Data Impfstoffe und Coronavirus | Teil 1: Die Kosten der Verzögerung

Wie Europa unter dem Impfstoff- Monopol der Pharmaindustrie leidet

Die Europäische Union versucht gleichzeitig die Gesundheit ihrer Bürger und das Impfstoff-Monopol der Pharmaindustrie zu retten, indem sie eine Liberalisierung der Vakzin-Produktion ablehnt. Damit läuft sie Gefahr, die für die wirtschaftliche Reprise notwendige Herdenimmunität zu verzögern. Teil eins der dreiteiligen Voxeurop-Serie.

Veröffentlicht auf 18 März 2021 um 10:47

Die Europäischen Union hat sich in eine mission impossible hineinmanövriert, indem sie sowohl die Gesundheit ihrer Bürger als auch die Profite der Pharmakonzerne im Wettlauf um die Herstellung der Covid-Impfstoffe retten will in dieser katastrophalen Gesundheitskrise, die bereits mehr als zweieinhalb Millionen Opfer in einem Jahr gefordert hat.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs wissen natürlich, dass es vorrangig darum geht, Leben zu schützen - das Leben all derjenigen, die sich bereits infiziert haben oder es noch tun könnten, und derjenigen, die durch die Corona bedingten Einschränkungen ihre Lebensgrundlage verlieren. Aber gleichzeitig wagen sie es nicht, die Logik des Profits - Grundlage ihrer Wirtschaftsmodelle – aufzugeben. Und so fördern sie einerseits Massenimpfungen zum Erreichen der Herdenimmunität, riskieren aber andererseits, sie zu verzögern, indem sie die Impfstoffproduktion in den Händen der "Big Pharma" belassen, anstatt sie zu demokratisieren.

Sowohl die Europäische Kommission als auch die Staats- und Regierungschefs der EU-27 predigen in ihren öffentlichen Reden die Dringlichkeit, Corona-Impfstoffe schnellstmöglich für alle verfügbar zu machen. In der Praxis jedoch zögern sie, die Pharmariesen zu zwingen, einen Teil der Produktion auszulagern, um die Anzahl der Dosen zu erhöhen.

Der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, hat diesbezüglich innerhalb weniger Wochen widersprüchliche Aussagen getroffen. Zunächst schlug er die mögliche Nutzung von Artikel 122 des Lissabon-Vertrags für eine zentralisierte Vergabe von Zwangslizenzen vor, was normalerweise eine nationale Kompetenz ist. Dann jedoch bestritt er Anfang März in einem Brief an das Europäische Parlament, dass das Patentmonopol ein Problem sei.

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Die einzige Gegenmaßnahme, die die Europäische Kommission bisher getroffen hat, um die Impfstoffversorgung in der EU zu gewährleisten, ist die teilweise Blockierung von Impfstoff-Exporten, was jedoch bloß dazu geführt hat, dass anderen Ländern die Vakzine vorenthalten blieb, ohne dass die Hersteller gezwungen sind, kooperativer zu werden.

Hinkender Wettlauf in der EU und dem Rest der Welt

"Big Pharma" (die profitabelste aller Industrien) hat die Lieferung von Milliarden von Impfstoff-Dosen angekündigt. Hundertprozentig eingetroffen ist bisher jedoch nur ihr fulminanter Gewinn an der Börse, durch den sich ihre Führungskräfte bereichert haben. Was bleibt, ist die Ungewissheit über den Zeitpunkt der Verteilung des Impfstoffs, der entscheidende Faktor also.

Einer Studie der Allianz nach, verliert die EU pro Woche Verzögerung beim Erreichen der Herdenimmunität, die zur Lockerung der Einschränkungen führen würde, 18 Billionen Euro ihres BIP. Wenn die von der Allianz Anfang des Jahres errechnete fünfwöchige Verzögerung nicht aufgeholt wird, würde sich der Gesamtschaden bis Ende 2021 auf rund 90 Milliarden Euro belaufen. Die Wirtschaftsprognose der Kommission, die davon ausgeht, dass 70 % der Bevölkerung bis zum Herbst geimpft sein werden, was zum Erreichen der Herdenimmunität nötig wäre, würde daher nach unten korrigiert werden.

Jüngsten Daten der OECD zufolge haben die wichtigsten EU-Mitgliedstaaten den durchschnittlichen Prozentsatz der täglich geimpften Bevölkerung in den letzten Wochen verdoppelt. Dadurch konnten sie den Rückstand gegenüber den USA und Großbritannien verringern, die die Impfstoffe im Voraus bestellt und zur Freigabe freigegeben hatten und ihre Bürger folglich viermal schneller impfen konnten als die EU, die in der Weltrangliste noch immer mehr oder weniger auf Platz 30 liegt.

Eine Verdoppelung der derzeitigen Impfrate würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass zumindest die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen (20-30 % der Bevölkerung) geimpft würden. Aber selbst bei einem solchen Szenario käme es laut Allianz noch zu einer dreiwöchigen Verzögerung, die insgesamt 63 Milliarden Euro kosten würde.

Um diese Verzögerung vollständig auszugleichen, müsste die Impfkampagne deutlich beschleunigt werden auf eine tägliche Impfrate von 1 % der Bevölkerung. „Dies wäre möglich, wenn sich die Produktionsengpässe bis Ende des ersten Quartals 2021 beheben ließen, zum Beispiel durch einen neuen Impfstoff (der im besten Fall nur eine Injektion benötigt) oder die Eröffnung neuer Produktionsstätten“, so die Studie.Es sind jedoch allein die Pharmariesen, die entscheiden, wo und in welchem Umfang die Impfstoffe produziert werden.

