Büsten von Adolf Hitler im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Hitler: der Kitsch des Kults

Am 15. Oktober wurde in Berlin die Ausstellung "Hitler und die Deutschen“ eröffnet. Sie versucht, Hitlers Faszination auf das deutsche Volk zu durchleuchten. Laut der lokalen Presse ist dies nur teilweise gelungen.

Veröffentlicht am 15 Oktober 2010 um 13:51
Büsten von Adolf Hitler im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Die erste Hitler-Ausstellung in Deutschland sorgte schon im Vorfeld für Wirbel. Die am 15. Oktober im Deutschen Historischen Museum in Berlineröffnete Schau "Hitler und die Deutschen“ zeigt mehrere Hundert Exponate, Fotos und Dokumente, um die Beziehung von Führer und Volk zu beleuchten.

"Geht es um ihn, um uns?“, fragt der Tagesspiegel. "Wer Psychogramme, Karrierethesen, biografische Annäherungen, Erklärungsmuster erwartet“ oder "auf ein kriminelles Monster, einen Mythos, eine Popfigur oder ein Gespenst hofft, wird eher enttäuscht werden“, meint die Tageszeitung. Der Besucher bekomme vielmehr "ein volles Pfund NS-Historie“ und "die dämonisierende Nachkriegsfixierung auf den alleinverantwortlichen Übeltäter wird unbedingt vermieden.“

Eine Ausstellung, die die Stimmungsbearbeitung etwas zu stark darstellt

Für die Süddeutsche Zeitung stellt der Nationalsozialismus nur "eine erste und letzte Frage: Wie war es möglich?“. Es sei ein großes Anliegen der Ausstellung, "hinter der Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen nicht die Verbrechen verschwinden zu lassen.“ Eine Absicht, die sich gleich zu Beginn der Ausstellung eröffnet. Der Besucher werde von drei Hitler-Porträts empfangen, hinter denen Bilder von Verbrechen und Zerstörung hingen.

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Doch "das größte Problem der Ausstellung“ sei, meint das Blatt aus München, dass die Beziehung von Hitler und den Deutschen nicht allein von "Charisma und Propaganda“ geprägt war. Man vergesse dabei "die handfesten Vorteile, die dem "Volksgenossen“ geboten wurden. Das Dritte Reich arbeitete als eine gewaltige Karrieremaschine auf allen Gebieten“, hebt die Süddeutsche hervor. Die Ausstellung zeige, wie das Regime die mit einem Kinderspiel für jung und alt“ Stimmung machen wollte/ Sie stelle aber die Stimmungsbearbeitung etwas zu stark dar.

Doch, merkt Die Welt an, "die Ansammlung von Hitlerbüsten [...] , brieflichen Huldigungen von Kindern und Erwachsenen“ zeige „wie sehr der „Führer“ von den Deutschen bereits innerlich erwartet worden“ sei. Die Tageszeitung urteilt, dass es „Hitler und die Deutschen“ gelänge, den Mythos vom „Charisma“ des Führers zu demontieren und ihn „auf das zu reduzieren, was er in Wirklichkeit war: kein dämonisches Genie, sondern ein mittelmäßiger, in Kitsch getauchter Blender.

Der bekannteste Deutsche kommt aus Österreich

Doch Hitler "bleibt der bekannteste Deutsche — und ist doch Österreicher“, seufzt der Tagesspiegel. "Ob es uns gefällt oder nicht: Hitler bleibt unser berühmtestes Markenzeichen“ setzt die Welt nach und bemerkt, dass sich die internationale Presse schon im Vorfeld der Ausstellung dem Museum die Türen einrannte "wie es bei kaum einer anderen Exposition zu einem historischen Thema denkbar wäre.“

Für das Blatt liegt das Interesse "in der Natur der Sache, denn es wird nie eine eindeutige und endgültige Antwort darauf geben, wie ausgerechnet in einem so hoch zivilisierten Land wie Deutschland ein derartig monströses Regime aufsteigen und bis fast zum Ende breite Unterstützung in der Bevölkerung finden konnte.“

Wenn Ausstellung könne, so hofft die Welt "uns ermutigen, gegenwärtigen und zukünftigen Diktatoren mit weniger angstvollem Respekt entgegenzutreten“ und "hinter der Maske von großen Führern [...] ihr wahres Antlitz erkennen: Es sind ruchlose und gescheiterte Existenzen.“

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