Demonstration gegen den Rettungsplan vor dem Parlament in Nikosia am 18. März.

Wir sind nicht die Dummen Europas

Nach drei Tagen Protest hat die zyprische Regierung beschlossen, von Bankguthaben unter 20.000 Euro keine Zwangsabgaben abzuführen. Doch durch seine geplante Besteuerung aller Konten zur Finanzierung des internationalen Hilfsplans hat Europa gezeigt, dass ihm das zyprische Volk nichts bedeutet, bedauert ein Editorialist.

Veröffentlicht am 19 März 2013
Demonstration gegen den Rettungsplan vor dem Parlament in Nikosia am 18. März.

Seit Samstagmorgen spüre ich einen gewaltigen Zorn in mir aufsteigen. Nicht nur wegen der Steuer auf die Bankguthaben - ich habe kein Geld, das ich verlieren könnte. Sondern vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass man mich wieder einmal für dumm verkaufen wollte. Wie jeder andere Bürger dieses Landes bin ich Opfer einer Abzocke. Einerseits muss ich die Suppe auslöffeln, die uns die zyprische Regierung eingebrockt hat, und andererseits muss ich das „politische Spiel“ unserer europäischen Partner hinnehmen. Doch, mit den Worten des Dichters Aischylos, „nichts ist schlimmer als der Zorn eines schimpfenden Volkes“. Nur ist das Volk in unserem Fall über das Stadium des Schimpfens hinaus. Selbst die Geduld des wohlwollendsten Volkes hat ihre Grenzen. Und wenn man sie überschreitet, dann schäumt der Zorn über und kann auf seinem Weg alles mit sich reißen.

Und genau das wird hier passieren. Wir müssen alle gemeinsam, mit unserer Würde und unserem Gewissen, als Volk auf die Straße gehen und mit der ganzen Macht unserer Seele dartun, dass wir keine Idioten sind. Wir müssen aus aller Kraft schreien: „Es reicht!“

Von diesem Europa haben wir nicht geträumt

Man braucht kein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium, um die Konsequenzen der Sache selbst zu verstehen. Die Menschen sind zum größten Teil persönlich getroffen. Von der Oma, der es mehr schlecht als recht gelungen ist, fünf- oder zehntausend Euro anzusparen, bis zum Angestellten, der jeden Monat ein bisschen Geld für das zukünftige Studium seiner Kinder zur Seite gelegt hat.

Und sogar für den, der Millionen auf der Bank hat, gibt es ein Problem: Da er ja „viel“ hat, wird man ihm ein bisschen davon abziehen. Wir wissen sehr wohl, was das bedeutet. Die Großanleger werden ihr Geld anderswo investieren, zum großen Leidwesen der hiesigen Wirtschaft. Was sich unweigerlich durch neue Kündigungen und Konkursanmeldungen bei den Mittel- und Kleinunternehmen umsetzen wird... Und was danach kommt, kennen wir schon.

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Was hier tatsächlich Bankrott geht, ist das Vertrauen der Bevölkerung auf Europa. Von diesem Europa haben wir nicht geträumt, dieses Europa wollen wir nicht. Denn in unserem Europa hätte ein solches Verhalten keinen Platz.

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