Tatsächlich einigten sich die Regierungen auf der Generalversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im vergangenen November darauf, dass die Hersteller zu keinerlei Maßnahmen gezwungen werden können. Ein Fiasko: Big Pharma verweigerte daraufhin sowohl das C-TAP-Pool-Tool zur gemeinsamen Nutzung von Patenten und Technologien als auch den Covax-Fonds, einen globalen Fonds, der aufgelegt wurde, damit Länder mit stärkerer Verhandlungsmacht kollektiv über Impfstoffe verhandeln, um sie zu niedrigeren Preisen zu bekommen und fair unter allen Staaten verteilen zu können.

Die Pharmafirmen verhandeln jedoch lieber mit jedem Land einzeln und liefern die Dosen zuerst an die Länder aus, die am schnellsten und am meisten zahlen. Bislang haben sie Covax etwas mehr als 2 Milliarden humanitäre Dosen versprochen, die von den reichsten Ländern subventioniert werden (6 Milliarden Euro, darunter fast 1,7 Milliarden von der Kommission und mehreren europäischen Ländern, was der Hälfte der Summe entspricht, welche die Vereinigten Staaten unter der neuen Regierung von Joe Biden angeboten haben). Dies reicht kaum aus, um 20 % der Bevölkerung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen bis Ende des Jahres zu impfen (wenn man für einen vollständigen Schutz eine doppelte Impfung pro Person berechnet).

Mehr Dosen bedeuten mehr Einsparungen für die Bürger

Die EU hat ihren Lieferanten 2,7 Mrd. € an Vorauszahlungen gezahlt, um die Produktion der vereinbarten Dosen (zusätzliche 2,5 Mrd. €) zu unterstützen. Die Mitgliedstaaten können überschüssige Dosen an Länder in Schwierigkeiten verschenken, müssen dafür jedoch die Zustimmung der Hersteller einholen. Doch selbst Länder in Schwierigkeiten können nicht mit ausreichend Impfstoff versorgt werden wegen der angekündigten Lieferverzögerungen, die sich bisher angestaut haben bei Pfizer, AstraZeneca sowie Johnson & Johnson. Angesichts unvorhersehbarer Produktionsausfälle haben sich die Unternehmen geweigert, sich auf bestimmte Termine festzulegen. Dies wurde so in den bisher bekannt gegebenen Vereinbarungen der Europäischen Kommission mit AstraZeneca, Curevac und Sanofi vereinbart.

„Wir haben die Produktionsausfälle unterschätzt“, räumt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein. „Die Kommission hat einen guten Anfang gemacht, indem sie den kollektiven Kauf von Impfstoffen im Namen aller Mitgliedstaaten verhandelt hat, aber es war falsch, bis zum Spätherbst 2020 zu warten, um die teureren Impfstoffe von Pfizer und Moderna, die eine hohe Wirksamkeit gezeigt haben, vor den anderen zu bestellen, noch dazu in zu geringen Mengen.“ Und dieser Fehler hat Folgen, erklärt Scott Marcus, Experte des Bruegel-Forschungszentrums. „[Dieses Vorgehen] hat die Verhandlungen in die Länge gezogen, um niedrigere Preise zu bekommen, aber am Ende hat der Impfstoff weit weniger gekostet als der Verlust des BIP, der dadurch entstanden ist, dass nicht sofort genügend Dosen zur Verfügung stehen.“

Die Rolle von Sandra Gallina, die die Verhandlungen aufseiten der Kommission führte, wurde Ende Februar darauf reduziert, den Kauf von Pfizer und Moderna Impfstoff-Dosen abzuschließen, nachdem AstraZeneca angekündigt hatte, nicht alle geplanten Dosen liefern zu können.

Unsere Berechnungen zeigen, dass die Kosten für Impfstoffe pro Bürger in der gesamten EU ziemlich ähnlich sind, obwohl sie in den mittel- und osteuropäischen Ländern aufgrund der geringeren Kaufkraft etwas höher liegen.

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist in den am stärksten von der Epidemie betroffenen Ländern deutlich höher, da die Ausgaben für den Kauf der Dosen dort nur einen kleinen Bruchteil des volkswirtschaftlichen Schadens ausmachen, der im Jahr 2020 ohne Impfung entstanden ist.

„Wir brauchen eine flächendeckende Impfung, auch in weit entfernten Gebieten, weil sich sonst neue Varianten bis in die westlichen Länder ausbreiten könnten“, warnt WHO-Spezialistin Catherine Smallwood. „Wenn die ärmsten Regionen der Welt bis 2023 (nach den derzeitigen Prognosen) ohne angemessene Versorgung bleiben, würden die EU und der Rest der Welt jährlich 33 Mrd. € bzw. 128 Mrd. € durch grenzüberschreitende Beschränkungen des Personen-, Waren- und Dienstleistungsverkehrs verlieren“, sagt Marco Hafner, Wirtschaftswissenschaftler bei der Rand Corporation und Autor einer Studie, die belegt, dass durch jeden Euro, der weltweit für Impfstoffe ausgegeben wird, Verluste in vierfacher Höhe vermieden werden können.

👉 Die Quelle der in diesem Artikel verwendeten Daten.

Diese Recherche wird als Teil des Projekts "Who is cashing in on the Covid-19 pandemic" (Wer kassiert bei der Covid-19-Pandemie) mit Unterstützung der Initiative "Investigative Journalism for the EU" (Investigativjournalismus für die EU) erstellt.

In Partnerschaft mit der European Data Journalism Network


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