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Die Zeit der "Kleinhirne". Medien fachten den Streit zwischen Berlin und Athen an. Titelseiten von Eleftheros Typos, I Nikis und Focus. Montage: Presseurop

Stunde der Blitzklischees

Die Griechen sind Betrüger, die es nicht verdienten, dass man sie rette. Die Deutschen müssen zahlen, um Griechenland aus der Krise zu retten, denn die Nazis haben das Land geplündert. Der Krieg der Klischees ist zwischen den beiden Ländern ausgebrochen, die eigentlich die Schrecken der Geschichte hinter sich gelassen hatten, bedauert die Süddeutsche Zeitung.

Veröffentlicht am 1 März 2010 um 16:24
Die Zeit der "Kleinhirne". Medien fachten den Streit zwischen Berlin und Athen an. Titelseiten von Eleftheros Typos, I Nikis und Focus. Montage: Presseurop

"Wenn die Nerven blank liegen, hat es der gesunde Menschenverstand nicht leicht", schreibt Kai Strittmatter in der Süddeutschen Zeitung. Auf geschmacklose Focus-Titel antworten eigentlich gemäßigte Politiker mit "hohlen Schauprotesten" und die eigentlich gemäßigte Kathimerini mit Karikaturen voller Hakenkreuzmoral. Erstaunlich. Erstaunlich noch vielmehr, angesichts der schnellen Freundschaft, die sich zwischen beiden Ländern in den fünfziger Jahren geformt hatte, unter der Fahne des Antikommunismus, in der Kultur, so dass "die Nazi-Verbrechen schnell in den Hintergrund" gerieten. "Aber eines wollten die Griechen immer", sagt der deutsch-griechische Historiker Hagen Fleischer: "dass die Deutschen sich erinnern". Strittmatter erklärt die Entwicklung der Entschädigungsfrage, in der sich die Griechen betrogen fühlten, "Tatsache, um die die Deutschen nicht herumkommen, wenn sie verstehen wollen, warum plötzlich das ganze oppositionelle Lager [...] wieder nach Reparationen ruft."

Den von den Nazis selbst bezifferten fünf Milliarden Euro Schulden sei von der Bundesrepublik 1960 im Rahmen eines Globalabkommens mit einer Zahlung von 115 Millionen D-Mark begegnet worden. Und die deutsche Regierung betrachtet die Reparationsforderung als "durch die Zeit erledigt". Das mag "das realpolitisch Gebotene sein. Aber muss man sich wundern, wenn einige Griechen umgekehrt die List der Deutschen für unausrottbar halten?" Gewiss, all das habe mit den aktuellen Wirtschaftsnöten des Landes nichts gemein, schließt Stattmacher, jedoch auf den Ton komme es an. "Und der ist ziemlich schrill im Moment. Hier wie dort."

* Karikatur aus Kathimerini: Die Sekretärin des Finanzministers kündigt das Eintreffen der EU-Inspektoren an.

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Eine verbale Eskalation

Die griechische und deutsche Regierung versuchen momentan, die besonders in den Medien spürbaren Spannungen zwischen den zwei Ländern zu beseitigen. Den Startschuss zum Schlagabtausch gab das Nachrichtenmagazin Focus, welches auf seiner Titelseite die Venus von Milo mit erhobenem Stinkefinger abbildete. Die Retourkutsche der empörten Griechen ließ nicht lange auf sich warten. Am nächsten Tag veröffentlichte die linke Tageszeitung I Nikis eine am Brandenburger Tor hängende Nazi-Flagge. Der griechische Vize-Ministerpräsident verwies daraufhin auf die von den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges begangenen Plünderungen, die das Land ruiniert hätten. Ende letzter Woche hatte dann ein Verbraucherverband zum Boykott deutscher Waren in Griechenland aufgerufen. Die deutschen Banken ihrerseits hatten sich geweigert, griechische Staatsanleihen zu kaufen. Um diese hochexplosive Lage zu entschärfen hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel den griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandréou zu einem Treffen am 5. März eingeladen.

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