Obdach- aber nicht sprachlos (3/3)

Bis 2008 lief alles rund im Leben von Cristina Fallarás, sie war Schriftstellerin und stellvertretende Direktorin einer Tageszeitung. Dann wurde sie entlassen, und nach und nach ging es bergab. Mutter, arbeitslos und bald obdachlos. Eine schauerlich alltägliche Tragödie im krisengebeutelten Spanien. Hier ist ihr Bericht.

Veröffentlicht auf 31 Juli 2013 um 10:02

Kommen wir wieder auf diesen Moment zurück, als alles anders wurde. „Mama, da ist ein Mann.“ Als die Hubschrauber den unmittelbar bevorstehenden Generalstreik mit Geräuschen untermalen, als ich den Papierkram vom Gericht auf den Tisch lege und mich gerade an einen Artikel für die Website von El Mundo machen will – wir müssen berichten, es ist notwendig, die Dinge auszusprechen, es rettet uns. Der Artikel ist für meinen Blog bestimmt, aber er steht schon zu lange auf der Homepage, den ganzen Tag schon. Er heißt „Meine Zwangsräumung ist da“.

Wenn ich morgens alleine zuhause bin und arbeite, gehe ich nicht an die Tür. Morgens Türen öffnen bedeutet immer schlechte Nachrichten. Wie ich dem Mann so auf dem Treppenabsatz gegenüberstehe, weiß ich, warum er hier ist. „Ich bringe Ihnen eine Zustellung vom Gericht.“ Unter seinem Arm eine dicke Akte. Seine linke Hand reicht mir ein Blatt Papier. „Ist das die Räumungsanweisung?“

Ich warte schon seit einiger Zeit darauf. Seitdem mir die Bank gesagt hat, ich soll mich an die Rechtsabteilung wenden, falls ich wissen will, wie es um meinen Kredit steht. Wenn die Bank von der Rechtsabteilung spricht, dann weiß man, dass die Angelegenheit an einen Bereich weitergeleitet wurde, in dem andere Verhältnisse herrschen. [[Das Gefühl erinnert an das von Jugendlichen, wenn sie mit den Problemen der Erwachsenen konfrontiert werden.]] Sie werden sie erleben müssen. Sie hören sie, aber das Wichtigste entgeht ihnen.

„Äh, mehr oder weniger“, zögert der Mann. „Sie müssen sich beim Gericht melden und das hier unterschreiben.“

„Und wenn ich nicht unterschreibe?“

„Dann kommt es auf dasselbe hinaus.“

Die ersten Knaller sind zu hören, sie heizen einen Generalstreik an, den jemand erleuchtet als „politischen Streik“ bezeichnet hat – als könne es einen anderen geben.

„Kinder, ihr geht jetzt ins Wohnzimmer.“

Die Räumung

Ich unterschreibe alles und nehme die Akte entgegen. Gericht erster Instanz Nummer 4, Barcelona, 111 Gran Via de les Corts Catalanes. Verfahren zur Vollstreckung des Grundpfandrechts xxx/2012, Abteilung 2 C. Klägerin Banco Bilbao Vizcaya Argentaria, SA. Staatsanwältin Irene Sola Sole. Schuldnerin Cristina Fallarás Sánchez. Die Namen des Klägers und der Staatsanwältin sind groß geschrieben, meiner klein.

Plötzlich laufen Facebook und Twitter heiß, das Radio und das Fernsehen auch, und alle suchen mich. Das Telefon klingelt. Es ist der Produzent einer Abendsendung mit äußerst hohen Zuschauerquoten.

[[„Hallo Cristina, wir haben deine Geschichte gelesen und wollen dich in die Sendung einladen, zu einer Diskussion.]]

