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“Generation Merkel”: Schwieriges Abnabeln von Mutti

Wie viele junge Menschen, die nach der Wiedervereinigung geboren wurden, kannte Paul Ostwald fast ausschließlich Angela Merkel als Regierungschefin. Die beruhigende Stabilität, welche die scheidende Kanzler verkörperte, ist im Laufe der Zeit jedoch einer Ernüchterung gewichen, die sich am 26. September an den Wahlurnen widerspiegeln dürfte.

Veröffentlicht auf 23 September 2021 um 11:04

Als Deutschland 2015 für einen kurzen Moment das seligste Land der Welt zu sein schien – Fußballweltmeister, Exportweltmeister und moralisches Vorbild – machten „Merkel Memes“ in Deutschland die Runde. „Danke Merkel!“ stand auf Bildern, die Alltagsprobleme zeigten. Ein geplatzter Autoreifen? „Danke Merkel!“ Eine schiefgebaute Regenrinne? “Danke Merkel!” Eine verbrannte Pizza im Ofen? „Danke Merkel!“ 

Was die Bilder so amüsant machte, war das überspitzte und scheinbar unbegrenzte Vertrauen der Deutschen in Angela Merkel. Und die ironische Message: Merkel, selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht, ist nicht allmächtig – und nicht für alles verantwortlich. Nicht jeder Autoreifen, nicht jede Handwerkerin und jeder Pizzaoffen der Republik unterstehen direkt der Kanzlerin. 

Die Memes machten besonders unter jungen Menschen die Runde. Ich bin Teil dieser Generation, die keine andere Kanzlerin kennt. Wie für alle, die um 2000 geboren sind, ist Gerhard Schröders Kanzlerschaft für mich höchstens eine dunkle Erinnerung. Die einzigen Erinnerungen sind Momentaufnahmen aus Talkshow-Runden. Und je länger ich mir die Bilder vor Augen führe, desto mehr vermute ich, dass ich mir selbst diese Bilder erst später angeeignet habe. 

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Merkel war Kanzlerin, als die Weltwirtschaft 2008 wie ein Kartenhaus zusammenfiel, als der Syrienkrieg begann und als Donald Trump US-Präsident wurde. Vor allem aber war sie Kanzlerin, als wir eingeschult wurden, als wir unser erstes Klapphandy und unser erstes Haustier geschenkt bekamen. Die Klapphandys und Haustiere verschwanden, Angela Merkel blieb. Ihr Gesicht begleitete uns beim Erwachsenwerden. Alle vier Jahre tauchten verschiedene Herren auf Plakaten auf, um dann kurz nach den Wahlen – an denen wir nicht teilnehmen konnten – wieder zu verschwinden. Merkel, so schien es für uns, war unangreifbar. 

"Nun, da Merkels Rückzug unmittelbar bevorsteht, mischt sich bei vielen Erleichterung mit Verunsicherung. Auf der einen Seite steht die Hoffnung, dass nun mit Merkel auch endlich die bleierne Schwere, mit der sich Deutschland bei Themen wie Digitalisierung und Klimawandel zu bewegen scheint, endlich weichen wird."

Doch die Memes waren nur ein kleiner Vorgeschmack auf den Prozess der Entzauberung, der zwischen der „Generation Merkel“ und der Kanzlerin im Herbst 2015 begann. Wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht merkten wir auf einmal, dass aus der allmächtigen Merkel eine menschliche Politikerin geworden war. Kurz nach dem seligen Moment im Sommer des Jahres standen auf einmal Themen auf der Agenda, die wir getrost ignoriert hatten: Klima, Migration, Digitalisierung, gesellschaftlicher Zusammenhalt. Themen, bei denen wir Merkel nicht mehr blind vertrauten. Und bei denen wir auch zum ersten Mal das Gefühl hatten: Ihre Politik ist keine Politik für uns. 

Bei der Wahl 2017, meiner ersten Bundestagswahl, stimmte ich nicht für die CDU. Damit war ich nicht allein. Nur jeder Fünfte unter 24 stimmte für Merkels Kurs. Aus dem anfänglichen Zähneknirschen wurde eine Frustration, die sich 2018 in den bundesweiten Klimaprotesten entlud. Millionen Schüler*innen und Studierende blockierten die Straßen, um gegen die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren. Merkels Klimapolitik. Der YouTuber Rezo warf der CDU und Angela Merkel systematisches Verfehlen in der Klimapolitik vor, erklärte sie für „unwählbar“ und traf damit einen Nerv. Die „Generation Merkel“ protestierte nun gegen ihre Namensvetterin. Nicht alle, aber die Ergebnisse an der Urne waren eindeutig: Bei der Europawahl 2019 stimmte nur noch fast jeder Zehnte unter 24 für die CDU. 

Aus der „Generation Merkel“ wurde auch im öffentlichen Diskurs auf einmal die „Generation Klima“. Merkel, so schien es, war nicht mehr der wichtigste gemeinsame Nenner dieser Generation. Viele witterten den großen Betrug: Die Babyboomer, nicht wir, sind die eigentliche „Generation Merkel“. Rentner*innen, nicht Schüler*innen. Das war nicht immer fair, aber das Ergebnis umso eindeutiger. Bei einer Umfrage der Tageszeitung Die WELT in Kooperation mit dem Meinungsforschungsunternehmen Civey gaben 85% der unter 25-jährigen Wähler und Wählerinnen an, die CDU habe den Kontakt zu jungen Menschen verloren. 

Nun, da Merkels Rückzug unmittelbar bevorsteht, mischt sich bei vielen Erleichterung mit Verunsicherung

Die schleppende Impfkampagne und der vermasselte Abzug aus Afghanistan sind die letzten Episoden dieses Entfremdungsprozesses, der am 26. September sein Ende finden wird. Die Pandemie offenbarte ein teils marodes Bildungssystem. Die Finanzspritzen für Flugkonzerne und die Autoindustrie wirkten wieder wie Investitionen in die Vergangenheit, nicht wie die bitternötigen Investitionen in die Zukunft. Ein chaotisches Ping-Pong zwischen Lockerungen und Schließungen und eine stümperhafte Impfstoffpolitik taten das Übrige. 

Nun, da Merkels Rückzug unmittelbar bevorsteht, mischt sich bei vielen Erleichterung mit Verunsicherung. Auf der einen Seite steht die Hoffnung, dass nun mit Merkel auch endlich die bleierne Schwere, mit der sich Deutschland bei Themen wie Digitalisierung und Klimawandel zu bewegen scheint, endlich weichen wird. Auf der anderen Seite aber herrscht Verunsicherung darüber, ob ihre Nachfolger das auch wirklich werden bewerkstelligen können. 

Und jetzt? Kommt jetzt eine „Generation Baerbock“ oder eine „Generation Scholz“? Ich glaube nicht. Die historische Konstellation, die Merkel zur ersten Kanzlerin machte, die ökonomische Stabilität und ein solches Vertrauen wird es so nicht noch einmal geben. Aber vielleicht ist das eines der wichtigsten Vermächtnisse der Kanzlerin: Eine hochpolitisierte Generation, die nicht mehr blind vertraut und für ihre eigenen Themen eintritt. Und die Memes natürlich. Die bleiben. Danke Merkel. 


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