und bleibt kurz in der Luft hängen. In der Pause, die danach entsteht, blicken zwei 57-jährige Frauen einander über das Display hinweg an. Nina und Najaaraq können nicht glauben, dass US-Präsident Donald Trump schon wieder eine Kehrtwende vollzogen hat. Donnerstagabend in Nuuk verbreitet sich die Nachricht vom angeblichen „Rahmenabkommen“, das Trump mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte ausgemacht haben soll, schnell.
Aaja Chemnitz, eine der beiden grönländischen Abgeordneten im Parlament in Kopenhagen, stellt in einer Facebook-Nachricht rasch klar: „Nichts über uns, ohne uns.“ Und wiederholt damit jenen Satz, den die grönländische Regierung seit der Veröffentlichung der Nationalen Sicherheitsstrategie Anfang 2024 wie ein Banner vor sich herträgt. Die Menschen Grönlands wollen mitbestimmen, am Tisch sitzen, wenn Entscheidungen über ihr Land getroffen werden, das sie Kalaallit Nunaat nennen – das Land der Kalaalit. Von der angeblichen Einigung erfuhren sie erneut zuerst über die Medien. Selbst Grönlands Premier Jens-Frederik Nielsen wusste nichts von den Absprachen.
Dabei wünschen sich die Menschen in Nuuk nichts sehnlicher, als endlich wieder in Ruhe gelassen zu werden. Seit mehr als einem Jahr liegt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf der Insel in der Arktis und ihren rund 57.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. „Der Medienrummel war schon in den vergangenen Monaten groß“, erzählt eine Verkäuferin in einem Outdoor-Shop in der Innenstadt Nuuks: „Doch was wir in den letzten Wochen gesehen haben, ist noch einmal ein Rekord.“
Sie dreht den Kopf zum Schaufenster und nickt. Dort, auf der schneebedeckten Straße, steht ein Kamerateam und sucht nach Interviewpartnern unter den Vorbeigehenden.

Alle großen Medienhäuser befinden sich in der beschaulichen Hauptstadt Grönlands – von Aljazeera bis ZDF – und versuchen, die Meinung der Menschen einzufangen. Doch die haben merklich genug von der Aufmerksamkeit.
Nicken sich die Passanten im Alltag beim Vorbeigehen sonst meist nett zu oder huscht den Leuten ein Lächeln übers Gesicht, wenn sich die Blicke in der eisigen Kälte treffen, geht jetzt der Blick zu Boden, sobald eine Kamera oder ein Fotoapparat sichtbar wird.
In Sozialen Medien werden Richtlinien für ausländische Journalistinnen und Journalisten geteilt, um daran zu erinnern, dass die Menschen Grönlands nicht nur eine Story oder Schlagzeile sind, sondern durch Trumps Drohungen akut Betroffene.
Partner willkommen
„Ich bringe meinen Schülerinnen und Schülern bei, dass sie nicht mit den Medienleuten reden, wenn ihre Eltern nicht dabei sind”, erzählt die 27-jährige Emiia, die an einer Grundschule Grönländisch unterrichtet: „Dann sollen sie laut 'Nein' sagen.” Die Kinder würden immer wieder zur aktuellen Situation Fragen stellen, die sie aber auch nur vereinzelt beantworten könnte. Was Donald Trump in Grönland möchte und wie er in Zukunft agieren werde, wisse schließlich niemand.
Seit 1951 haben die USA quasi freie Hand, wenn es um einen militärischen Einsatz und Aufrüstung auf der strategisch so wichtigen Insel geht. Niemand hindert die Regierung in Washington an der Eröffnung weiterer Militärbasen – wobei die Vereinigten Staaten selbst, bis auf die Pittufik-Basis, alle geschlossen haben. Auch hindert niemand die USA am Abbau der wertvollen Rohstoffe des Landes. „Wir haben immer gesagt, dass gleich gesinnte Partner jederzeit willkommen sind“, sagt Naaja H. Nathanielsen, die grönländische Rohstoffministerin, in ihrem Büro in Nuuk. Die Gewinnung müsste nur im Einklang mit der lokalen Bevölkerung geschehen und den Grönländerinnen und Grönländern ebenso nutzen wie den ausländischen Investoren.

