Vorsicht! Bug in der E-Gesellschaft

Politik, Gesundheit, Bildung: Das Land des Baltikums ist seit mehreren Jahren
Vorreiter beim Einsetzen des Internets im öffentlichen Leben. Doch ginge das vielleicht auf Kosten des wahren Lebens, warnt ein Leitartikel.

Veröffentlicht auf 9 Dezember 2009 um 14:47
Die Parallelwelt übernimmt. Ende eines Kolloquiums zum Gesundheitswesen auf der Seite der virtuellen Realität "Second Life". Davee Commerce / Daneel Ariantho

Wir leben bereits in einer vorangeschrittenen E-Welt. Man spricht heute von E-Polizei, E-Regierung, E-Staat, E-Schule, E-Gesundheit und könnte die Liste noch lange weiterführen. Doch verbergen sich darin auch mehrere Gefahren. Alle IT-Lösungen sind wunderbar: Mit ihnen spart man Zeit, Geld, Nerven und so weiter. Doch besteht Gefahr, wenn diese Technologien letztlich zum Ziel selbst werden. Was dann für eine E-Regierung zählt, ist der Internetzugang an sich und nicht mehr Inhalt und eigentliche Qualität der reell geleisteten Regierungsarbeit.

Man hört oft von E-Gesundheit, die mit High-Speed-Internet extrem schnell riesige Datenmengen in alle Herren Länder verschickt. Doch das reale Gesundheitswesen könnte vernachlässigt werden. Man redet von einer E-Schule, doch wird das Geld nicht für Organisation oder Lernprogramme ausgegeben, sondern nur für neue Datenbanken. Der eigentliche Sinn des Ganzen ist auf der Strecke geblieben. Sagen wir es einmal so: Die Wirklichkeit verschwindet, die wahren Gefühle schwächen ab und werden von einer E-Liebe ersetzt (virtuellen Sex gibt es ja bereits) und von verschlüsselten SMS. Je mehr E-Kommunikationslösungen es gibt, umso mehr schwindet die reale Kommunikation. Amüsant und günstig wäre es, E-Hochzeiten zu organisieren mit E-Glück. Und E-Gästen, die Köstlichkeiten verspeisen, die wie Tetris-Würfel in ihren Tellern landen. Sie trinken E-Alkohol, der sie nicht betrunken macht. Wenn es das ist, was die Massen wollen, prächtig! Dann muss man die Dinge so halten, um wiedergewählt zu werden. E-Wahlen sind zu einem Ziel an sich geworden, mit dem Ergebnis, dass der Sinn des Wahlgangs, also jemandem ein Mandat zu gewähren, damit er die Interessen der Bürger vertritt, dabei auf der Strecke oder zumindest unklar bleibt.

Die E-Verwaltung ist bequem und schnell, doch wurde da ein System geschaffen, wo der Mensch an zweiter Stelle steht. Verantwortlich ist eigentlich keiner mehr: "Schicken Sie uns eine E-Mail und dann wir sehen weiter..." Bekommt man eine fehlerhafte Abrechung (wenn man sie denn überhaupt bekommt), dann lautet die Entschuldigung: "Mein Computer hatte mir angezeigt, dass..." Die Tools haben Größen angenommen, dass das normale Leben der Menschen teils durch eine Art E-Leben ersetzt wird, das in alle Bereiche eingreift. Aber vielleicht ist es auch besser, dem frustrierenden realen Leben zu entkommen und sich hinter dem E-Leben zu verstecken, E-Beziehungen zu haben, und sich von seinem Computer-Betriebsystem auf den E-Friedhof beerdigen zu lassen. Ist es so?

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