In Schweden sollen ab diesem Sommer noch jüngere Kinder ins Gefängnis wandern. Geht es nach der konservativen Regierung, werden ab 2. August auch 13-Jährige zu Haftstrafen verurteilt werden können. Und das, obwohl es breiten Widerstand gegen den Gesetzesvorschlag gibt. Sowohl der schwedische Rechtsausschuss als auch die Anwaltskammer als auch Hilfsorganisationen üben scharfe Kritik an dem Entwurf, der unter anderem der UN-Kinderrechtskonvention zuwider laufe.
Doch die Regierung hält kurz vor der Reichstagswahl im Herbst an ihrem Vorhaben, das vorerst auf fünf Jahre begrenzt ist, fest und argumentiert mit ihrem Kampf gegen Bandenkriminalität in schwedischen Städten.
Tatsächlich wirken Berichte über Handgranatenanschläge und Schusswechsel unter sehr jungen Menschen auf den ersten Blick verstörend. Kriminelle Banden wie "Foxtrot", deren Drahtzieher im Ausland sitzen und die Minderjährige oder junge Erwachsene für ihre Netzwerke vor Ort rekrutieren, scheinen große Städte wie Stockholm oder Malmö im Griff zu haben.
Erst vor wenigen Wochen wurde dort ein 15-Jähriger in einem Hauseingang erschossen. Eine 15-Jährige soll die Täterin sein und zuvor auch einen Mord in Stockholm begangen haben.
Präsenz in Schulen und Moscheen
Die Tat im Malmöer Stadtviertel Rosengård war Wasser auf die Mühlen jener, die sich eine härtere Gangart gegenüber den Gangs wünschen. Doch die Kriminalitätsstatistiken zeigen, dass es in den vergangenen Jahren in der Stadt tatsächlich zu einem starken Rückgang an Schießereien gekommen ist. Waren es 2017 noch 65 Schießereien im Jahr, wurden 2025 nur noch 17 von der Polizei registriert.

Heuer fanden bisher vier statt. Und auch Malin Moran von der kommunalen Polizei in Rosengård beschreibt im Interview mit dem STANDARD prinzipiell einen positiven Trend.
Sie ist seit fast 20 Jahren Polizistin in Malmö und seit mehr als zehn Jahren im Bezirk tätig: "Als ich in Rosengård begonnen habe, ist mir schnell klar geworden, dass wir mit bürgernaher Polizeiarbeit anfangen müssen", sagt Moran.
Für sie bedeutet das, in den Gemeinschaften präsent zu sein und den Menschen zu zeigen, dass man auch präventiv tätig sein will. So waren die Polizeikräfte eine Zeitlang in Schulen, um eine Verbindung zu den Kindern und Jugendlichen herzustellen. Auch bei den wöchentlichen Freitagsgebeten in Moscheen zeigen die Polizistinnen und Polizisten von Rosengård Präsenz. "Zu Beginn sind uns die Menschen noch sehr skeptisch begegnet", erinnert sich Moran: "Sie waren teilweise besorgt und hatten Angst, dass sie bedroht würden und sie Schutz bräuchten."
Aber Schritt für Schritt, und Gebet nach Gebet, hätten sich die Menschen an die Beamten gewöhnt und "erkannt, dass die Polizei für alle da ist", wie Moran sagt: "Manche kommen aus Ländern, wo es kein großes Vertrauen in die Exekutive gibt und wir wollen ihnen zeigen, dass das in Schweden anders ist."
Rekrutierung wie bei Banden
Auch für die Polizeibeamtin ist klar, dass das gesenkte Strafmündigkeitsalter "nichts ändern wird". Man müsste stärker mit den Kindern zusammenarbeiten, um sie von Banden fernzuhalten.
Dem stimmt auch Robin Pihl zu. Der 30-Jährige arbeitet bei Helamalmö – einer Organisation, die in mehreren Nachbarschaften in der Stadt tätig ist und den Kindern und Jugendlichen in den Vierteln eine Perspektive geben will. Pihl ist der Leiter der Filiale in Nydala, jenem Malmöer Bezirk, der vor rund zehn Jahren noch eine der höchsten Kriminalitätsraten von ganz Schweden hatte.

