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Luca, der Koch aus Appio Claudio, in Rom

Fast eine Million in Italien geborener Menschen können derzeit nicht italienische Staatsbürger werden, entweder weil sie minderjährig sind oder weil sie an den strengen Kriterien und Fristen scheitern. Wie im Fall von Luca Neves laufen sie Gefahr, in die Illegalität zu rutschen, wenn sie ihre Aufenthaltsgenehmigung aus familiären oder beruflichen Gründen nicht ständig erneuern. Dies ist der erste Artikel in einer Reihe, die sich Europäern ohne Papiere in Zeiten von Covid-19 widmet, in Kooperation mit Lighthouse Reports und dem Guardian.

Veröffentlicht auf 11 September 2020 um 08:45

Frühe Sonnenstrahlen fallen durch das Küchenfenster, als Luca Neves eine seiner täglichen Live-Kochsessions auf Facebook beginnt. Heute wird er eine gegrillte Polenta mit geschmolzenem Käse und geschmorten Zucchini zubereiten.

Seit Anfang März in Italien der Lockdown verhängt wurde, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, sind diese informellen Video-Streams für ihn eine Möglichkeit „die Isolation zu überwinden und diese Zeit zu überstehen“, wie er erklärt.

Neves wird nachdenklich, als er merkt, dass sich ein anderer Koch unter seinen Zuschauern befindet. „Es ist ein schwieriger Moment für uns alle, die in der Gastronomie arbeiten“, sagt er in die Kamera, um dann aufmunternd fortzufahren: „Nun mit Öl einpinseln und die Angst überwinden: Hört ihr die Zucchini nicht in der Pfanne singen?“

Während er aus seiner Küche in einem anonymen Wohnblock in Appio Claudio – einem dichtbesiedelten Viertel im Osten Roms – streamt, verbirgt Neves eine Wunde. Seit über zwölf Jahren ist er ohne Papiere.

Er ist einer von vielen in Italien: Etwa 600.000 Menschen leben dort ohne Papiere, laut den Daten des Thinktanks Istituto per gli Studi Internazionali. Diese Zahlen sind dramatisch gestiegen, seit 2018 ein „Sicherheitserlass“ des damaligen Innenministers Matteo Salvini von der rechten Lega Nord Aufenthaltsgenehmigungen aus humanitären Gründen außer Kraft gesetzt hat.

Ein kleiner Fehler

Doch im Gegensatz zum Großteil dieser Menschen, kam Neves – der bald 32 wird – nie nach Italien. Er wurde hier geboren. Wenn man in diesem Land als Kind von Ausländern zur Welt kommt, kann ein kleiner Fehler in deiner Jugend dein ganzes Leben ändern und dich in einen Geist verwandeln.

Es war 1975, als Lucas Vater – Joaquim Antonio Neves – im Hafen von Nettuno an Land ging, 50 km südwestlich von Rom. Seine Mutter – Maria Araujo Geltrudes – arbeitete als Dienstmädchen in der Hauptstadt. Wie schon hunderte von jungen kapverdischen Frauen vor ihr hatte Maria Araujo – wegen ihres blendenden, kristallhaften Lächelns Cristallina genannt – die kleine Inselgruppe im Atlantik verlassen, um die Nachfrage nach Hausarbeit bei der wachsenden römischen Bourgeoisie zu erfüllen. 

Joaquim Antonio – ein sturer, ironischer Mann – hatte die Welt als Seemann bereist, seit er 15 war. Während eines Aufenthaltes in Nettuno nahm er das Angebot eines dortigen Fischers an, zu bleiben und bei ihm zu arbeiten. Als dieser bei der Explosion eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkriegs getötet wurde, der sich in den Fischernetzen verfangen hatte, wechselte er den Beruf und wurde Stallbursche in einer Reitschule. Kurz darauf ließ er sich mit Cristallina nieder.

Neves wuchs in Trigoria auf, einem Vorort von Rom, der für das Trainingsgelände des AS Roma bekannt ist – einem der besten Vereine Italiens. Als Jugendlicher lieferte er gelegentlich Pizza an berühmte Spieler wie Cafu, Francesco Totti und Gabriel Batistuta. Seine Zeit verbrachte er mit Musik, Gelegenheitsjobs und an einer Berufsschule für Hotel und Catering.

