Wenn du groß bist…

Am schönsten ist Erwachsenwerden in Stockholm. Das meint zumindest Soziologin Cécile Van de Velde. Laut ihrer Studie zum Zusammenhang zwischen Herkunftsland und Eintritt ins Erwachsenenalter begünstigt das skandinavische Modell die Selbstverwirklichung von Jugendlichen. Ein Gespräch.

Veröffentlicht auf 30 Oktober 2009 um 17:13

Erwachsen werden – bedeutet das, einen Job finden? Von zu Hause ausziehen? Sich selbst finanzieren? Diese Frage stellt sichCécile Van de Velde, Dozentin an der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften (École des hautes études en sciences sociales, EHESS) in ihrem neu erschienen Buch Erwachsen werden – Vergleichende Soziologie Jugendlicher in Europa (Devenir adulte – Sociologie comparée de la jeunesse en Europe, 2008). Denn zwischen Spanien und Dänemark gibt es viele Wege, erwachsen zu werden und selbst die Definition von „erwachsen“ unterscheidet sich von Land zu Land.

Frau Van de Velde, haben Sie bei ihren Forschungen Ähnlichkeiten in der Art und Weise festgestellt, in der sich junge Europäer mit dem Erwachsenwerden auseinandersetzen?

Ja, es gibt Gemeinsamkeiten, aber sie liegen vor allem in ähnlichen Wünschen, Vorstellungen und Werten: Das Streben nach Unabhängigkeit, der Wunsch, sich zu verwirklichen und die Freiheit zu haben, sein Leben selbst zu bestimmen. Die Wünsche und Hoffnungen sind dieselben, aber das tatsächliche Schicksal eines jungen Europäers hängt stark von seinem Herkunftsland ab. Grund dafür sind staatliche Hilfen, die Lage des Arbeitsmarktes und die Struktur der Hochschulausbildung. Nach allen meinen Umfragen kann ich sagen, dass die meisten Europäer in ihrer Jugend am liebsten Dänen oder Skandinavier gewesen wären.

Anders als vor fünfzig oder sechzig Jahren scheint heute die Universitätsausbildung der Knackpunkt im Lebenslauf zu sein. Damals gingen wesentlich weniger junge Menschen an die Universität, um eine Arbeit zu finden und den Schritt ins Erwachsenenleben zu wagen.

Im Gegensatz zu früheren Generationen, hat sich das Verhältnis zum Studium natürlich gewandelt. Um es auf den Punkt zu bringen: Heute studiert man mehr, um weniger zu verdienen. Es stimmt, dass sich die Hochschulausbildung in allen europäischen Ländern innerhalb der letzten fünfzig Jahre demokratisiert hat. Während aber für frühere Generationen das Universitätsstudium eine Garantie für sozialen Aufstieg und beruflichen Erfolg war, ist ein Diplom heute längst nicht mehr Schlüssel zum Erfolg und auch keine Jobgarantie. Man kann sogar sagen, dass den Generationen, die jetzt nach langem Studium auf den Arbeitsmarkt kommen, falsche Versprechungen gemacht wurden. In diesem Sinne stehen die Proteste beispielsweise der 1000euristas in Spanien, einer Vereinigung junger Uni-Absolventen, die nicht mehr als 1000 Euro verdienen, für das neue Bewusstsein eines sozialen Abstiegs.

Welche Unterschiede haben Sie in den Lebensläufen junger Europäer festgestellt?

Auf diese Frage müsste man mit zahlreichen Faktoren antworten: Die Beziehungen zur Familie, zum Studium und zur Arbeit, zur Zukunft, zum Erwachsenwerden. Insgesamt aber kann man sich einen Eindruck anhand einiger europäischer „Modelle“ machen. In Dänemark und allgemein in den skandinavischen Ländern heißt Erwachsenwerden vor allem „zu sich selbst finden“ und zwar in einem langen und möglichst abenteuerlichen Werdegang unabhängig von den Eltern. In liberaleren Ländern wie etwa Großbritannien geht es vor allem darum „für sich selbst einzutreten“, also möglichst schnell und mit eigenen Mitteln ins Erwachsenenleben überzuwechseln. In Frankreich und anderen noch immer ständisch geprägten Gesellschaften gilt die Jugend als Zeit, in der ins Studium investiert wird, um sich in einem sozio-professionellen Umfeld „platzieren“ zu können. In den mediterranen Ländern wird das Erwachsenwerden eher als ein langwieriger Prozess gesehen, an dessen Ende die drei Voraussetzungen stehen, um sich „niederzulassen“: eine Arbeit, eine Wohnung und ein Partner.

Welches dieser Modelle bietet den Jugendlichen Ihrer Meinung nach die besten Chancen, sich selbst zu verwirklichen?

Leider erleichtert die aktuelle Wirtschaftskrise nicht die Verbreitung des skandinavischen Modells: Es basiert vor allem auf einer niedrigen Arbeitslosenquote und auf massiven staatlichen Finanzhilfen für das Studium. Möglicherweise werden die hier ganz knapp vorgestellten Modelle alle künftig in Frage gestellt und setzt sich das mediterrane Modell zunehmend durch. Dies würde bedeuten, dass sich, wenn auch in unterschiedlichem Maße, die Zeit des Wartens und der Unsicherheit für die Jugendlichen insgesamt verlängert.

von Matias Garrido

Übersetzung: Anna Karla (cafébabel.com)

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