Mayotte: Islam und Republik im Einklang

Die Insel Mayotte im Indischen Ozean ist seit dem 31. März dieses Jahres das 101. französische Département. 90 % ihrer Bewohner sind Muslime. Sie sind fest entschlossen, ihre religiösen Praktiken mit dem in Frankreich so wichtigen Laizitätsprinzip in Einklang zu bringen. Reportage.

Veröffentlicht auf 23 September 2011 um 14:01

Samstagmorgen, 6.30 Uhr. Eine lärmende Kinderschar strömt in die Koranschule in Tsingani. Der Modergeruch der Nacht weicht dem Duft der erwachenden Vegetation. In einem Gebäude aus grobem Zement drängen sich Mädchen und Jungen zusammen. Mit einem Zweig nicht "bewaffnet" schlägt eine Lehrerin gegen die Tafel, damit etwas Ruhe einkehrt. Die Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter rezitieren in einem Singsang Koranverse. In der oberen Etage wird mit wesentlich mehr Eifer gelernt: Hier analysieren Jugendliche – Jungen und Mädchen getrennt – mit einem anderen Lehrer den heiligen Text.

So geht es in Mayotte an jedem Tag zu, den Gott geschaffen hat. Die Insel ist seit dem 31. März das 101. französische Département. Vor allem, seitdem es 1975 auf die Unabhängigkeit verzichtete, beabsichtigt dieses Gebiet mitten im Indischen Ozean, Islam und Republik miteinander in Einklang zu bringen. Dieses Anliegen, das manche für widersprüchlich halten, wird an zwei durchschlagenden Zahlen deutlich: 90% der 200.000 Einwohner sind Muslime, und 95% der Wähler haben im Jahr 2009 dafür gestimmt, dass Mayotte zum französischen Département wird und sie selbst damit zu französischen Staatsbürgern mit allen entsprechenden Rechten.

Während im Mutterland angeregt über Islam und Laizität diskutiert wird, versteht Adinani Zoubert, 72, aus Tsingani, absolut nicht, warum beide nicht miteinander vereinbar sein sollen: "Selbstverständlich sind wir ein laizistischer Staat, aber Laizität gewährleistet Religionsfreiheit. Um seine Religion auszuüben, braucht man doch nicht in einer islamischen Republik zu leben." Dieser Verantwortliche des Conseil des cultes musulmans (Rat der muslimischen Religion) von Mayotte gibt Kindern zwischen 6 und 15 Jahren im Anschluss an den Unterricht in der staatlichen Schule jeden Nachmittag Religionsunterricht. Er hat sich auch stark dafür eingesetzt, dass Mayotte zum französischen Département wurde. "Mayotte als ein Département der französischen Republik, das war mein Ziel, dafür habe ich gekämpft, sagt er. Seit 40 Jahren habe ich davon geträumt."

Kompromisse zwischen Koran und Code civil

Um dies zu erreichen, hat die Inselbevölkerung wohl oder übel Kompromisse zwischen Koran und Code Civil (französisches Bürgerliches Gesetzbuch) akzeptiert. Die einseitige Verstoßung ist in Zukunft untersagt, und das heiratsfähige Alter wurde auf 18 Jahre festgelegt. Insbesondere wurde durch ein Gesetz von 2003 die Polygamie abgeschafft, wobei bereits geschlossene Mehrfachehen allerdings ihre Gültigkeit behalten. "Wir werden es machen wir ihr in den westlichen Ländern und uns Geliebte halten", erhielt eines Tages Präfekt Hubert Derache mit sehr saftigem Humor zur Antwort. In dieser matriarchalischen Gesellschaft wurden die neuen Regeln insgesamt akzeptiert. Die Frauenrechtsorganisationen haben vor Ort jedoch noch schwer um echte Gleichberechtigung kämpfen.

