Über ein Viertel der Land- und Meeresfläche Europas besteht aus Schutzgebieten im Natura-2000-Netz und mit der Festlegung neuer Gebiete soll dieses noch erweitert werden. Doch bei der Frage, ob eine solche Monetarisierung von Biodiversität tatsächlich sinnvoll ist, teilen sich die Ansichten der Expertinnen und Experten: Während die Umweltorganisation WWF und das Weltwirtschaftsforum Staatsoberhäupter auf der ganzen Welt mit der Kampagne „Business for nature” dazu drängen, die Mindestanforderungen für und die Abhängigkeit von Biodiversität anzukurbeln, haben sich über 110 Expertinnen und Experten in einem offenen Brief gegen die „nature positive economy” positioniert.
„Hinter dem harmlos klingenden Namen steht der Startschuss für die Zerstörung der Biodiversität mittels bedeutungsloser Geldwerte des Ökosystems und dem Handel mit Umweltfreundlichkeit”, so Frederic Hache, Gründer vom Green Finance Observatory und Unterzeichner des offenen Briefs. Die philosophische Debatte um den Wert der Natur ist ein Überbleibsel des imperialistischen Umgangs mit Ökosystemen und mittlerweile nicht mehr als ein wirtschaftlicher Diskurs.
Die Unterzeichner sind der Ansicht, das „nature positive”-Narrativ begünstige „eine bedeutungslose Monetarisierung der Natur” und den Handel mit Maßnahmen zum Umweltschutz. Solch ein Handel sei aber „oft verboten teuer oder kaum umsetzbar innerhalb realistischer Zeiträume”, außerdem drehe es „sich dabei nicht darum, die Zerstörung einzudämmen, sondern im besten Falle zu ersetzen”.
Weiter schreiben sie, der Handel mit Biodiversität habe bereits„“oft in Landnahmen, Streitereien um Land und Menschenrechtsverletzungen resultiert” und verschiebe „für unsere Zukunft wesentliche Entscheidungen in der Umweltpolitik auf den Finanzmarkt mit seinen altbekannten irrationalen Stimmungsschwankungen.”
„Es gibt zwar nur sechs verschiedene Treibhausgase, aber mehrere Millionen Arten mit unglaublich komplexen Interdependenzen”, rufen Kritikerinnen und Kritiker in Erinnerung und ziehen den Vergleich zu den Veränderungen auf dem CO2-Markt vor 15 Jahren. „CO2-Zertifikate haben eine schockierende Bilanz, führen einer Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2017 zufolge in 85 % der Fälle nicht zu besseren Resultaten und werden wahrscheinlich auch nie effizienter funktionieren.
Denn, um den ehemaligen Leiter der australischen Stelle für CO2-Regulierung Andrew Macintosh zu zitieren, ‘gehen die Preise durch die Decke, sobald man die Integrität repariert’”, so Hache. „Der Handel mit Maßnahmen für Biodiversität birgt dieselben Risiken für Landnahmen und Streitereien um Land wie der mit CO2-Zertifikaten, hat sich aber als noch umweltschädlicher erwiesen.”
Mit Blick auf den UN-Gipfel in Montreal wird die EU-Kommission in dem offenen Brief dazu aufgefordert, „stattdessen die Umweltpolitik strenger zu regulieren und so den Rückgang der Artenvielfalt einzudämmen”.
Die EU-Biodiversitätstrategie
Teil der neuen Biodiversitätsstrategie der EU-Kommission ist die im vergangenen Juni beschlossene Verordnung zur Wiederherstellung der Natur.
Darin werden mehrere Ziele verbindlich festgelegt:
- Die Wiederherstellung eines günstigen Erhaltungszustands für Arten und Lebensräume mit Schutzstatus in der EU;
- die Umkehrung des Rückgangs von Bestäubern bis 2030;
- die Vermeidung von Nettoverlusten städtischer Grünflächen bis 2030 und ein Mindestmaß von 10 % an Baumbedeckung in den Städten;
- die Verbesserung der Biodiversität auf landwirtschaftlichen Flächen, beispielsweise bei Grünland mehr Schmetterlinge, Feldvögel, Landschaftselemente mit großer biologischer Vielfalt;
- die Wiederherstellung trockengelegter Torfmoorflächen;
- die Wiederherstellung gesunder Wälder mit größerer Biodiversität;
- die Wiederherstellung von mindestens 25.000 km frei fließender Flüsse bis 2030;
- die Wiederherstellung von gesunden Seegraswiesen und Meeresgründen.
Auf einem Merkblatt zu der Verordnung wird betont, dass „jeder Euro, der in die Wiederherstellung der Natur investiert wird, 8 € bis 38 € Ertrag bringt.”
