Nachrichten Ostsee-Verschmutzung
Altmunition aus dem Zweiten Weltkrieg wird gesprengt. Bei Wisch, Nordfriesland, 2010.

Zeitbombe Altmunition

In den Meeren rund um Europa lauert eine neue Verschmutzungsgefahr. Fässer mit tausenden von Tonnen chemischer Waffen rosten auf dem Meeresgrund und werden leck. Die möglichen Folgen für die Ostsee werden derzeit erforscht.

Veröffentlicht auf 16 November 2011 um 16:25
Altmunition aus dem Zweiten Weltkrieg wird gesprengt. Bei Wisch, Nordfriesland, 2010.

Niemand weiß genau, wie viele alte chemische Waffen die Wellen rund um Europa verbergen. In der Ostsee beispielsweise warfen die Alliierten im Zweiten Weltkrieg die Munition aus deutschen Arsenalen über Bord: mindestens 40.000 Tonnen, 13.000 davon waren giftige Substanzen. Ein Sechstel dieser Menge würde ausreichen, um alles Leben in der Ostsee für hundert Jahre auszulöschen.

Kein beruhigender Gedanke, wenn man bedenkt, dass Fässer gefüllt mit Senfgas, Chlorpikrin, Phosgen und Arsenverbindungen auf dem Grund früher oder später völlig durchrosten. Man weiß zwar nicht wann, aber dass es passieren wird, ist sicher. Vor zehn Jahren prognostizierte der russische Wissenschaftler Alexander Korotenko, dass zwischen 2020 und 2060 die Korrosion so weit fortgeschritten sein wird, dass das Gift austreten kann. Nur 16 Prozent reichen, um die gesamte Ostsee abzutöten.

“Das stimmt, doch ist es unwahrscheinlich, dass alle Munition gleichzeitig durchrostet”, relativiert Jacek Beldowski. Er arbeitet am Institut für Meereskunde in Sopot, dem polnischen Scheveningen. Beldowski ist Koordinator von “Chemsea” (chemical munitions search & asses project), einem internationalen Forschungsprojekt, das im vergangen Monat mit EU-Geldern gestartet wurde. “Die chemischen Waffen sind über ein riesiges Gebiet verstreut und lagern unter grundverschiedenen Umständen. Manchmal an Orten, an die kein Sauerstoff mehr herankommt, was das Rosten unmöglich macht.” Das Problem sei vor allem die Unsicherheit. “Das Einzige, was sicher ist, ist dass es in den kommenden Jahren zu einer neuen Form der Umweltverschmutzung in der Ostsee kommen wird.”

Ein Klumpen Senfgas im Heringsfang

Die Ergebnisse der Forschung in der Ostsee werden auch wertvolle Informationen für die Nordsee liefern, meint Katja Broeg vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, einem der Partner des Chemsea-Projekts. “Vor allem die toxikologischen Untersuchungen. Wir fangen Fische an Ort und Stelle und heben Kisten mit Muscheln, um zu sehen, ob sich Krebskrankheiten entwickelt haben.” Was aber die Verbreitung der Gifte angeht, seien Nord- und Ostsee sehr unterschiedlich, erklärt Broeg: “Die Nordsee ist viel salziger und hat viel stärkere Strömungen als die Ostsee.”

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Die Untersuchung soll auch ein Handbuch für Fischer hervorbringen. Was tun, wenn man eine 150mm-Granate im Kabeljau findet? Wie handeln, wenn ein Klumpen Senfgas sich zwischen den Heringen versteckt? Denn Senfgas entweicht nicht gasförmig, sondern als eine klebrige Masse, die manchmal jahrelang im Wasser treibt. In den Fünfzigerjahren, also kurz nach dem Versenken der Waffen, wurden in der DDR und in Polen Badegäste gemeldet, die Brandwunden aufwiesen, die durch Senfgas verursacht worden waren. In Polen kam es zu 24 ernsten Unfällen, das letzte Mal 1997, als Fischern ein großer Klumpen Senfgas ins Netz ging.

Das größte Risiko ist aber mechanische Beschädigung. Deshalb wurde fast überall entschieden, die Munition nicht zu bergen. Bauarbeiten könnten zu einer Katastrophe führen, wenn große Mengen von Granaten beschädigt würden. Die Medien haben sich mit dieser Gefahr anlässlich des Baus der Northstream-Pipeline von Russland nach Deutschland, die durch die Ostsee verkaufen soll, ausführlich befasst. Für Beldowski ist die Gasleitung nur ein Beispiel unter vielen: “Immer häufiger wird der Meeresgrund bei Bauprojekten aufgewühlt: Kabel, Windparks, Pipelines. Deshalb muss schnellstens ein Prozedere her, wie in den Risikozonen gebaut werden darf.”

64 Waffendeponien vor der französischen Küste

Laut OSPAR — einem Verband von Nordsee-Anrainerstaaten — rosten in der Nordsee an 31 Plätzen Fässer mit chemischen Waffen. Darüber hinaus sind 120 Deponien mit konventionellen Waffen bekannt, die mit Schwermetallen und anderen gefährlichen Stoffen belastet sind, 64 davon vor den Küsten Frankreichs.

In der deutschen Bucht, unweit der Watteninseln, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg 1,5 Millionen Tonnen Munition eingelagert, darunter 90 Tonnen chemische Waffen. Im Skagerrak, zwischen Dänemark und Norwegen, versenkten die Alliierten mindestens 45 Schiffe mit chemischen Waffen an Bord. In der Beauforts Dyke zwischen Irland und Schottland wurden eine Million Tonnen Munition versenkt, darunter chemische Waffen.

In der Ostsee sind zwei große Müllkippen bekannt: nahe der Insel Bornholm und im Gotland-Becken, zwischen der Insel Gotland und den baltischen Staaten. Im Mittelmeer liegt die größte Konzentration vor der italienischen Stadt Bari. Hier wurden seit dem Zweiten Weltkrieg 232 Unfälle durch chemische Abfälle verursacht, meistens durch Senfgas.

Tonnen Giftgasgranaten in belgischen Gewässern

Eine der größten Deponien von chemischen Waffen in der Nordsee liegt vor der belgischen Küste, unweit der Grenze zu den Niederlanden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Schlachtfelder geräumt. Bei der Einlagerung und beim Transport kamen regelmäßig Menschen ums Leben, worauf die Regierung in Brüssel beschloss, die Munition vor der Küste von Knokke Heist zu versenken. “Wir wissen nicht, warum sie nicht weiter ins Meer hinausgegangen sind. Wahrscheinlich, um das Zeug so schnell wie möglich loszuwerden, da der Transport so gefährlich war”, erklärt Tine Missiaen vom Renard Centre of Marine Geology in Gent.

Ergebnis: der Paardenmarkt, eine Sandbank vor der Küste, muss Jahr für Jahr kontrolliert werden. Es ist die letzte Ruhestätte für mindestens 35.000 Tonnen Munition, ungefähr ein Drittel davon sind Giftgasgranaten. Der Großteil lagert unter einer dicken Schlammschicht. Im Jahr 1972 kamen ein paar Granaten an die Oberfläche. Sie waren aufgrund des niedrigen Sauerstoffgehalts in einem besonders guten Zustand. Das Durchrosten hatte nicht einmal begonnen.

Übersetzung von Jörg Stickan

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