Osama Hajjaj putin

Wie teuer ist der Ukrainekrieg für Europa? Und wie kostspielig wäre ein „schlechter Frieden“?

In den Brüsseler Debatten und in nationalen – insbesondere populistischen – Wahlkämpfen ist seit Monaten zu hören: „Die Finanzierung der Ukraine kostet die Europäische Union einfach zu viel.“ Die Zahlen erzählen jedoch eine andere Geschichte.

Veröffentlicht am 16 Februar 2026

Derzeit zahlt die EU für die Verteidigung der Ukraine eine Art „Versicherungsprämie“, nämlich in etwa das, was es kosten würde, sich auf einen russischen Sieg und einen Krieg gegen die Nato vorzubereiten. Allerdings wäre das mit weitaus größeren Risiken verbunden.

Allgemeiner betrachtet zeichnet sich jedoch ein europaweiter Trend ab: Immer mehr Politikerinnen und Politiker treten mit der Behauptung an, die finanzielle Belastung durch den Krieg in der Ukraine sei nicht mehr tragbar. Dies geschieht zu einem entscheidenden Zeitpunkt, da Europa die volle Verantwortung für die Finanzierung eines Krieges übernehmen muss, dessen Dauer sich allmählich den beiden Weltkriegen annähert, während sich Washington zunehmend zurückzieht. Dies wiederum stellt sowohl die politischen Verhandlungskünste der EU-Spitzen als auch die rechtlichen Rahmenbedingungen der EU auf eine harte Probe.

Unter internationalen Kreditgebern und Spendern gibt es jedoch kaum Zweifel an der Dringlichkeit, eine fortgesetzte Unterstützung der Ukraine sicherzustellen. In seiner Erklärung vom 26. November 2025 findet der Internationale Währungsfonds (IWF) klare Worte: „Rasche Maßnahmen der Geldgeber sind unerlässlich, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden.“

Der IWF betont zudem, dass der fiskalische und externe Finanzierungsbedarf der Ukraine hoch sei und die Risiken aufgrund der Dauer und Intensität des Krieges sowie der schwankenden Unterstützung durch die Geldgeber „außergewöhnlich hoch“ seien. Die Weltbank nennt derweil eine konkrete Zahl und schätzt den externen Finanzierungsbedarf der Ukraine für 2025 auf 37 Milliarden Euro – mit anderen Worten: Die Sicherung der Finanzierung ab Anfang 2026 ist dringend.

Aktuelle Zahlen des Kiel Instituts schlagen zudem Alarm wegen des drastischen Rückgangs der militärischen und verteidigungspolitischen Unterstützung im Jahr 2025. Die Ukraine steht vor einem Jahr mit den wenigsten neuen Hilfszusagen seit Ausbruch des Krieges im Februar 2022. Europa hat lediglich rund 4,2 Milliarden Euro an neuer militärischer Hilfe bereitgestellt – viel zu wenig, um den Stopp der US-Unterstützung auszugleichen, so die Analyse des Kiel Instituts.

Gleichzeitig haben sich die Unterschiede innerhalb Europas vergrößert. Frankreich, Deutschland und Großbritannien haben ihre Zuweisungen deutlich erhöht, liegen relativ gesehen jedoch weiterhin hinter den nordischen Ländern zurück. Italien und Spanien hingegen haben nur minimale Beiträge geleistet.

Bemerkenswert ist auch, dass Deutschland die meisten Mittel für Luftverteidigungssysteme und Panzer bereitstellt, während Polen, Tschechien und die baltischen Staaten die größten Mengen schwerer Waffen geliefert haben. Die Realität ist jedoch, dass insbesondere die Kosten für ukrainische Flüchtlinge Deutschland, Polen, Rumänien und Tschechien stark belasten, auch wenn die meisten Regierungen diese Ausgaben in ihren eigenen Haushalten üblicherweise unter den Posten „Sozialpolitik“ und „Bildung“ verbuchen.

Werfen wir nun einen genaueren Blick auf diese enormen Summen, um Klarheit zu gewinnen.

