Nachrichten Lektionen aus Covid-19

Warum Europa nicht auf die Pandemie vorbereitet war und bei der Vorbereitung auf die nächste Pandemie scheitern könnte – Forscher*innen stellen kurzsichtiges Vorgehen der Regierungen in Frage

Twenty years ago, the first SARS outbreak sounded the alarm. But Europe failed to prepare for the Covid-19 pandemic because of a lack of funding for drug research, argue several prominent scientists. As a result, the EU has spent billions of euros fighting the Covid crisis, but only a few million trying to prevent it. Given the EU's new, unambitious strategy, history could repeat itself.

Veröffentlicht am 22 Dezember 2023 um 13:53
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Vor zwanzig Jahren alarmierte der erste Ausbruch von SARS. Doch Europa hat es versäumt, sich auf die Covid-19-Pandemie vorzubereiten, weil es an Mitteln für die Arzneimittelforschung mangelte, so mehrere prominente Wissenschaftler*innen. Infolgedessen musste die EU Milliarden von Euro für die Bekämpfung der Covid-Krise ausgeben, während nur ein paar Millionen aufgewendet wurden, um sie zu verhindern. Angesichts der neuen, unambitionierten Strategie der EU könnte sich die Geschichte wiederholen.

Die Europäische Kommission (EK) hat soeben neue EU-finanzierte Forschungsprojekte zum Schutz der Europäer*innen vor möglichen künftigen Pandemien genehmigt. Doch der Weg zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der EU gegenüber grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen ist noch lang und steil.

Das fragmentierte und unterfinanzierte System rund um die im Entstehen begriffene Health Emergency Response Authority (HERA), die Teil des Gesundheitsunion-Pakets ist, deutet darauf hin, dass die EU die beiden wichtigsten Lehren aus der Covid-Krise nicht gezogen hat: langfristige Planung und höhere Investitionen. 

Die Stimmen der Wissenschaftler*innen in ganz Europa scheinen wieder einmal auf taube Ohren zu stoßen, wie schon vor der Tragödie. Dabei könnte eine weitere unmittelbar bevorstehen.

„Die Welt ist nicht bereit für die nächste Pandemie. Wenn ein neues Virus auftaucht, würde es mindestens ein Jahr dauern, bis die ersten Impfstoffe zur Verfügung stehen. Es sollten breiter wirkende Medikamente entwickelt werden“, prophezeite Johan Neyts, Professor für Virologie an der belgischen Universität Leuven, auf dem 8. internationalen Symposium für moderne Virologie im September 2019 in Wuhan, China. Nur ein paar Monate später sollte sich in derselben Stadt, in der die Veranstaltung stattfand, die Vorhersage des Professors in dem weltweiten Chaos, das wir alle erlebten, bewahrheiten.

„Wenn man von einem Feind angegriffen wird, dann sollte man seine Waffen besser schon vor dem Angriff bereit haben. Man muss sie in Friedenszeiten vorbereiten", so Neyts. „Stattdessen haben wir bei SARS-CoV-2 (dem Virus, das Covid-19 auslöst) auf den Angriff gewartet und dann mit der Herstellung unserer Waffen begonnen“.

Es ist wahr: Die Europäische Union hat Milliarden von Euro für die Bekämpfung der Covid-Krise ausgegeben, aber nur ein paar Millionen für die Vorbeugung, und zwar aufgrund fehlender Forschungsmittel. Nach Ansicht von Forschern hätten weitaus mehr Menschenleben gerettet und wirtschaftliche Verluste vermieden werden können, wenn die Entscheidungsträger in Brüssel die Investitionsstrategie für die Arzneimittelentwicklung weiterverfolgt hätten, die nach dem ersten SARS-Ausbruch im Jahr 2003 eingeführt wurde. Wenn ein solch kurzsichtiger, auf Notfälle ausgerichteter Ansatz beibehalten wird, sind die europäischen Bürger nicht gegen künftige epidemische Bedrohungen geschützt.

