Warum Polen und Litauen Streit haben

Mit zunehmender Bitterkeit glaubt Polen, dass seine Partnerschaft mit Litauen auf leeren Versprechungen gründet. Im Kern der Debatte stehen die Rechte der polnischen Minderheit im baltischen Staat.

Veröffentlicht auf 4 November 2010 um 16:39
Sfu via Wikimedia Commons |  Geht's nur um Rechtschreibung? Mitglieder der polnischen Minterheit in Litauen prozessieren in Vilnius zum Polonia-Tag (polnische Diaspora), 2. Mai 2008.

Wie können wir immer wieder behaupten, dass die Beziehungen zwischen Polen und Litauen noch nie so gut waren wie in den letzten knapp 20 Jahren, wenn sie doch in Wirklichkeit innerhalb der Europäischen Union die schlechtesten sind? Was ist mit unserer strategischen Partnerschaft geschehen? War sie nur ein Slogan, hinter dem sich hässliche Tatsachen verbergen?

Im Kern stehen hier die Lebensbedingungen und die Rechte von rund 250.000 in Litauen lebenden Polen, die mit 6,74 Prozent der Gesamtbevölkerung neben der russischen Minderheit (6,31 Prozent) die größte ethnische Untergruppe ausmachen. Vor kurzer Zeit ließ das litauische Außenministerium den polnischen Botschafter kommen und beschwerte sich bei ihm über die Äußerungen polnischer Politiker, die über die Situation der Minderheit „falsche Informationen verbreiten“. Auch litauische Polen, darunter viele Familien schon seit dem 16. Jahrhundert im Land, sind die Zielscheibe. Ein namhaftes Mitglied des Seimas (das litauische Parlament) meinte: „Wenn sich die Polen nicht in das litauische Leben und die litauische Kultur integrieren wollen, dann steht es ihnen frei, in ihr Ursprungsland zurückzukehren.“

Politiker vollziehen leeres Ritual und stolpern über Triviales

Diese und noch viele weitere Anzeichen deuten darauf hin, dass die Beziehungen mit unserem Nachbarland, einem EU- und NATO-Mitgliedsstaat, ebenso schwierig und strittig sind wie mit Russland selbst. Im Angelpunkt des Problems stehen die erzwungene Litauisierung der polnischen Namen und die Rückgabe des unter sowjetischer Besetzung beschlagnahmten polnischen Grundbesitzes. Immer wieder kommen litauische Politiker nach Polen und vollziehen hier ein leeres Ritual – Lächeln für die Kameras, Händeschütteln, Bestätigen der „besonderen Beziehung“ zwischen unseren beiden Völkern. Doch sind die fröhlich-heiteren Fotos geschossen, bleibt die Frage der Schreibweise – immer wieder – ungelöst.

Manchmal wird der negative Ausgang schon vor dem Besuch angekündigt, manchmal unterdessen. Die Gründe sind immer trivial – technische Details, sogar Schriftbildprobleme werden vorgeschoben. Früher wunderten wir uns noch, warum Litauen die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitssprachen, die von 24 Staaten inklusive Polen ratifiziert wurde, immer noch nicht unterzeichnet hatte. Doch die Litauer ließen im November 2009 die Katze aus dem Sack, als das Landesverfassungsgericht gegen die polnische Schreibweise der Namen entschied.

Polen kämpfen sich durch die bürokratische Vorhölle

Wir machen uns auch schon viel zu lange Illusionen darüber, dass Litauen das Problem der Landrückgabe an die polnische Minderheit einmal lösen wird. Ganz gleich was das litauische Reprivatisierungsgesetz von 1997 aussagt – die Polen, die in Vilnius oder in Stadtnähe leben, müssen enorme bürokratische Hindernisse überwinden, um ihren gestohlenen Besitz zurückzugewinnen. Eigentumsurkunden aus polnischen Archiven aus der Vorkriegszeit werden nicht anerkannt. Demzufolge wird der Grundbesitz den Litauern übertragen, bevor sich die rechtmäßigen polnischen Eigentümer durch die bürokratische Vorhölle gefochten haben.