„Ich bin gerade in Madrid, weil ich am Literaturfestival Eñe teilnehme.“

„Du müsstest um acht Uhr abends im Studio sein.“

„Das ist unmöglich, da hört meine Podiumsdiskussion erst auf. Das ist überhaupt alles schwierig, ich habe nämlich keine Fahrkarte…“

„Kein Problem. Wir lassen dich mit dem Taxi holen, wir zahlen dir das Hotel, ich schicke dir ein Ticket.“

Ich komme im Studio des Privatsenders an. Ich werde zu zwei Paaren gesetzt. Das ältere ist um die 70. Sie sorgt sich um ihre Frisur und streicht nervös ihr Kleid glatt, sie sitzt jetzt auf der anderen Seite des Bildschirms, vor dem sie viele Stunden eines Ruhestands verbringt, den sie sich friedlich vorgestellt hatte. Ihr Mann ist zwar von imposanter Korpulenz, doch er existiert nicht. Er hat das rötliche Gesicht der Menschen, die in der Stadt leben, aber vom Land kommen. Später sehe ich eine verstohlene Träne auf seiner Wange.

Bei dem jüngeren Paar ist der Mann schon seit einer ganzen Weile in den Vierzigern, die Frau ist wohl fünf Jahre jünger. Auf ihren Gesichtern mischt sich die Aufregung, in einem Fernsehstudio zu sein – fast schon ein göttlicher Ort –, mit ihrer verdatterten Miene.

„Wir wurden zwangsgeräumt“, erklärt mir der Mann mit seinem andalusischen Akzent. „Zuerst wurden wir auf die Straße gesetzt und jetzt sind meine Eltern dran, weil sie die Bürgen für den Kauf unserer Wohnung waren.“ Mit einer Kinnbewegung deutet er auf den Vater. „Aus ihrer Wohnung raus, in der sie ihr Leben lang gewohnt haben. Alle vier auf der Straße, mit den Kindern. Das einzige, was uns noch bleibt, ist das hier, das Fernsehen.“

Fassungslosigkeit

[[Ich fühle einen Schlag in den Magen. Und einen Schlag auf den Kopf. Der in meinen Augen überläuft.]] Plötzlich weiß ich nicht mehr, was ich hier eigentlich soll, mit diesen vier Menschen, deren Unglück mir so fremd scheint. „Das einzige, was uns noch bleibt, ist das hier.“ Wie soll ich erklären, dass wir gar nicht im selben Boot sitzen? Wie erkläre ich diesen übelkeitserregenden Drang, davonzulaufen, ein Taxi zu rufen, nach Hause zu fahren?

Ich suche verzweifelt nach einem Mitarbeiter der Sendung. Ich muss mich versichern, dass man mich nicht auf den Boden des absoluten Abgrunds setzen wird, am Rande dessen die Beine dieser Leute baumeln, die mich ansehen und sich fragen, warum ich hier bin. Bis jetzt habe ich noch nicht wirklich verstanden, was ich bin. Der Zweifel erfasst mich: Bin ich eine Zwangsgeräumte? Gehöre ich etwa zu den Hunderttausenden von Menschen, die nichts mehr haben? Ist das der Grund, der mich hier in diesen Vorort von Madrid geführt hat?

„Entschuldigen Sie, Fräulein, können Sie mir sagen, warum ich hier bin?“ frage ich eine Mitarbeiterin. In meiner Stimme schwingt ein bisschen schlecht beherrschte Gereiztheit mit. Die junge Frau sieht mich überrascht an.

„Na ja… zur Teilnahme an der Diskussion! Sie setzen sich neben Sowieso und Sowieso, die ihre Meinung ausdrücken und…“

Ich verachte mich dafür, wie ich mich entspanne, ich werde kämpfen, aber ich entspanne mich. Ich bin eine Zwangsgeräumte, wie so viele andere. Aber ich kann davon erzählen und das rettet mich. Und danach übergebe ich mich manchmal.

*Dieser Artikel wurde zuerst am 12. Dezember 2012 auf Spanisch im argentinischen Online-Magazin [Anfibia](http://www.revistaanfibia.com/) veröffentlicht.**

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