Der Markt für Biodiversität
Mit dem Post-2020 Global Biodiversity Framework (Globaler Rahmen für Biodiversität) will die UN-Biodiversitätskonvention bis 2030 „mittels effektiver, gerecht verteilter, ökologisch repräsentativer und gut miteinander verbundener Gebiete” mindestens 30 % der Land- und Meeresgebiete weltweit schützen. Umweltorganisationen fordern außerdem, „die Biodiversität gefährdende Förderprogramme fair und gerecht neu auszurichten oder zu beenden und jedes Jahr um mindestens 500 Milliarden Dollar [etwa gleich viel in Euro] zu reduzieren.” Und die Konvention fordert „aus allen Töpfen 200 Milliarden Dollar höhere internationale Finanzierungsmaßnahmen für Entwicklungsländer.”
2017 hat das Beratungsunternehmen Etifor eine Studie zum Thema Handel mit Maßnahmen für Biodiversität veröffentlicht. Darin wird gezeigt, dass „Stand 2015 über 90 % der gesamten geschützten Gebiete über einmalige Ausgleichsmaßnahmen klassifiziert wurden.” Alessandro Leonardi ist Etifor-Mitgründer und forscht an der Universität Padua. Er erklärt: „Anders als 2017 wird das Thema heute im Mainstream viel diskutiert und wir haben trotz der aktuellen Energiekrise einen größeren politischen Diskurs mit vielen Antrieben zur Entwicklung eines richtigen Markts für Ausgleichsmaßnahmen. Es entsteht langsam ein Rahmen für den privaten Sektor.”
Eine der neuen Lösungen für Unternehmen versucht die Initiative Science Based Targets for Nature (SBTN) aufzubauen. Firmen sollen ihren Einfluss auf und ihre Abhängigkeit von der Natur messen, priorisieren, nachverfolgen und verbessern können. Ist die Zerstörung eines natürlichen Lebensraumes unvermeidlich, stellen die Targets Firmenziele zum Aufbau oder zur Wiederherstellung eines Ökosystems in genau derselben Größe auf.
Kolonialismus ist auch im Umweltschutz nicht mehr zeitgemäß
Gleichzeitig erklärt die Umweltaktivistin Fiore Longo von der indigenen Bewegung Survival International, dass der Erfolg solcher Konzepte von der Forschung bisher nicht erwiesen werden konnte und es vielleicht sogar negative Effekte geben könnte. „Bei Begriffen wie ‚Wiederherstellung’ und ‚Renaturierung’ kann immer Ungerechtigkeit mitschwingen, weil sie auf der Annahme basieren, alles, was jetzt bereits da ist, sei ein Problem”, sagt sie. „Ich denke, wir müssen extrem vorsichtig mit [diesen einander sehr ähnelnden] Begriffen umgehen”, so Longo weiter.
„Da die meisten Ökosysteme auf diesem Planeten schon seit sehr langer Zeit von den Menschen verändert werden, ist die Entscheidung darüber, welcher Zustand aus welchem Zeitalter wiederhergestellt oder mit der Renaturierung nachgeahmt werden soll, hoch kontrovers und sehr willkürlich.” Wissenschaftliche Datenerhebungen zeigen, dass sich Gebiete allgemein positiver entwickeln, wenn dort indigene Völker und lokale Communitys ein Mitspracherecht beim Thema Umweltschutz haben und ihr eigenes Land besitzen.
Die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) schreibt in einem kürzlich veröffentlichten Bericht, man habe „nach der systematischen Überprüfung von rund 15.000 Quellen aus Wissenschaft und Politik herausgefunden, die Flora und Fauna sind zwar in von indigenen Völkern und lokalen Communitys verwalteten Gebieten immer stärker gefährdet, schrumpfen dort aber allgemein deutlich langsamer als in anderen Gebieten”. Weiter schreibt die IPBES, dass „drei Viertel der Lebensräume an Land und rund 66 % der marinen Lebensräume signifikant von den Menschen negativ beeinflusst werden”, aber „dies im Schnitt weniger schlimme Auswirkungen hat, wenn sich die Gebiete im Besitz indigener Völker und lokaler Communitys befinden oder von ihnen verwaltet werden.”
Das „moderne” Umweltbewusstsein, dessen Ursprung in den 60er-Jahren liegen soll und mit der Veröffentlichung von Rachel Carsons Buch Der stumme Frühling in Verbindung gebracht wird, mag veraltet sein: Wie Céline Germond-Duret von der John Moores Universität in Liverpool einmal erklärte, haben wir „postkolonialen Umweltschutz dringend nötig”. In ihren Augen waren die Verhandlungen zum Globalen Rahmen für Biodiversität eine einzigartige Gelegenheit für einen Systemwechsel.
„Wir steuern auf ein Zeitalter der irreversiblen Schäden zu – Naturschutz ist eine noble und wichtige Sache, ja sogar eine dringende Notwendigkeit”, schließt Germond-Duret. „Im Endeffekt haben alle Umweltschutzorganisationen und indigenen Völker trotz großer Unterschiede im Wertesystem und dem Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Natur ein gemeinsames Ziel: die Biodiversität zu schützen.”
Dieser Artikel ist Teil der Reihe „The Green Veins of Europe: eco corridors and the European Green Deal” und wird von Journalismfund.eu mit Fördermitteln der Investigation Grants for Environmental Journalism unterstützt.
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