Trotz dieser Umstände erklären die litauischen Politiker laut und gerne, dass ihr Land ein ausnehmend gut entwickeltes polnisches Bildungssystem für die polnische Minderheit besitzt. Es sei jedoch klargestellt: Das kann sich der litauische Staat nicht als Verdienst anrechnen. Litauen hat das Netzwerk der polnischsprachigen Schulen nämlich aus der Sowjetzeit geerbt. Und der Staat tut sein Bestes, ihre Anzahl zu reduzieren und polnische Kinder an litauische Schulen zu schicken. Polnische Schulen werden aus angeblichen finanziellen Gründen geschlossen, doch gleichzeitig werden genau in den Gebieten, in denen die Polen eine beträchtliche Mehrheit bilden, gut ausgestattete litauische Schulen mit Schwimmbädern und Sportanlagen gebaut.

Polnisch ist für litauische Politiker eine Phobie

Es ist kaum zu übersehen, dass die polnische Sprache für die litauischen Politiker eine Phobie ist. Sie sagen, dies gehöre zur nationalen Psyche, es sei der Komplex einer kleinen Nation, die ihre Identität verteidigt. Doch eine derartige Empfindlichkeit ist nicht zu spüren, wenn es um die russische Sprache geht. Litauische Kabel-TV-Netze bieten Dutzende von russischen Kanälen an. Litauische Radiosender spielen russische Songs und die jungen Litauer peppen ihren Wortschatz mit russischen Ausdrücken auf, weil diese „cool“ – oder vielmehr „sdowora“ – sind. Dem litauischen Politikwissenschaftler Vytautas Radžvilas zufolge wird Vilnius zwar formal Mitglied der NATO und der EU bleiben, aber letztendlich dem russischen Einflussbereich zufallen – trotz aller großen Worte, es sei unser strategischer Partner.

Wir haben lange unsere große gemeinsame Geschichte gepriesen, den polnisch-litauischen Staat, den wir von 1569 bis 1795 teilten. Doch als wir Licht erblickten, sahen die litauischen Politiker Dunkelheit. Nach fast 20-jährigen diplomatischen Beziehungen bleibt die Tatsache bestehen, dass litauischer Patriotismus auf einer polenfeindlichen Stimmung beruht. Den führenden polnischen Politikern ist bitter bewusst geworden, dass diese Partnerschaft schädlich ist: voller leerer Versprechungen und Manipulationen. Eines ist sicher, es wird lange dauern, bis dieser Nachbar unser Vertrauen zurückgewinnt. (pl-m)

MEINUNG

Umfragen: Litauer hart mit Polen

Am Dienstag zeigte eine Internet-Umfrage von Lietuvos Rytas aus Vilnius, dass 50 Prozent der Litauer der Meinung sind, die Spannungen zwischen Polen und Litauen würden nur vorübergehend entschärft werden, gäbe man der polnischen Minderheit das Recht, zur Schreibung ihrer Namen das polnische Alphabet zu verwenden. Die Polen würden dann „neue Probleme mit den Litauern erfinden“. Rund 23 Prozent der Befragten sprachen sich gegen die Befugnis aus, da dies „die Grundlage zur Zerstörung der litauischen Sprache“ bilden würde. Nur 24 Prozent haben nichts dagegen, dass polnische Namen auch Polnisch geschrieben werden. Die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten litten auch beträchtlich unter dem Konflikt bezüglich der Mažeikių-Raffinerie, deren Mehrheitsanteil (84 Prozent) von der polnischen PKN Orlen gehalten wird. „Der Kauf der Mažeikių (im Jahr 2006) war nicht nur eine geschäftliche, sondern auch eine politische Entscheidung. Er sollte dazu beizutragen, Litauens Abhängigkeit von Russland zu überwinden“, schreibt die Rzeczpospolita. Doch dieser Schachzug stellte sich für den polnischen Investor als ziemliche Nervenprobe heraus: Zuerst unterbrach Russland den Zugang der Raffinerie zum Ölterminal der so genannten „Freundschafts“-Pipeline, dann wurden die Hauptanlagen der Mažeikių von einem Brand zerstört und danach demontierte Litauen einen Teil des Schienenstrangs nach Lettland, wodurch sich der Weg, den die Produkte zurücklegen müssen, verlängerte.

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