Sparen als Lebensstil

Konsequent hält das jüngste Mitglied der Eurozone am Sparkurs fest, dem es seine Finanzverwaltung und den Lebensstil seiner Bewohner unterordnet. Für Estland ist das fast schon eine Frage des Nationalstolzes.

Veröffentlicht auf 13 September 2012 um 11:07

Nach und nach ist der Begriff „Sparpolitik“ in den estnischen Wortschatz eingegangen. Man verwendet ihn und hört ihn immer öfter. Das Merriam-Webster Wörterbuch kürte ihn sogar zum Wort des Jahres.

Auf dem estnischen Wort für „Sparpolitik“ liegt ein grauer Schleier und ein Geruch von Armut. Im hintersten Winkel unseres Gehirns denken wir dabei an den Roman „Fegefeuer“ von [der Finnin] Sofi Oksanen [deren Mutter aus Estland ist]. Betrachten wir das Ganze aber positiv, könnte der Sparkurs so etwas wie Estlands Nokia werden. [Sparen] ist Teil unseres kulturellen und religiösen Weltbildes und gehört zu unserem Alltag ganz einfach dazu.

In der estnischen Literatur gibt es die für seine Sparsamkeit bekannte Figur Tuuli Borik: Eine „enthaltsame und gefügige Arbeiterin“ aus der [nicht ins Deutsche übersetzten] Novelle „Die Lebensquellen“ des Schriftstellers Mihkel Mutt. Dabei ist es viel anstrengender, sparsam zu leben, als einfach nur darüber zu reden.

Wie sieht der Sparkurs der Esten in der Praxis aus? Die jungen Estinnen arbeiten als Kellnerinnen in London. Dort verdienen sie zwar ganz vernünftig, entscheiden sich aber zu einem bescheidenen Leben, in dem sie zu dritt in einem kleinen Zimmer wohnen. Die Männer arbeiten im finnischen Baugewerbe. Mit einem Verpflegungssack, in dem Wurst, Käse, Suppentüten und Bierdosen für eine Woche stecken, ziehen sie los und lassen den Müll und einen üblen Geruch hinter sich. Und wenn die Musiker eines Symphonieorchesters sich auf eine Konzertreise im Ausland vorbereiten, stopfen sie ihre Taschen mit belegten Broten voll! Ihr Taschengeld geben sie dann für Bücher aus. Es wird eisern gespart.

Sparkurs verschaffte Präsidenten weltweite Aufmerksamkeit

Sparen kann aber auch seine Vorteile haben. Im Rahmen des Europäischen Stabilitätsmechanismus hat sich der estnische Staat dazu verpflichtet, den bedürftigen (sprich verschwenderischen) EU-Mitgliedern zu helfen: 1,3 Milliarden Euro Steuergelder hat es dafür aufgebracht. „Dieser Betrag berücksichtigt unsere Armutsrate und wird 2023 neu berechnet“, berichtet die Internetseite der [öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Estlands] ERR. Würden wir also nicht so sparsam leben, wäre alles noch viel schlimmer.

Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves ist sauer auf den amerikanischen Kolumnisten Paul Krugman, der ihm vorgeworfen hat, sich nicht genug um die wirtschaftliche Erholung Estlands zu kümmern. Um zu sparen, antwortete Ilves via Twitter, woraufhin er von dem bekannten CNN-Journalisten Fareed Zakaria interviewt wurde. Das führte dazu, dass der Sparkurs unserem Präsidenten weltweite Aufmerksamkeit verschaffte.

Viele derjenigen, die vom Sparkurs sprechen, gehören in Europa oder ihrem Land zu den Bestverdienern.

Für Esten gehört Sparen zur geistlichen und körperlichen Gesundheit einfach dazu. Wie ein roter Faden zieht sich Sparsamkeit durch unserer Geschichte. Wir sind einfach daran gewöhnt.

2005 leitete die Estnische Reformpartei ein Projekt in die Wege, das Estland innerhalb von fünfzehn Jahren zu einem der reichsten Länder Europas machen sollte. Die Wirtschaftskrise hat das unmöglich gemacht. Folglich hat die Partei sich also offensichtlich ein neues Ziel gesteckt: Zu den sparsamsten Ländern Europas gehören, und anschließend um den Titel des weltweit sparsamsten Landes zu kämpfen.

Für die politischen Entscheidungsträger birgt dieses Ziel natürlich viel mehr Reiz, als Estland nur einfach so zu regieren. Das wäre schließlich langweilig. (jh)

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