Wie viel kostet die Ukraine die EU? – Was die Zahlen zeigen

Laut einer Übersicht des Europäischen Parlamentarischen Forschungsdienstes (EPRS) vom Oktober 2025 haben die EU-Institutionen und die 27 Mitgliedstaaten gemeinsam als „Team Europa“ seit Februar 2022 rund 177,5 Milliarden Euro an finanzieller, militärischer und humanitärer Unterstützung für die Ukraine mobilisiert.

Darin enthalten sind makrofinanzielle Hilfen sowie die 50 Milliarden Euro schwere Ukraine-Fazilität für 2024–2027, von denen 38,27 Milliarden Euro direkte Haushaltshilfe darstellen, überwiegend in Form zinsgünstiger Kredite. Hinzu kommt militärische Unterstützung, die das EPRS – einschließlich der Lieferungen der Mitgliedstaaten und der Zahlungen aus der Europäischen Friedensfazilität (EPF) – auf rund 63 bis 65 Milliarden Euro schätzt.

Schließlich ist die Unterstützung von Flüchtlingen der Posten, den die Öffentlichkeit selten direkt mit der Ukraine in Verbindung bringt. Auf Basis von Daten des Kiel Instituts schätzt das EPRS die flüchtlingsbezogenen Ausgaben der EU-Mitgliedstaaten zwischen Anfang 2022 und August 2025 auf rund 155 Milliarden Euro.

Rechnet man alles zusammen – EU-Haushaltsprogramme, Militärhilfe und Flüchtlingskosten –, beläuft sich der bisherige „Preis“ der Ukraine für die EU auf etwa 330 Milliarden Euro innerhalb von dreieinhalb Jahren. Auf Jahresbasis entspricht dies rund 90 bis 100 Milliarden Euro, während das BIP der EU-27 im Jahr 2024 bei deutlich über 15.000 Milliarden Euro lag. Die Rechnung macht somit etwa 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte der jährlichen Wirtschaftsleistung aus.

EIB und EBRD – die „kriegswirtschaftliche Entwicklungsökonomie“ der EU

Über klassische Haushaltsposten hinaus darf nicht vergessen werden, dass auch die EU-Finanzinstitutionen eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Ukraine spielen. Laut einer Erklärung der Europäischen Investitionsbank (EIB) vom Juli 2025 hat die EIB-Gruppe seit Beginn der russischen Invasion 3,6 Milliarden Euro an Unterstützung und Krediten für die Ukraine mobilisiert – vorwiegend für Energieinfrastruktur, Verkehr und die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) ist während des Krieges der größte institutionelle Investor in der Ukraine. Auf der Ukraine-Wiederaufbaukonferenz im Juli 2025 in Rom gab sie an, dass ihre Kriegsfinanzierung 7,6 Milliarden Euro erreicht habe, und sie strebt an, jährlich eineinhalb bis zwei Milliarden Euro bereitzustellen.

Diese Beträge stellen keine „zusätzlichen Luxusinvestitionen“ dar, sondern fließen primär in Kraftwerke, Brücken, städtische Fernwärmesysteme, Grenzübergänge und das Überleben kleiner und mittlerer Unternehmen – also in all das, ohne das ein Frontstaat rasch zu einem dauerhaft instabilen, kollabierenden Nachbarn würde.

Europa vs. USA: Wer zahlt wirklich für den Krieg in der Ukraine?

Die transatlantische Debatte darüber, „wer mehr zahlt“, ist politisch bequem, doch den neuesten Daten zufolge ist Europa bereits Anfang dieses Jahres vom Trittbrettfahrer zum Hauptfinanzier geworden. Laut dem Kiel Institut haben die EU-Institutionen und die Mitgliedstaaten seit 2022 zusammen rund 165,7 Milliarden Euro an Unterstützung für die Ukraine zugesagt, während die USA etwa 130,6 Milliarden Euro bereitgestellt haben.

Auch der EPRS hebt hervor, dass Team Europa die USA bis 2025 bei der insgesamt zugesagten finanziellen, humanitären und militärischen Unterstützung überholt hat.

Bei militärischer Ausrüstung haben die EU-Staaten in diesem Jahr ebenfalls etwas mehr zugesagt als Washington: 65,1 Milliarden Euro gegenüber 64,6 Milliarden Euro aus den USA, zuzüglich weiterer 32,8 Milliarden Euro an europäischen Zusagen.