„Dreckiger Nigger“

In den 1990ern waren die Neves eine der wenigen schwarzen Familien in dem traditionell rechten Viertel. Luca lernte, auf rassistische Bemerkungen mit Würde zu reagieren. „Meine Mutter hatte mir eine entscheidende Lektion erteilt: Einmal wurde ich von einem Klassenkollegen als „dreckiger Nigger“ beschimpft, und zu Hause, anstatt sich meine Klagen anzuhören, sah sie mir in die Augen und sagte mir, dass es an mir läge zu entscheiden, wie mich andere behandeln“, erinnert er sich.

Wie so viele seiner Freunde, schlug er sich als 18-Jähriger mit verschiedenen Vorstellungen herum, was er aus seinem Leben machen sollte: eine unsichere Musikkarriere oder eine Lehre in einem Restaurant, um am Ende Koch zu werden.

Seine Pläne wurden 2007 jäh unterbrochen.

Laut dem italienischen Staatsbürgerschaftsgesetz von 1992 – einem der restriktivsten in der EU – haben in Italien geborene Kinder von ausländischen Eltern ein Jahr Zeit – zwischen 18 und 19 Jahren – um sich für die Staatsbürgerschaft zu bewerben.

Zu dieser Zeit – als seine Eltern „arbeiteten, arbeiteten und arbeiteten“ – stand Luca allein einer einschüchternden Bürokratie gegenüber. Als er endlich die nötigen Papiere zusammen hatte, sagte man ihm, es sei zu spät: Er war einen Monat vorher 19 geworden.

„Da begann mein Leidensweg“, sagt er kopfschüttelnd.

Die ziemlich strenge, militärische Erziehung seines Vaters und die mitfühlendere und selbstbewusste seiner Mutter, halfen ihm dabei, die folgenden Jahre zu überstehen.

2013 – einige Monate bevor seine Mutter an einem Schlaganfall starb – wurde er von der Polizei angehalten und erhielt eine Ausweisungsverfügung. „Ich war so damit beschäftigt, ihr zu helfen, dass ich die Frist verpasste, Einspruch dagegen zu erheben“, sagt er. Für Luca ist es eine Prinzipienfrage: Wenn man in Italien geboren wurde und deine Eltern jahrzehntelang Steuern gezahlt haben, sollte ein Staatsbürgerschaftsantrag nicht wegen einer einfachen Fristüberschreitung abgelehnt werden.

Spaghetti alla carbonara

Selbst ohne Papiere kämpfte Neves darum, die Leiter der kulinarischen Szene von Rom zu erklimmen. Stolz erinnert er sich an den Tag, an dem er für seine Spaghetti Carbonara, Roms Lieblingsgericht, gelobt wurde, während er illegal in einer traditionsreichen Trattoria arbeitete. „Man hat mir Verträge als Chefkoch mit bis zu 4000 Euro Monatslohn angeboten, doch ich musste ablehnen“, sagt er. Kein Arbeitsvertrag konnte die Abschiebeverfügung außer Kraft setzen.

Einstweilen hatte Neves eine vielversprechende Hip-Hop Karriere eingeschlagen. Er tourte als Fat Negga durch Italien und verband in seinen Liedern kapverdisches Kreolisch mit römischem Slang. „Rom ist meine Geschichte, gibt mir meine Identität, gibt mir meine Freiheit: Sagt mir, wohin ihr mich jagen wollt?“, singt er in Fat Neggas letztem, unveröffentlichten Lied mit dem Titel „La mia città“ [Meine Stadt].

Mindestens 900.000 in Italien geborene Menschen momentan nicht in der Lage sind, Staatsbürger zu werden, entweder weil sie minderjährig sind oder wegen der strengen Kriterien und Fristen.

2017 verliebte er sich in die Tanzlehrerin Hélène Mastroianni, und sie beschlossen, gemeinsam auf Tournee zu gehen – Gesang und Tanz verbindend. Doch sie mussten mehrere Angebote ablehnen, außerhalb von Italien aufzutreten. „Oft fühlt es sich so an, als hätten wir zwei Leben: unseren Alltag, wo wir Pläne machen, uns streiten, lachen, und parallel dazu eines, wo alles zerstört wird durch Lucas Unsichtbarkeit, durch ständige Angst“, erklärt Hélène.

Ende 2019 war dieses zweite Leben dabei, das erste für immer zu verschlingen.