Bereits 2021 war ein großes Projekt in Kvanefjeld – am südlichsten Zipfel der Insel – durch das grönländische Parlament abgedreht worden. Obwohl sich dort das drittgrößte bekannte Vorkommen von Seltenen Erden befindet, die zudem einen hohen Erzgrad aufweisen, darf es nicht abgebaut werden. Denn neben Seltenen Erden befindet sich auch Uran im Gestein – und zwar das achtgrößte Vorkommen weltweit. Die lokale Bevölkerung fürchtete ein Schicksal ähnlich jenes der Navajo im US-Bundesstaat Arizona, wo ein Unfall in einer Uranmine zu massiven Umweltverschmutzungen und katastrophalen Langzeitfolgen für die Indigenen und ihr Land führte.
Thema Umweltveränderungen
Ein "Quick-Fix" für den aktuellen Bedarf an Seltenen Erden seien die Vorkommen in Grönland zudem keine, wie Nathanielsen festhält. Um eine Mine in Betrieb zu nehmen, dauert es durchschnittlich 16 Jahre, sagt sie. Denn es fehlt größtenteils an Infrastruktur. Straßen gibt es fast ausschließlich in größeren Ortschaften. Erst im Sommer war die erste Verbindung zwischen zwei Siedlungen eröffnet worden. Seit Juli kann man eine 170 Kilometer lange Sandpiste zwischen Sisimut und dem Hauptstadtflughafen Kangerlussuaq nutzen. Für den Mineralienabbau im größeren Stil bräuchte es aber mehr Häfen, Flughäfen, Straßen.
Umweltveränderungen sind in der Bevölkerung Nuuks täglich ein Thema. Der merklich wärmere Winter beschäftigt die Menschen: „Früher war es konstant zwischen November und Februar eisig kalt“, erzählt die 57-jährige Najaaraq: „Es ist nicht normal, dass es, wie jetzt im Jänner, Plusgrade hat.“ Auch am Hafen sprechen die Fischer über das sich zurückziehende Eis, bevor sie zur Jagd auf Heilbutt, Kabeljau und Robben losziehen.
Sind die Menschen der Hauptstadt von der Umwälzung noch wenig betroffen, erzählen Menschen aus dem nördlich gelegenen Ilulisaat, dass Flächen, die früher vollkommen vereist waren und mit Hundeschlitten bejagt werden konnten, nun nicht mehr zufrieren. „Selbst in meiner Kindheit waren die Eisflächen noch größer“, berichtet auch Grundschullehrerin Emiia, die aus jener Stadt stammt, die für ihre Eisberge bekannt ist.
Das Eis schmilzt
Welche Auswirkungen die erhöhte militärische Aktivität rund um Grönland auf das fragile Ökosystem haben wird, ist auch für Fachleute noch nicht abschätzbar. Fest steht, dass das von der lokalen Bevölkerung als Pikialasoruaq bezeichnete Nordwasser zwischen Kanada und Grönland den global wichtigen Golfstrom beeinflusst; und dass die steigenden Temperaturen die hoch im Norden vorhandene essenzielle Eisbarriere schmelzen lassen. Inuit beiderseits des Meeres setzen sich deshalb für ein Wasserschutzgebiet ein. In einer Welt voll aufgekündigter Klimaabkommen wird das ein hartes Stück Arbeit.
Weil gerade US-Präsident Trump bereits eingegangene Deals gerne infrage stellt, bleiben die Menschen Grönlands weiterhin wachsam. Die Regierung hat diese Woche eine Broschüre vorgestellt, wie sich die Bevölkerung auf den Notfall vorbereiten soll. Dies hat dazu geführt, dass Notstromaggregate und Wasserkanister auf der Insel ausverkauft sind. Auch in den Lebensmittelgeschäften klaffen Lücken in den Regalen. Und das liegt nicht nur daran, dass Lebensmittellieferungen durchschnittlich nur einmal pro Woche die Insel erreichen – nach einem Schiffsunfall können auch schon zwei Wochen Abstand entstehen.