Das Jugendzentrum von Helamalmö befindet sich am Fuße der beigefarbenen Plattenbauten, die für die sogenannten "Problemviertel" Schwedens so typisch sind. Im Eck des Platzes könnte der lilafarbene Eingang zur Einrichtung auch ein Handyshop sein. Doch hinter der Glastür beginnt ein eintausend Quadratmeter großes Jugendzentrum, wo die Kinder des Viertels einen sicheren Ort finden, wie Pihl erzählt.
Etwa 250 Kinder und Jugendliche kommen regelmäßig zu den Nachmittagsangeboten der Einrichtung, wo es immer Essen und ein offenes Ohr für sie gibt. Beides essenzielle Dinge in der Stadt, in der laut Studien die Kinderarmut in manchen Bezirken höher als 50 Prozent ist. "Hart ausgedrückt, haben wir eine ähnliche Rekrutierungsstrategie wie die Gangs", sagt Pihl.
Denn beide Organisationen setzten bei den Grundbedürfnissen der Menschen im Viertel an. "Ein Bandenmitglied lädt einen Jugendlichen vielleicht einmal zum Essen ein, um Kontakt zu knüpfen", erzählt der Projektleiter: "Später erhält der Jugendliche dann einen kleinen Job, um sich selbst ernähren zu können und das Gefühl zu bekommen, zu einer Gemeinschaft zu gehören." Auch bei Helamalmö wird der Hunger der Kinder gestillt, ihnen ermöglicht, einen Arbeitsplatz zu erhalten und nicht mehr alleine zu sein. Nur ist eben alles legal.
"Gefängnis bedeutet Aufgeben"
Außerdem setzt man bei der Organisation auf Brückenbau zwischen den Menschen im Viertel. Auch die älteren Bewohnerinnen und Bewohner der Plattenbauten kämpfen gegen Armut und bekamen bei früheren Projekten von Helamalmö kostenlose Mahlzeiten. "Bei diesen Gelegenheiten haben sich Alt und Jung teilweise zum ersten Mal getroffen und sind ins Gespräch gekommen", erzählt Pihl.
Mittlerweile läuteten bei kleineren Auseinandersetzungen zuerst die Telefone bei Hela, bevor die Polizei alarmiert wird: "Die Menschen wissen, dass wir vernetzt sind und nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern kennen." So ließen sich Probleme schneller aus der Welt schaffen.

Zur geplanten Senkung der Strafmündigkeit hat Pihl klare Worte: "Ich glaube nicht ans Aufgeben, sondern an zweite Chancen. Und Gefängnis bedeutet Aufgeben." Für ihn ist selbst das aktuelle Strafmündigkeitsalter mit 15 Jahren zu jung: "Es gibt keinen Beweis, dass Haft funktioniert. Keine Statistiken, die das belegen." Im Gegenteil. In Dänemark, wo im Jahr 2010 das Alter auf 14 Jahre gesenkt worden war, gab es nur zwei Jahre später unter einer sozialdemokratischen Regierung eine Kehrtwende und eine erneute Anhebung auf 15 Jahre.
Die Argumentation: Das gesenkte Alter habe nicht den erwünschten Effekt erzielt und Kinder sollten nicht als Kriminelle behandelt werden. Eine Studie des Dänischen Zentrums für Sozialwissenschaftliche Forschung VIVE kam im Jänner dieses Jahres zu dem Schluss, dass es sogar den umgekehrten Effekt hatte – Kinder wurden früher als Verbrecher abgestempelt, konnten dem Kreislauf nur schwerer entkommen. In den zwei Jahren, in denen das Alter gesenkt war, kam es in Dänemark gar zu mehr Jugendkriminalität als davor.
Chaos im Stadtviertel
Pihl ist sicher, dass man Geld in die Hand nehmen muss, um die Kinderarmut in den schwedischen Städten zu bekämpfen und die sozialen Netze der Kinder zu stärken. Wohnblöcke wie jene in Nydala seien Teil einer "systematischen Unterdrückung von Menschen". Lange fehlten hier überhaupt Einrichtungen, die die Grundbedürfnisse der Menschen gestillt haben.
Zu medizinischen Einrichtungen, Jobzentren oder gar Büchereien musste man mindestens eine halbe Stunde fahren. "Hier bei Helamalmö findet sich etwa die einzige Bücherei im Umkreis", sagt Pihl. Wenn die Behörden also ganze Stadtteile sich selbst überlassen, "führt das zu Chaos und dem Recht des Stärkeren", erzählt der Jugendzentrumsleiter – eben einem Umfeld, in dem Banden gedeihen.
Dabei bräuchte es ein Umfeld, in dem Kinder und Jugendliche gedeihen, ist Pihl sicher: "Und das kann man mit Geld für Jugendeinrichtungen und Schulen schaffen." Doch dafür liegen keine Pläne auf dem Tisch.
🤝 Dieser Artikel wurde im Rahmen des PULSE-Projekts. Emma Louise Stenholm von Føljeton hat dazu beigetragen.
Artikel in DER STANDARD
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