Reportage Invasion in der Ukraine
Pro-demokratische Aktivisten aus Russland und Belarus verbrennen am 17. März an der Küste von Tiflis eine Putin-Figur. | Foto: Vasily Krestyaninov

Kühler Empfang für russische Emigranten in Georgien

Seit der russischen Invasion in der Ukraine Ende Februar sind tausende Russen vor der politischen Unterdrückung, den wirtschaftlichen Problemen und dem drohenden Kriegsdienst aus ihrem Land geflohen. Viele gehen in das Nachbarland Georgien, wo sie nciht sehr herzlich empfangen werden.

Veröffentlicht auf 19 Mai 2022 um 11:22
Pro-demokratische Aktivisten aus Russland und Belarus verbrennen am 17. März an der Küste von Tiflis eine Putin-Figur. | Foto: Vasily Krestyaninov
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„Sobald man den Tunnel [an der georgisch-russischen Grenze] durchquert hat, wird einem klar, dass man diese Dystopie verlassen hat und in ein zivilisiertes Land kommt“, sagt Aleksandr Belinskiy. Der 35-jährige Masseur und Pkw-Fachmann ist Mitte März in Georgien angekommen. „Man entspannt sich, denn jetzt kann man nicht mehr wegen irgendeines Instagram-Posts ins Gefängnis gesteckt werden“, sagte Belinskiy gegenüber OC Media. „Zumindest habe ich hier Redefreiheit.“

Aleksandr Belinskiy. | Foto: Shota Kincha/OC Media

Belinskiy hatte in Russland vehement gegen den Krieg in der Ukraine protestiert. Der Krieg und das politische Klima in Russland waren für ihn ein echtes „Sicherheitsproblem“geworden. 

Er und seine Freunde hatten vor ihrer Ankunft bereits von der russophoben Haltung der Georgier gehört und sich auf „Ablehnung und aggressive Reaktionen“ eingestellt, wenn sie russisch sprechen.

Doch dann seien alle, denen er begegnet ist, „sehr nett“ gewesen.

Ein kühler Empfang

Doch für viele Russen war die Ankunft in Georgien nicht angenehm. Am 11. April wurden russische Emigranten im Stadtzentrum von Batumi mit Beschimpfungen und Vorwürfen empfangen, die ihnen Aktivisten durch Megaphone zuriefen.

„Putin Khuilo [Putin ist ein Arschloch]! Russland ist ein Besatzer! 20% des Landes, in dem ihr euch nun befindet, ist von euch besetzt. Wir wollen euch nicht hier haben [...] Wir trauen euch nicht. Wir können nicht wissen, ob eure Regierung nicht bald Georgien angreift, weil sie euch nicht hergeben wollen“, waren einige der Zurufe, die die Neuankömmlinge zu hören bekamen.

Ähnliche Meinungen brachten Politiker der georgischen Opposition zum Ausdruck, unter anderem von der Partei Europäisches Georgien. Dessen Mitglied Giorgi Kandelaki hatte über die sozialen Medien „arrogante“ und „anti-georgische“ Nachrichten von Russen publik gemacht, die nach Georgien kommen wollten.


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Mehrere Mitglieder von Georgiens größter Oppositionspartei, der rechtskonservativen Vereinten Nationalen Bewegung (in Georgien ENM), haben die Ankunft der Russen ebenfalls kommentiert. Im März hat die Abgeordnete Nona Mamulashvili verkündet, sie würde „alles dafür tun, damit die in Massen [nach Georgien] kommenden russischen Bürger sich nicht wohlfühlen werden. Niemand braucht sie hier. Diese sogenannten ‚russischen Touristen‘ sind für uns Saboteure“, sagte Mamulashvili gegenüber dem ukrainischen Sender Channel 24.

Girchi-Mitglieder halten am 28. März Schilder mit geschätzten Zahlen der ukrainischen Verluste durch das russische Militär hoch. | Foto: Girchi.

Nach Informationen des Innenministeriums sind zwischen dem 24. Februar und dem 20. März 35.028 russische Staatsbürger nach Georgien eingereist, rund 8.000 mehr als im Januar. Wie viele von ihnen langfristig bleiben, ist noch unklar. Doch es wird vermutet, dass die Zahlen höher sein werden als bisher.

Wenngleich es übertrieben wäre, aktuell von einem „Zustrom“ zu sprechen, hatte dessen Erwartung im Vorhinein deutliche Auswirkungen, besonders in der Hauptstadt Tiflis, wo die Mietpreise in die Höhe schnellten.

Zudem sind bei den georgischen Behörden mehr Anträge auf Unternehmensregistrierung von russischen Bürgern eingegangen, als in den vergangenen Jahren.

Die russische NGO OK Russia unterstützt Menschen, die Widerstand gegen die Invasionen in der Ukraine leisten, bei ihrer Flucht aus Russland und teilte mit, dass Georgien, die Türkei und Armenien die Länder seien, in die nach Kriegsbeginn die meisten Russen geflohen sind.

„Kriegsunterstützer“

Ein zentraler Grund für die Ablehnung der nach Georgien kommenen Russen sind die Verbrechen des russischen Staates im Ausland. Häufig werfen die Aktivisten den Einwanderern vor, sie würden die militärische Invasion des Kremls in ihrem westlichen Nachbarland unterstützen, bzw. unbeteiligt und tatenlos zuschauen.

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