Analyse Öl- und Gasembargo gegen Russland

Wie der Krieg in der Ukraine den tschechischen Gasunternehmer Daniel Křetínský gefährdet

Wenn jemand in Mitteleuropa ein Interesse daran hat, dass Europa weiterhin russisches Gas kauft, dann ist es Daniel Křetínský. Der tschechische Milliardär hat seine Unternehmensgruppe auf der Basis stabiler Einnahmen im Gastransit aufgebaut. Ein Embargo könnte nun all dies zunichte machen.

Veröffentlicht auf 12 Mai 2022 um 09:44
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Am Abend des 26. April teilte das polnische Gasunternehmen PGNiG mit, dass Russland seine Gaslieferungen in das Land stoppen würde. Bulgarien folgte kurz darauf mit gleicher Meldung, denn beide Länder hatten es abgelehnt, ihr Gas in Rubel zu bezahlen. Diese Beispiele zeigen, dass der Gashahn von heute auf morgen abgedreht werden kann - trotz langfristiger Verträge.

Diese neue Situation beunruhigt nicht nur die europäischen Staaten und die EU als Institution, sondern auch die am Gastransit verdienenden Unternehmen. In Polen sind mehrere Unternehmen betroffen, die am Betrieb der Jamal-Pipeline beteiligt sind, doch der größte allein agierende Transporteur von russischem Gas in die EU ist der tschechische Unternehmer Daniel Křetínský.

Der mögliche Stopp der Gaslieferungen ist auch eine direkte Bedrohung für den Gasnetzbetreiber Eustream, der Křetínskýs Energieversorgungsunternehmen EPH sowie dem slowakischen Staat gehört. Sollten die Importe aus Russland gänzlich eingestellt werden, würde die Slowakei hunderte Millionen Euro jährlich verlieren und Daniel Křetínský das Unternehmen, auf dem er einst sein Imperium aufbaute.

Křetínský ist seitdem zwar auch außerhalb des Energiesektors aktiv geworden und hält 49 % der Anteile der französischen Presse-Holding Le Nouveau Monde, die u.a. an der Tageszeitung Le Monde beteiligt ist. Doch seine Geschäfte bleiben im Energiesektor verankert. Wie besorgt sollte er also sein? 

Mit einem Einsturz der Gasimporte fallen auch Křetínskýs Gewinne

Anfang März begannen die Medien, über die Auswirkungen des Krieges auf Křetínskýs Geschäfte zu berichten, als die Ratingagentur Fitch Eustream aufgrund seiner Verbindungen zum russischen Gazprom in die Kategorie „negative rating outlook“ eingestuft hatte. Diese Herabstufung hat besonders in Großbritannien für Aufruhr gesorgt, wo Křetínský unter anderem der größte Anteilseigner der Royal Mail und Miteigentümer des Fußballclubs West Ham United ist.

Der nationale Postdienst Royal Mail ist nun zum Opfer spekulativer Investmentfonds geworden und britische Medien wie The Times diskutieren über die „Verletzlichkeit“ des Unternehmens der „tschechischen Sphinx“, wie der „mysteriöse“ und knauserige Geschäftsmann dort genannt wird.

Křetínskýs eigenes Unternehmen EP Infrastructure (EPIF), das in der Slowakei Gas transportiert und verteilt, verteidigt sich mit der Aussage, der eigene Zustand stünde nicht in Zusammenhang mit dem fallenden Aktienkurs von Royal Mail. Die Aktien seien schließlich durch eine andere Größe, nämlich den Investmentfonds Vesa Equity Investment bestimmt. EPIF behauptet außerdem, die Gaslieferungen über die Slowakei würden weiterhin ohne Störung erfolgen.

Aktuell ist dem auch so. Doch Anfang März hatte die Gruppe EPIF in Anbetracht der Situation entschieden, Dividendenzahlungen und neue Ankäufe zeitlich zu verzögern. Die Dinge stehen also nicht optimal für das Unternehmen, und dessen sind sich die Beteiligten offensichtlich auch bewusst.

Obwohl EPIF im vergangenen Jahr an den für die Verbraucher steigenden Gaspreisen verdient hat, können diese Gewinne die Einbußen durch die geringere Menge an transportiertem Gas nicht ausgleichen. 2021 betrug der Rückgang 27 % - ein weiteres Indiz dafür, wie sehr die Zahlen bei EPIF vom Gastransit abhängen. Dem Unternehmen zufolge stammt der Großteil des Gases in den Eustream-Pipelines aus Russland.

„Erst wurde die Gasversorgung durch die Corona-Krise gestört und im vergangenen Frühling und Sommer dann durch unregelmäßige Lieferungen aus Russland“, erklärt Jan Osička, Energieexperte an der tschechischen Masaryk-Universität. Die russischen Lieferungen waren so gering wie nie zuvor und die Speicher für russisches Gas blieben halb leer.

Hatte Russland sich bereits auf die Invasion vorbereitet und deswegen weniger Gas an Europa abgegeben? Dies wäre eine mögliche Erklärung, kann aber nicht bestätigt werden. Ohne Zweifel haben jedoch die niedrigen Mengen an Transitgas die Leistung von Eustream und seiner Schwestergesellschaft EP Infrastructure beeinflusst.