Kurzsichtige Politik ist der langfristigen Forschung nicht dienlich

In der Zeit zwischen den beiden Ausbrüchen wurden nicht nur in Europa, sondern weltweit Steuergelder in mehrere SARS-Forschungsprojekte investiert – sowohl für Medikamente als auch Impfstoffe –, die jedoch aufgrund von Mittelkürzungen nie zum Tragen kamen. Als die Pandemie begann und erneut öffentliche Mittel zur Verfügung standen, wurden einige dieser vielversprechenden Projekte wieder aufgenommen, und ihre Hemmstoffe erwiesen sich als einigermaßen wirksam gegen Covid. Das zeigt, dass anhaltende Forschungsanstrengungen etwas bewirken können.

„Die EU zieht es immer noch vor, die Reaktion auf Pandemien zu finanzieren, anstatt sich auf diese vorzubereiten, und das halte ich für einen Fehler, vor allem, wenn es um die Entwicklung von antiviralen Breitbandmedikamenten geht, die bereits im Vorfeld hergestellt und bei einem Ausbruch eingesetzt werden könnten", sagt Bruno Canard, Direktor des französischen Nationalen Zentrums für Wissenschaftliche Forschung und Spezialist für Virusstruktur und Wirkstoffentwicklung an der Universität Marseille.

Die Zahlen scheinen diese Schlussfolgerung zu bestätigen. Im Jahr 2023 belief sich das Budget von HERA auf 1.267,6 Millionen Euro, einschließlich der Beiträge aus verschiedenen Programmen: 389 Millionen Euro aus Horizon Europe 2023-24, 636 Millionen aus dem EU-Katastrophenschutzverfahren (UCPM/rescEU) und 242,75 Millionen aus EU4Health, das mit 5,1 Milliarden Euro über den Zeitraum 2021-2027 das größte EU-Gesundheitsprogramm aller Zeiten sein wird (fünfmal mehr als alle bisherigen Gesundheitsprogramme seit 2003).

Nur ein Drittel des HERA-Budgets, nämlich 474,6 Millionen Euro, wurde für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch Erregerüberwachung, pharmazeutische Gegenmaßnahmen und die Verbesserung der Gesundheitssysteme ausgegeben. Nicht mehr als 50 Millionen Euro wurden für die Forschung und Entwicklung von Medikamenten bereitgestellt. Das sind weniger als 2 % der Summe, die die EK an Big Pharma zahlte, um einen Teil der Kosten für die Entwicklung von Covid-Impfstoffen zu decken – insgesamt 2,9 Milliarden Euro (einschließlich 350 Millionen Euro für die Forschungsphase). Und es ist zehnmal weniger als die 525 Millionen, die das US-amerikanische National Institute of Allergy and Infectious Diseases, das zu den National Institutes of Health (NIH) gehört, für sein Antiviral Drug Discovery Centers Programm ausgegeben hat, das sich ausschließlich mit antiviralen Mitteln für Pandemien befasst.

„Investitionen in Medikamente, die potenzielle Infektionskrankheiten neutralisieren können, sobald sie auftreten, sind wie eine Versicherungsprämie: Wir müssen uns entscheiden, wie viel Risiko wir eingehen wollen, indem wir die Dinge einfach ihren Lauf nehmen lassen und abwarten, was passiert, oder ob wir versuchen, vorbereitet zu sein“, sagt Eric J. Snijder, Leiter der molekularen Virologieforschung am Medizinischen Zentrum der Universität Leiden.

Die EU bezahlte ihre mangelnde Vorbereitung auf SARS-2 mit fast 439.000 Todesfällen und einem BIP-Rückgang um 6,5 Prozent im Jahr 2020, dem ersten Jahr der Covid-Welle, sowie mit 2,018 Billionen Euro, die im Rahmen des Konjunkturprogramms mobilisiert wurden, um die durch die Lockdowns zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen. Man sollte denken, dass 30 Milliarden Euro, der Betrag, den die 27 Mitgliedstaaten schließlich für Impfdosen ausgeben mussten, eine angemessene Prämie gewesen wäre, die im Vorfeld in Form von Arzneimittelentwicklung und -beschaffung hätte gezahlt werden können. 