Das Bild ist jedoch differenziert zu betrachten, da ein größerer Anteil der US-Unterstützung aus Zuschüssen besteht, während etwa 75 Prozent der EU-Finanzierung in Form zinsgünstiger Kredite mit langen tilgungsfreien Zeiten und Zinszuschüssen erfolgen. Das bedeutet zwar geringere unmittelbare Kosten, aber ein höheres langfristiges finanzielles Risiko für die EU – teilweise in der Erwartung, dass die Kredite letztlich aus russischen Vermögenswerten oder „Reparationskrediten“ zurückgezahlt werden.

Was wäre teurer – ein ukrainischer Sieg oder ein russischer Durchbruch?

Paradoxerweise ist das stärkste Argument gegen die Behauptung, „die Finanzierung der Ukraine sei zu teuer“, der Hinweis darauf, wie kostspielig es wäre, nicht zu zahlen.

Eine aktuelle Studie der norwegischen, zivil finanzierten Analysefirma Corisk und des Norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten (NUPI) liefert einen klaren Rahmen, indem sie zwei Szenarien vergleicht:

Szenario 1 – Russischer (Teil-)Sieg: Moskau drängt die Front nach Westen, die Ukraine wird zu einem „schlechten Frieden“ gezwungen und verliert etwa die Hälfte ihres Territoriums. Laut der Studie würde dies für Europa innerhalb von vier Jahren 524 bis 952 Milliarden Euro an Flüchtlings- und Sozialkosten bedeuten. Hinzu kämen zusätzliche Verteidigungsausgaben, sodass sich die Gesamtkosten auf 1,2 bis 1,6 Billionen Euro beliefen.

Szenario 2 – Ukrainischer Sieg: Europa rüstet die Ukraine aus (1500 bis 2500 Panzer, 2000 bis 3000 Artilleriesysteme, bis zu acht Millionen Drohnen, moderne Luftverteidigung), sodass sie die russischen Streitkräfte zurückdrängen und den Kreml zu einem günstigen Frieden zwingen kann. Die Forschenden schätzen die Kosten auf 522 bis 838 Milliarden Euro über vier Jahre – also etwa die Hälfte dessen, was Europa im Falle eines russischen Sieges zahlen müsste.

Die Studie geht zudem von einer reduzierten Rolle der Vereinigten Staaten aus, was bedeutet, dass die Hauptlast – wie schon heute – bei Europa läge.

Wie viel würde es kosten, wenn Russland ein Nato-Mitglied angreift?

Es gibt keine direkte, offizielle EU-Berechnung der Kosten eines tatsächlichen Nato-Krieges, wohl aber Näherungswerte dafür, was die europäische Verteidigung selbst im Falle eines US-Rückzugs erfordern würde.

Laut einer heuer erstellten Analyse des Brüsseler Thinktanks Bruegel müsste Europa, wenn es Russland ohne die USA abschrecken wollte, in den kommenden Jahren mindestens 300.000 zusätzliche Soldaten sowie rund 250 Milliarden Euro an zusätzlichen jährlichen Verteidigungsausgaben aufbringen.

Nach der bereits erwähnten norwegischen Studie würden zusätzliche Verteidigungsausgaben zur Verstärkung der Nato-Ostflanke im Falle eines russischen Krieges gegen das Bündnis die Gesamtkosten Europas im Rahmen von Szenario 1 auf 1,2 bis 1,6 Billionen Euro erhöhen.

Allein dies übersteigt bereits die gesamten aktuellen Ausgaben der EU zur Unterstützung der Ukraine – und in dieser Rechnung sind mögliche Zerstörungen der Infrastruktur in den baltischen oder skandinavischen Kriegsschauplätzen sowie neue Flüchtlingsbewegungen noch nicht einmal enthalten. 

👉 Originalartikel und längere Fassung auf HVG.Diese Fassung wurde von DerStandard veröffentlicht.
🤝 Dieser Artikel wurde im Rahmen einer grenzüberschreitenden europäischen journalistischen Zusammenarbeit innerhalb des Projekts „EU Neighbours East“ verfasst.

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