Um etwas französischer zu werden, verzichten die Mahorais (Einwohner Mayottes) seit 2010 auch auf den Kadi. Es handelt sich um eine Person, die gleichzeitig als Friedensrichter, Notar und Vermittler in sozialen Fragen fungiert und Streitigkeiten gemäß den muslimischen Regeln und dem Gewohnheitsrecht schlichtet. Das Kadi-System, das im 14. Jh. auf den Inseln eingeführt wurde, wurde 1841 bei der Annektierung der Komoren von Frankreich anerkannt und 1939 und später noch einmal 1964 als örtliche Besonderheit bestätigt.

Der Kadi ist heute kaum noch eine Instanz, sondern wird immer mehr zur Tradition. Immer häufiger heiraten die Einwohner Mayottes heute vor dem Bürgermeister, regeln ihre Streitigkeiten vor Gericht und ihre Vermögensangelegenheiten beim Notar.

Als Sunniten mit animistischem Einfluss, die von dynamischen Bruderschaften betreut werden, interpretieren die Muslime auf Mayotte den Koran moderat. Daher auch die Empörung von Abdoulatifou Aly, nicht eingetragener Abgeordneter von Mayotte und einziger Muslim der französischen Nationalversammlung, angesichts der Debatte im französischen Mutterland. "Unsere Religion beeinträchtigt die Republik nicht, auch wenn die Bewohner der Vororte von Großstädten sie teilweise als Waffe gegen den Okzident nutzen möchten." Dem Abgeordneten zufolge würde das muslimische Territorium Mayotte Frankreich sogar verherrlichen. "Die Wertvorstellungen der Republik erhalten hier einen ganz anderen Sinn als im Mutterland, denn sie zeigen, dass sie auch Andersartigkeit integrieren können und erhalten so eine universelle Tragweite.".

Eine moderate Interpretation des Islam

"Unser Islam hier kommt sehr gut mit der Republik klar", bestätigt Hubert Derache. "Jeder Form von Radikalisierung widersetzen wir uns ganz eindeutig. DasBurka-Verbotstieß beispielsweise auf großen Anklang." Nur ca. 20 Frauen würden den Hidschab tragen, und die Salafisten von den benachbarten Komoren oder aus dem Mutterland wurden bisher aus den 285 Moscheen auf Mayotte ausgewiesen.

Auf gewisse Weise bestätigt auch Abdou Madi, Frauenarzt und Leiter der Geburtsstation im Krankenhaus in Mamoudzou, diese moderate Interpretation des Islam. "Ich habe hier noch nie Probleme gehabt, Frauen zu untersuchen, wie es mir beispielsweise in Marseille passiert ist", versichert er. Die Hebammen seiner Station müssen allerdings feststellen, dass Polygamie nach wie vor an der Tagesordnung ist und dass die jungen Mütter auch dazu stehen. Zwischen Sitten und Gesetz tut sich hier also noch eine tiefe Kluft auf.

Mouhtar Rachidi, 66, seit 2001 Imam der Moschee in M’Tsapéré, ist nicht von einer perfekten Harmonie zwischen Islam und Republik überzeugt. Wie andere Religionsvertreter war er nicht dafür, Mayotte zum französischen Département zu machen. Die Zugeständnisse, die seine Mitbürger im Namen der französischen Staatsbürgerschaft machen, nerven ihn, und er erinnert daran, dass die örtlichen Ulama manche davon mit Vorbehalt sehen. "Ich habe nichts gegen Laizität, vorausgesetzt, ich kann meine Religion ausüben, erklärt er. Was mich stört, ist, dass man die religiösen Praktiken einschränken will. Den Koran können wir nicht ändern. Die von Allah festgelegte Erbschaftsregel zu ändern, wäre Gotteslästerung. Das würde ja heißen, dass er sich geirrt hat."

"Bestimmte republikanische Regeln müssen ohne jegliche Diskussion angewendet werden", meint auch Adinani Zoubert. "Andere sind eine Diskussion wert. Wir haben Besonderheiten. Den Gebetsruf des Muezzins kann man nicht verbieten. Ich beantrage ja auch nicht, dass in Paris keine Kirchenglocken mehr läuten sollen, weil mich das stört."

Aus dem Französischen von Angela Eumann

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