Rambo Amadeus: der Crash der Klischees

Frech und fröhlich: Der Turbo-Folk-Sänger wird für Montenegro beim Eurovison Song Contest an den Start gehen. „Euro neuro“ heißt sein Titel, in dem er die Klischees über den Balkan und dessen Beziehung zu Europa auf die Schippe nimmt.

Veröffentlicht auf 18 Mai 2012 um 10:21

Seit einigen Jahren hat sich der Eurovision Song Contest zu einer Plattform der musikalisch-politischen Konfrontation entwickelt. Man erinnere sich nur an die rote Karte aus Moskau hinsichtlich der Teilnahme Georgiens beim ESC 2009 mit dem provokanten Titel „We don’t wanna put in“, der auf den allmächtigen russischen Potentaten anspielte [Man hört: „Wir wollen keinen Putin“]. Auch in diesem Jahr sind die Spannungen spürbar: Armenien hat seine Teilnahme am ESC wegen politischer Streitigkeiten [um die Region Bergkarabach] mit dem Austrägerland Aserbaidschan abgesagt.

Montenegro hat einen geschickten Kunstgriff gefunden: Die Teilnahme am ESC, einer Veranstaltung, die [vom 22. Bis 26. Mai] von 160 Millionen Zuschauern mitverfolgt wird, soll eine Werbeplattform für die heimische Wirtschaft werden! Nachdem im Vorjahr das Land wegen der Rezession eine Zwangspause einlegte, sind die Montenegriner in diesem Jahr wieder dabei, mit dem Hintergedanken, dem wirtschaftlich bedeutenden Sektor der Tourismusbranche einen Schub zu geben. Rund 670 Millionen Euro brachte die Branche im vergangenen Jahr ein.

Der Song, der Montenegro repräsentiert, „Euro neuro“, ist ebenso hip wie provokant. Der Text wird in der universell verständlichen Sprache Englisch und teilweise auf Deutsch gesungen. Interpret Rambo Amadeus bringt darin seine Sicht auf die Beziehung zwischen den Balkanstaaten und der Europäischen Union zum Ausdruck.

Klischeevorstellungen der Europäer über den Balkan

Das in typischer Rambo-Manier arrangierte Turbo-Folk-Stück wurde in Ljubljana unter der Fittiche des slowenischen Sängers und Songwriters Magnifico eingespielt, wie Amadeus ein Spaßvogel. Rambo listet darin — auf einem Esel reitend! — in einer Art Stakkato-Englisch auf, was der moderne, pro-europäische Mensch des Balkans Europa, dem Kontinent, zu dem man gehören will, zu bieten hat.

Im Clip, der mit einer großen Portion Humor vom slowenischen Künstler Miha Knific gedreht wurde, ziehen die touristischen Attraktionen Montenegros vorüber, aber auch die Klischeevorstellungen, mit denen der Tourist in den Balkan reist: gutes Essen, Nightlife und natürlich sexy Girls, mit denen sich Rambo an einem Pool amüsiert — immer in Begleitung seines Esels, versteht sich. Am Ende des Clips gibt es eine Anspielung auf die Eurokrise. Rambos Ironie spielt geschickt auf verschiedenen Ebenen. Auf der einen Seite zieht er die Stereotypen des Balkans ins Lächerliche, auf der anderen die Klischeevorstellungen der Europäer über die Region. Finanziert wurde das Projekt vom öffentlichen Fernsehen, der Tourismusbehörde und dem montenegrinischen Winzerverband. Es hätte — warum eigentlich nicht? — von der Europäischen Union finanziert werden können.

Die montenegrinische Impertinenz könnte dem ESC einen neuen Sinn geben

Wenn man weiß, wie Rambo und die Trashkultur insgesamt zum ESC stehen, überrascht die Ironie natürlich nicht. Höhepunkt war sicherlich die TV-Show, bei der er zum Kandidaten gekürt wurde. In der diplomatisch-politischen Debatte, die seiner Wahl folgte, fand er einen unerwarteten Unterstützer in der Person von Leopold Maurer, dem Leiter der EU-Delegation in Montenegro. Maurer fand, der Song spiegele auf originelle Art und Weise die Stimmung bei den Verhandlungen zwischen EU und Montenegro wider, und er versprach, den Titel seinen Kollegen vorzuspielen, „damit sie wissen, wie Europa im Balkan wahrgenommen wird“. Schlagfertig erwiderte Rambo, dass Maurer, da er den Song doch so toll fände, doch bitte seine Beziehungen spielen lassen solle, um für dessen Sieg beim ESC zu sorgen.

Sicher, ein Sieg ist unwahrscheinlich. Unabhängig davon könnte die montenegrinische Impertinenz dem ESC einen neuen Sinn geben. Wenn schon die musikalische Qualität zweitrangig ist, dann könnte der Contest für manche Länder zumindest als Werbeträger dienen. In diesem Sinne hat Montenegro schon gewonnen.

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