„Wir können den Pharmaunternehmen nicht vorwerfen, dass sie keine Medikamente gegen Coronaviren entwickelt haben, denn damals gab es keinen Markt dafür, da SARS-Cov-1 nach wenigen Monaten abklang“, sagt Neyts. „Meiner Meinung nach sind die reichen Länder daran schuld. Sie haben nicht die nötigen Anreize für Unternehmen geschaffen, Medikamente zu entwickeln, die auf Vorrat produziert werden können.“

„Um einen Vorrat für künftige Ausbrüche anzulegen, muss ein Medikament klinische Studien durchlaufen, um zu zeigen, dass es sicher ist und dass es zumindest gegen ein Virus der gleichen Familie, zum Beispiel ein anderes Coronavirus, wirksam ist“, sagte Snijder. „Nur große Unternehmen haben die Kapazität und die finanziellen Mittel, um solche klinischen Studien durchzuführen, also müssen sie einbezogen werden.“

„Das Problem ist, dass die langweiligste Pandemie diejenige ist, die wir verhindert haben, weil niemand von ihr erfahren wird und die Regierenden keine Anerkennung für ihre Bekämpfung erhalten werden. Regierungen investieren nicht gerne so viele öffentliche Gelder in die Prävention, ohne eine 100%ige Erfolgsgarantie zu haben“, sagt Snijder. „Politiker neigen dazu, 3 bis 5 Jahre in die Zukunft zu blicken, weil das normalerweise die Zeit ist, für die sie ernannt oder gewählt worden sind, während ein langfristiger Plan für die Entwicklung von Medikamenten 10 bis 20 Jahre braucht“.

„Mit Projekten, die von der EU in der Regel für bis zu 5 Jahre finanziert werden, können wir keine konkreten Ergebnisse erzielen. Aber wissenschaftliche Antizipation, die Zeit braucht, ist für die Steuerzahler weniger sichtbar als Reaktion“, stimmt Canard zu.

Vielversprechende Bemühungen, die die Pandemie hätten eindämmen können 

Den von uns befragten namhaften Forschern zufolge waren die 18 Jahre, die zwischen SARS-1 und SARS-2 verstrichen sind, genug Zeit, um viele gute Hemmstoff-Prototypen zu entwickeln. Pfizer hat mit Paxlovid gezeigt, dass dies sogar in nur zwei Jahren möglich ist, wenn ausreichend investiert wird. Viele andere Wissenschaftler würden zustimmen, dass wir eine Chance gehabt hätten, SARS-2 durch die Verteilung und den Einsatz solcher Medikamente in Wuhan lokal einzudämmen. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass sich das Virus nicht in jedem Fall über den Globus ausgebreitet hätte, aber wir hätten dadurch zumindest viel mehr Zeit für die Impfstoffentwicklung gewonnen. 


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Snjider, Canard und Neyts sind zusammen mit Rolf Hilgenfeld, Leiter des Coronavirus-Teams am Institut für Molekulare Medizin der Universität Lübeck in Deutschland, wichtige Pioniere des transeuropäischen Netzes von Wissenschaftlern, die seit dem ersten SARS-Ausbruch an Coronaviren arbeiten. Sie alle waren Teil von drei vielversprechenden Projekten, die von der EU mit insgesamt 30 Millionen Euro aus dem 6. und 7. Rahmenprogramm kofinanziert wurden und die den Weg für eine wirksame Reaktion auf Covid hätten ebnen können. Jedes Projekt war die logische Fortsetzung des vorangegangenen Projekts: SARS-DTV (2004-2007), Vizier (2004-2009) und Silver (2010-2015).

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