Alain Caillé ist einer der Initiatoren des zweiten konvivialistischen Manifests, das in Frankreich kurz vor der Ausgangssperre vom Verlag Actes Sud herausgegeben wurde. Dieses Manifest ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit von etwa 300 Intellektuellen aus 33 Ländern, darunter Claude Alphandéry, Edgar Morin, Hartmut Rosa, Elena Pulcini, Ahmet Insel, Chantal Mouffe, Noam Chomsky. Es versteht sich als Antwort auf die äußerst dringende Situation, in der wir uns befinden, und die durch die Jahrzehnte des „globalen Neoliberalismus“ entstanden ist.
Catherine André für Voxeurop: Können Sie uns die wichtigsten Prinzipien des Konvivialismus nennen, der sich als Antwort auf die neoliberale Ideologie versteht?
An erster Stelle muss betont werden, dass diese rund 300 Intellektuellen und Aktivisten von sehr unterschiedlichen, ja sogar gegensätzlichen politischen und ideologischen Horizonten stammen. Dennoch haben sie sich auf 5 Prinzipien und einen kategorischen Imperativ geeinigt. Bereits im ersten Manifest wurden die Prinzipien der gemeinsamen Menschheit (die das Herzstück des Kommunismus bildet), der gemeinsamen Sozialität (das Herzstück des Sozialismus), der legitimen Individuation (das Herzstück des Anarchismus) und der Konfliktbeherrschung, bzw. der kreativen Opposition (das Herzstück des politischen Liberalismus) dargelegt. Das zweite Manifest fügt ein Prinzip der gemeinsamen Natürlichkeit hinzu (das im ersten Manifest als selbstverständlich verstanden wurde. Allerdings ist es viel besser, dies präzise zu äußern.). Diese fünf Prinzipien sind dem Imperativ des Kampfes gegen das Streben nach Allmacht (bzw. Kampf gegen die Maßlosigkeit) untergeordnet, d. h. dem, was die Griechen hybris nannten. Die erschreckende Explosion der Ungleichheiten auf der ganzen Welt ist dafür das sichtbarste und beunruhigendste Beispiel. Hybris ist nunmehr in der Form dessen vorzufinden, was die Griechen pleonexie nannten, d. h. das unersättliche Verlangen nach Reichtum.
Wie erklärt sich der Siegeszug der neoliberalen Ideologie, die den Weg für eine neue Art von Kapitalismus geebnet hat, den „Kapitalismus im Reinzustand“? Warum konnte sie sich so leicht gegen die am Ende des Zweiten Weltkriegs geborenen Ideen durchsetzen, die insbesondere das europäische Projekt getragen haben?
Für diesen Triumph gibt es viele, miteinander verflochtene Gründe: Wirtschaft, Finanzen, Medien, Militär, Polizei, usw. Aber derjenige, auf den der Konvivialismus besonders besteht, ist die Kraft der Ideen (wenn sie die materiellen Mittel für ihre Verwirklichung finden). Wir dürfen die Rolle der Mont Pèlerin Society bei der Entstehung des Neoliberalismus nicht unterschätzen. (Sie wurde 1947 von den künftigen „Nobelpreisträgern“ der Wirtschaftswissenschaften mit dem Ziel gegründet, sich vom Keynesianismus und den sozialdemokratischen Regulierungen zu lösen.) Der Neoliberalismus übt seine Hegemonie in gramscischen Sinne aus, sowohl was die rustikale Schlichtheit als auch die Einfachheit seiner Thesen betrifft (Gier ist gut (greed is good). Möge sich jedermanns Gier entwickeln, und alles wird in der besten aller Welten zum Besten bestellt sein).
Einer der Hauptgründe für unsere Schwierigkeiten im Kampf gegen den Neoliberalismus, der die Ideologie des Rentier- und Spekulations-Kapitalismus ist, liegt darin, dass uns eine universalisierbare und weithin geteilte politische Philosophie fehlt, die den Herausforderungen der heutigen Welt gewachsen ist. Und zwar angefangen bei der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und der globalen Erwärmung.
Ist die Europäische Union Ihrer Meinung nach (mit)verantwortlich für diese Entwicklung?
Jeder kennt sie, oder? Das europäische Projekt bestand zunächst darin, eine supranationale Gemeinschaft aufzubauen, die zugleich wirtschaftlich, aber auch kulturell und tendenziell politisch und sozial sein sollte. Nach und nach, und insbesondere nach dem Beitritt Großbritanniens, blieb nur noch das Projekt, einen Wirtschaftsraum nach neoliberalen Standards aufzubauen. Von einem Projekt der gemeinsamen Menschheit und der gemeinsamen Sozialität blieb nur das einer Gemeinschaft des Homo oeconomicus übrig. Die legitime Individuation wurde auf die freie Wahl der Verbraucher beschränkt.