Luca versuchte die Abschiebung zu umgehen, indem er einen Antrag auf Familienzusammenführung mit seinem Vater stellte, der sich nach mehreren Herzinfarkten im Krankenhaus befand und kürzlich positiv auf Covid-19 getestet worden war. Am Morgen des 19. September, als Neves in der Einwanderungsabteilung der Polizei erschien, um seine Dokumente abzuholen, war er voller Freude. Doch kurz darauf fand er sich in einer großen Zelle im Keller des Gebäudes eingesperrt.

In einen Abgrund gerissen

Heimlich hatte er sein Handy unter die Dokumente geschmuggelt. Er schrieb seiner Freundin, die vor dem Polizeigebäude auf ihn wartete, und seinem Anwalt. „Es fühlte sich an, als würde man in einen Abgrund gerissen. Es dauerte eine Weile, bis wir wieder aufatmen konnten“, erinnert sich Mastroianni.

Ein Beamter sagte Luca, dass der einzige Weg nach draußen ein Flug nach Kap Verde sei – wo Luca lediglich einmal, im Alter von sechs Jahren, für einen Kurzurlaub war. Doch die örtliche Haftanstalt in Ponte Galeria war überfüllt. Neves wurde angewiesen, sich einen Monat lang zwei Mal die Woche bei der Behörde zu melden. Dies wurde jedoch bereits am nächsten Tag zurückgenommen, da ein Richter befand, dass es keine realistische Aussicht gebe, ihn zurückzuschicken, da er in Italien geboren war. Als er freigelassen wurde, war es Nacht.

Für Paula Baudet Vivanco, eine Sprecherin der Italiani Senza Cittadinaza [Italiener ohne Staatsbürgerschafft], einer Graswurzelbewegung, die sich für eine Reform des italienischen Staatsbürgerschaftsgesetzes einsetzt, ist Lucas Fall „ein Extremfall, der all die Mängel der alten Normen offenlegt“, die regeln, was es bedeutet, italienisch zu sein. Ihre Bewegung wirbt dafür, dass Kinder von Migranten die Staatsbürgerschaft bei der Geburt bekommen, oder während der Schulzeit.

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Italiani Senza Cittadinaza schätzt, dass mindestens 900.000 in Italien geborene Menschen momentan nicht in der Lage sind, Staatsbürger zu werden, entweder weil sie minderjährig sind oder wegen der strengen Kriterien und Fristen. Sofern sie ihre Aufenthaltsgenehmigung aus familiären oder beruflichen Gründen nicht ständig erneuern, laufen sie Gefahr, in die Illegalität zu rutschen.

„Normalerweise denkt ein Italiener mit 18 an seinen Führerschein, geht zum ersten Mal wählen… Für uns ist es, als würde das Erwachsenwerden viel später eintreten“, sagt Baudet Vivanco. „Man verbringt seine besten Jahre damit zu warten und Jobs abzulehnen. Es ist ein Teufelskreis, dem man nicht entkommen kann.“

Die Aussicht einer Corona-bedingten Wirtschaftskrise „zeigt noch deutlicher, dass die Vorstellung, dass wir angesichts des Virus alle in einem Boot sitzen, falsch ist: Italiener ohne Staatsbürgerschaft gehen unter“, sagt sie.

Um auf Neves zurückzukommen, so bereitete er sich darauf vor, am 25. März gegen die Ablehnung seines Antrags auf Familienzusammenführung Einspruch zu erheben, doch die Zivilgerichte hatten Wochen zuvor geschlossen. Ein Ersatzdatum wurde nicht bekanntgegeben. Und finanzielle Unterstützung? „Vergiss es, ich habe nicht einmal mehr eine Gesundheitskarte oder einen Personalausweis. Ich existiere ganz einfach nicht“, meint er zu mir auf einem der vielen langen Spaziergänge durch den Parco degli Acquedotti, einer der größten Grünanlagen Roms. 

Von unserem Standort aus können wir die weite Fläche überblicken, wo Federico Fellini die Anfangsszene von La dolce vita gefilmt hat. Lucas Geschichte ähnelt eher einem anderen – zum Teil hier gedrehten – Meisterwerk: Mamma Roma, von Pier Paolo Pasolini, dessen Protagonistin auf dramatische Weise von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, der sie zu entfliehen versucht. „Dieses Virus war eine böse Überraschung“, sagt Neves. „Aber ich bin an Quarantäne gewöhnt. Ich habe die letzten zwölf Jahre nichts anderes gemacht.“

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Europe’s Dreamers“, in Zusammenarbeit mit Lighthouse Reports und dem Guardian. Lesen Sie die anderen Geschichten.

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