„Die Menschen sind verunsichert“, sagt Arnakkuluk Jo Kleist. Die 41-Jährige ist selbstständige Unternehmensberaterin und lebt schon immer in Nuuk. Während sie bei einem Kaffee im Kulturhaus Katuaq sitzt, nickt sie immer wieder Bekannten zu oder hebt die Hand zum Gruß. Kleist erkennt auch „eine gewisse Schwere und Trauer“ in der Bevölkerung. Menschen würden Notfallpläne erstellen und teilweise tatsächlich durchdenken, wie sie im Ernstfall das Land verlassen könnten, um sich und ihre Liebsten zu retten. „Wir dachten immer, dass wir auf unserer großen Insel weit weg von der restlichen Welt sind“, erzählt Kleist. „Und jetzt bringt der weltweite Fokus solchen Kummer.“
Gegen den Kummer versuchen die Grönländerinnen und Grönländer zu arbeiten, indem sie einander Energie geben, sagt Kleist. Politikerinnen und Politiker werden umarmt, obwohl sie vielleicht einer anderen Partei angehören als jene, die man wählen würde. Außenpolitikerin Vivian Motzfeldt wurde von einem Fahnenmeer am Flughafen begrüßt, nachdem sie auf der internationalen Bühne für die Rechte Grönlands eingetreten war. „Es ist ein bisschen wie im Sport“, sagt Kleist: „Wenn die Nationalmannschaft spielt, dann zählt es nicht, ob die Spielerinnen aus rivalisierenden Teams kommen, sie alle repräsentieren das Land.“
Das Land der Inuit
Das Land, das eigentlich den Inuit gehört, ist eng mit dem Königreich Dänemark verbunden. Etwa durch dänische Pfleger wie den 33-jährigen Nikolai, der bereits das dritte Mal für einen Monat im Krankenhaus in Nuuk arbeitet, weil dort Fachkräftemangel herrscht. Oder durch Familienmitglieder, die nach Europa ausgewandert sind, weil sie sich dort ein besseres Sozialsystem erhoffen.
Die Geschichte mit Dänemark hat aber auch zahlreiche dunkle Kapitel. So berichtet Najaaraq von dem Rassismus, der ihr in ihren 20ern und 30ern in Dänemark entgegengeschlagen sei: „In Geschäften wollte mich niemand bedienen; im Bus wurde ich angeschrien, dass ich doch nach Hause gehen solle.“ Doch auch in Grönland war die heute 57-Jährige nicht immer willkommen. Als Tochter eines dänischen Vaters lernte sie als Kind nie die Sprache ihrer grönländischen Mutter, da in den 1970er Jahren auch auf der Insel Dänisch die dominierende Sprache war. Für manche galt sie daher nicht als vollwertige Grönländerin.
„Es muss noch vieles aufgearbeitet werden“, sagt Kleist. Eine Kommission soll sich nun der dunklen Vergangenheit der Kolonialzeit annehmen, damit das generationsübergreifende Trauma der Grönländerinnen und Grönländer aufgearbeitet werden kann. Trumps Druck auf Dänemark hat bereits einige Dinge in Bewegung gesetzt.
Zukunft mit Dänemark
Im vergangenen Jahr entschuldigte sich die dänische Premierministerin Mette Frederiksen unter Tränen bei den Betroffenen des Spiralen-Skandals. Mehr als 4000 Frauen und Mädchen setzen Ärzte im Auftrag Dänemarks in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Spirale ein. Mit der Zwangsverhütung wollte Dänemark das Bevölkerungswachstum in der früheren Kolonie begrenzen. Die Begründung: Man könne den Wohlfahrtsstaat sonst nicht mehr finanzieren.
Viele der betroffenen Frauen konnten danach keine Kinder mehr bekommen. Erst vor kurzem erklärte sich Kopenhagen bereit, Kompensationszahlungen zu leisten, obwohl man diese bereits seit Jahren hätte gewähren können. „Da fragt man sich schon, warum das jetzt alles möglich ist und was dahintersteckt“, sagt Kleist.
Die Botschaft der grönländischen Regierung in Nuuk ist klar: Wenn man sich entscheiden müsse, dann wolle man bei Dänemark bleiben. „Aber das heißt nicht, dass wir vergessen“, sagt Kleist. Zuerst müsste eine feindliche Übernahme verhindert, dann über die weitere Zukunft mit Dänemark gesprochen werden. Eine Zukunft, die aus Sicht der Grönländer auch in die Unabhängigkeit führen kann.
👉 Originalartikel auf Der Standard
🤝 Dieser Artikel wurde im Rahmen des europäischen Projekts PULSE verfasst. Emma Louise Stenholm (Føljeton) hat dazu beigetragen.
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