rache“ darstellt und so weit geht, „die physische und soziale Abspaltung bestimmter Frauengruppen herbeizuführen“. Der marxistische Theoretiker stellt des Weiteren die Hypothese auf, dass sich „eine ‚maskulinistische Ideologie‘ bilden könnte“, die „die jahrhundertelange Ausbeutung und Unterdrückung, die die Frau dem Mann auferlegt“, anprangert.
Laut Francis Dupuis-Déri, der einen Teil dieser Zitate im Nachwort der englischen und deutschen Ausgaben seines Werks aufgreift, handelt es sich dabei höchstwahrscheinlich um eine Reaktion auf den radikalen Feminismus und insbesondere auf L’ennemi principal, einen Text von Christine Delphy, der 1970 in der Zeitschrift Partisans erschien und später als Buch veröffentlicht wurde.
Der aus dem Archiv zutage geförderte Text von Althusser ist ein recht klassischer antifeministischer Text, der Männer als Opfer von Frauen darstellt. Mit der Besonderheit, dass sein Autor ein Mann ist, der seine Lebensgefährtin getötet hat. Wie Dupuis-Déri schreibt: „Heute wissen wir nur zu gut, wozu ein solcher, mit dem Opferstatus verbundener Groll führen kann.“
Generell wurde der Feminismus in marxistischen Kreisen vor allem als Nebensache betrachtet. Eine Sichtweise, die nach wie vor Teil des Diskurses bestimmter politischer Gruppen ist, da der Kampf der Arbeiterklasse im Vordergrund stand. „Dass die Feministinnen ihre eigene Bewegung aufgebaut haben, passierte doch deshalb, weil in den marxistischen Bewegungen der Kampf der Frauen stets auf einen zweitrangigen Platz verwiesen wurde“, fügt Lacroix lächelnd hinzu. Aus dieser Perspektive fügt sich Althussers „Antifeminismus“ in den klassischen Paternalismus ein, in die Hierarchisierung der Kämpfe, wie es bei der „großen Mehrheit der Marxisten jener Zeit“ der Fall war.
Doch, so fügt Lacroix hinzu, „Althusser geht noch weiter“. Was an seiner Argumentation deutlich wird, ist „der Eindruck, dass primitiver Antifeminismus, den wir mit dem heutigen Maskulinismus verbinden, auch bei einem Theoretiker von so hohem Niveau wie Althusser vorhanden war. Das offenbart eine mächtige patriarchalische Grundlage, aber vielleicht auch etwas Neues. Nämlich, dass Althusser den Maskulinismus erfunden hat.“

Dies sei nach Meinung des Forschers, eine „Art von Angst und Groll, die ihn dazu antreibt, seine gewohnten Bezugspunkte zu überschreiten“: Der Feminismus sei für Althusser kein „sekundärer Verbündeter“, sondern wird in seinen Augen zu einem „ideologischen Gegner, einer Abweichung, die um jeden Preis bekämpft werden muss“.
Maskulinismus wiederum ist nach der Definition von Francis Dupuis-Déri eine „antifeministische Strömung, die auf der irrtümlichen Vorstellung beruht, dass Männer unter Frauen, Feministinnen und der Feminisierung der Gesellschaft leiden.“ Eine Vorstellung, die den Mythos von der „Krise der Männlichkeit” konstituiert.
Das bedeutet nicht, dass jeder, der Teile des maskulinistischen Diskurses vertritt, bereit ist zu töten. Wichtig ist laut Dupuis-Déri vielmehr zu erkennen, dass es in der „Logik des maskulinistischen Diskurses und der maskulinistischen Ideologie“ Elemente gibt, die zur Rechtfertigung von Femiziden herangezogen werden können.
Im Anschluss an die Forschungen von Lucie Rondeau du Noyer hat die Direktorin des Imec, Nathalie Léger, ein Projekt ins Leben gerufen, das darauf abzielt, innerhalb des Forschungszentrums ein Legotien-Archiv aufzubauen.
Im März 2023 benannten engagierte Studierende an der ENS den Aron-Saal um in „Hélène-Legotien-Rytmann-Saal; Widerstandskämpferin und Soziologin; Opfer eines Femizids an der ENS im Jahr 1980“. Als Reaktion darauf beschloss die Schulleitung, einen weiteren Saal dem Andenken an Hélène Legotien Rytmann zu widmen.
Dies wurde am 25. November 2024 im Rahmen einer Feierstunde bekannt gegeben, und die Arbeiten sind bereits im Gange. Der Saal soll den Studierenden der ENS ab dem Wintersemester 2026–2027 zur Verfügung stehen.
🤝 Dieser Artikel ist im Rahmen des journalistischen Gemeinschaftsprojekts PULSE Europe, entstanden, an dem auch Voxeurop beteiligt ist. Dazu beigetragen haben: Flora Mory (Der Standard, Österreich) und Kostas Zafeiropoulos (Efsyn, Griechenland).
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