Was die kreativen Oppositionen anbelangt, d. h. diejenigen, welche die Demokratie am Leben erhalten, indem sie „Widerstand ohne Massaker“ zulassen (wie Marcel Mauss in seinem berühmten Essay über Die Gabe von 1925 sagte), so sind sie Regelungen gewichen, die manchmal legitim, aber zu oft von Lobbys geprägt sind, und von der großen Mehrheit der Europäer als technokratisch und realitätsfremd wahrgenommen werden. Die tiefe Kluft, die Europa zwischen seiner wirtschaftlichen Macht und seiner politischen Nichtexistenz kennzeichnet, erzeugt ein außerordentlich gefährliches Gefühl allgemeiner Machtlosigkeit.
Wie würde ein konvivialistisches Europa aussehen, das bei der Suche nach Lösungen für die vielen Herausforderungen, vor denen wir stehen, voll und ganz seine Rolle spielt?
Die 5 Prinzipien des Konvivialismus sind voneinander abhängig. Viele Migranten so zu begrüßen, wie Deutschland es getan hat (auch wenn diese Entscheidung auch wirtschaftliche und geostrategische Überlegungen einschloss), entspricht dem Prinzip der gemeinsamen Menschheit. Allerdings es ist auch notwendig, die gemeinsame Sozialität, den Wunsch, Tag für Tag zusammen zu sein, den Respekt vor der Natur und der Demokratie, usw. zu wahren. Ohne effiziente gemeinsame politische Institutionen, d.h. Institutionen, die eine gemeinsame Außen-, Militär-, Industrie- und Wissenschaftspolitik ermöglichen (wie dezentralisiert sie auch sein mag), ist all dies unmöglich. Und dies gilt heute umso mehr, zumal überall auf der Welt mehr oder weniger faszinierende aggressive Nationalismen Terrain gewinnen.
Niemand kann die Möglichkeit ausschließen, dass demokratische Ideale bald fast ausschließlich in Nord- und Westeuropa überleben werden, wo sie nichtsdestotrotz zunehmend bedroht sind. Angesichts all der Gefahren, die uns umgeben, ist es mehr als dringlich, dass Europa eine politische Macht im Einklang mit seiner wirtschaftlichen Macht behauptet, und seiner Stimme (endlich) Gehör verschafft. Vielleicht ist dies die letzte Hoffnung, die wir noch haben, um das, was Demokratie sein muss, zu retten, (indem wir ihre Formen erneuern) und auf ökologische Herausforderungen reagieren. Ich wüsste nicht, wie dies anders erreicht werden könnte als durch die Schaffung einer konföderalen Europäischen Republik, die von freiwilligen Staaten gebildet werden könnte: Angefangen bei Deutschland und Frankreich. (Mindestens.)
Die Demokratie wird an mehreren Orten in Europa untergraben, bedroht und missachtet. Beispielsweise in Ungarn, Polen und an seinen Grenzen, in Weißrussland. Wie können wir die Zivilgesellschaften unterstützen, die viele Lösungen anbieten?
Die Frage stellt sich nicht nur für Ungarn, Polen oder Weißrussland. Sie stellt sich fast überall auf der Welt: In der Türkei, Algerien, Ägypten, Indien, Brasilien usw., ganz zu schweigen von China, Russland, Syrien, dem Iran oder Saudi-Arabien. Es wird unmöglich sein, den Demokraten dieser Länder zu helfen, wenn Europa für sie nicht länger eine Quelle der Inspiration und Legitimität ist, und wenn es nicht die Kraft hat, ihren Stimmen Gehör zu verleihen.
Aber betrachten wir das Problem einmal vom anderen Ende her, indem wir zu dem zurückkehren, was ich am Anfang angesprochen habe. Einer der Gründe für unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Neoliberalismus ist, dass es uns an einer glaubwürdigen alternativen politischen Philosophie mangelt. Das gilt für alle Aufstände, die versuchen, die bestehenden Diktaturen zu beseitigen. Sie tun dies im Namen demokratischer Ideale.
Allerdings sind diese durch ihre Verwertung im Neoliberalismus inzwischen viel zu kompromittiert, als dass sie einen ausreichenden Horizont der Hoffnung bieten könnten. Genau diese alternative politische Philosophie, diesen Horizont der Hoffnung versucht der Konvivialismus zu bieten. Wie? Indem er die Werte (und ihre politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen) klar und deutlich macht, und zum gemeinsamen Kampf animiert. In dem Wissen, dass sich auf der ganzen Welt auch andere Menschen von den gleichen Idealen leiten lassen.
Hier geht’s zur Liste der Unterzeichner des Zweiten konvivialistischen Manifests.
Alain Caillé (1944), emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Paris-Ouest-Nanterre, ist Direktor der Revue du MAUSS (Anti-Utilitaristische Bewegung in den Sozialwissenschaften) und Leiter der Konvivialistischen Internationalen.
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