Russisches Gas: eine Goldgrube für EPH

Warum ist der Transport von Gas so ein rentables Geschäft? Zunächst ist der Markt - bzw. war er es bis vor kurzem - sehr stabil. Im Prinzip verdient das Transportunternehmen an Verträgen mit Lieferanten, die das Gas von einem Ort an einen anderen bringen müssen.

„Der Transport ist eine relativ regulierte Branche. Das zieht Investoren an, weil das Renditen fast ohne Risiko einbringt“, erklärt der Energieexperte Jan Osička. Die Erträge seien dabei abhängig von der Menge des transportierten Gases, genauer gesagt von der Menge des von Unternehmen bestellten Gases.

Bis vor kurzem hatte Erdgas noch eine stabile Stellung in der energiepolitischen Planung Europas als Antwort auf die Frage „Was kommt nach der Kohle?“. Trotz Kritik vonseiten macher Umweltbewegungen übernahm Erdgas eine zentrale Funktion in der Energiewende und sollte den Übergang von der Kohlekraft zu erneuerbaren Energiequellen sichern. Doch dieser Plan wurde nun in seinen Grundfesten erschüttert.

Die Gasbranche ist gefährdet, nicht nur wegen Putin, sondern auch aufgrund der Handlungen einiger europäischer Staaten und der EU. So hat Eustream zwar langfristige Verträge mit dem russischen Lieferanten Gazprom, doch die Experten sind sich einig, dass in einem Krieg „alles erlaubt“ ist, wie der aktuelle Lieferstopp in Polen und Bulgarien zeigt.

Wenn die EU entscheidet, kein russisches Gas mehr zu kaufen, werden die unterzeichneten Verträge also keine Rolle mehr spielen. Der Druck in diese Richtung wird stärker und Anfang April hat das Europäische Parlament in einem Beschluss einen allgemeinen Importstopp für Gas, Öl, Kohle und nukleare Brennstoffe aus Russland nach Europa gefordert.


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Die Europäische Kommission hat ebenfalls anvisiert, den Import von russischem Gas in diesem Jahr um zwei Drittel zu verringern. Doch mittlerweile könnte Russland möglicherweise selbst eine ähnliche Entscheidung treffen.

Der größte unabhängige Gasnetzbetreiber zwischen Russland und der EU ist Eustream. Dessen Pipelines pumpen den Rohstoff bis nach Tschechien, Ungarn, in die Ukraine und nach Österreich, von wo aus er weiter in andere Länder geleitet wird. Eines dieser Länder, Italien, hat bereits bekannt gegeben, sich vom russischen Gas abzuwenden und stattdessen eine Versorgung aus Algerien organisiert

Nach dem europäischen Ausstieg könnte Eustream nun nur noch der Gastransport in die entgegengesetzte Richtung bleiben, denn infolge der russischen Annexion der Krim wird seit September 2014 Gas von den westlichen Märkten in die Ukraine befördert. Doch auch hier ist die Menge in den letzten Jahren gesunken und bleibt weit entfernt davon, die Ertragsverluste des russischen Gases kompensieren zu können.


Mit dem russischen Gas hat EPH also aus einer wahren Goldgrube geschöpft


Anhand der Wachstumskurve von Křetínskýs Vermögenswerten und der Entwicklung seiner Ankäufe wird deutlich, dass sein Beitritt zu Eustream ein entscheidender Schritt für seine Geschäfte war. Mit dem russischen Gas hat EPH also aus einer wahren Goldgrube geschöpft.

Gastransport: ein Markt, dessen Einbruch auch für EPH fatal wäre

Die Jahresberichte von Eustream zeigen, dass das Unternehmen 2021 die schlechtesten Zahlen seit 2013 geschrieben hat. Im vergangenen Jahr ist sein EBITDA, ein Maßstab der Geschäftsbilanz, um 16 % gesunken. Was würde passieren, wenn die Slowakei oder andere Länder nun gar kein russisches Gas mehr kaufen würden? Denn das könnten sie tun - auch ohne Křetínskýs Zustimmung.

„Die Entscheidung, die Gaslieferungen vollständig oder teilweise einzustellen, wird politischer Art sein und auf EU-Ebene gefällt werden“, resümiert Karel Hirman, ein slowakischer Energieexperte, der die damalige Premierministerin Iveta Radičová und später den ukrainischen Premier Wolodymyr Hrojsman in Energiethemen beraten hatte.

Den Banken zufolge war Eustream bisher noch „weniger betroffen von temporären Schwankungen in der Weltwirtschaft als andere Unternehmen“, da seine Einnahmen weniger davon abhängen, wieviel Gas wirklich geliefert wird, sondern wie viel vertraglich gekauft wurde.

Hirman betont hingegen auch, Putin hätte „die Verträge in den Müll geworfen“. Der slowakische Experte sprach sogar schon bevor die Situation mit Bulgarien und Polen eskalierte von der Möglichkeit, Putin, der seit langem Unfrieden in der EU stiften wollte, habe selbst bereits entschieden, die Lieferungen einzustellen. 

Für den slowakischen Staat würde der Stopp der russischen Lieferung…

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