Ideen Klimakrise und Information

Eine Charta für Journalismus, der der ökologischen Notlage gewachsen ist

Angesichts der Klimakrise müssen Journalisten ihre Informationsverarbeitung überdenken und Umweltthemen von heute vollständig und sinnvoll aufbereiten. Auf Initiative des vor kurzem gegründeten Online-Mediums Vert.eco wurde eine Charta ins Leben gerufen, die Medienmacher dazu aufruft, ihre Berichterstattung über Umweltthemen neu auszurichten. Da die Klimakrise ganz oben auf der Liste der Themen steht, mit denen sich Voxeurop auseinandersetzt, betrifft das auch uns.

Veröffentlicht auf 22 September 2022 um 12:19

Seit der Gründung von Voxeurop sind wir davon überzeugt, dass die Berichterstattung über die Klimakrise und ihre Folgen eine entscheidende Rolle für das Verständnis der ökologischen und menschlichen Herausforderungen spielt. Wie der Internationale Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) in seinem sechsten und letzten Bewertungsbericht betont, muss sich die Vermittlung in diesem Bereich verbessern und weiterentwickeln. Wir stellen uns dieser Herausforderung bereits auf unseren Seiten, indem wir regelmäßig über die direkten Auswirkungen der Klimakrise auf das Leben der Europäer und mögliche Lösungen zur Bewältigung dieser Krise berichten.

Es ist daher selbstverständlich, dass wir die von einem Journalisten-Kollektiv verfasste “Charta für einen der Klimakrise gewachsenen Journalismus” (siehe unten), unterzeichnet haben und durch ihre Übersetzung in fünf Sprachen zu ihrer Verbreitung in Europa beitragen möchten. 

Sie verpflichtet uns, unsere eigenen journalistischen Praktiken zu überdenken und darauf zu achten, diesem Thema in seiner Gänze und Komplexität gerecht zu werden, um es einer größtmöglichen Leserschaft verständlich zu machen.


Eine Charta für Journalismus, der der ökologischen Notlage gewachsen ist

Der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig: Die Klimakrise und der rapide Rückgang der Artenvielfalt sind in vollem Gange und werden durch menschliche Aktivitäten verursacht. Die Auswirkungen auf die Ökosysteme und unsere Gesellschaft sind bereits weitreichend und zum Teil irreversibel. Fast die Hälfte der Menschheit ist bereits durch den Klimawandel stark gefährdet. 

In seinem sechsten Bericht betont der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) die entscheidende Rolle der Medien bei der "Einordnung und Vermittlung von Informationen über den Klimawandel". Es liegt in der Verantwortung aller Journalisten, den Herausforderungen, die der Klimawandel für heutige und zukünftige Generationen darstellt, gerecht zu werden. Angesichts der absoluten Dringlichkeit der Situation müssen wir unsere Arbeitsweise schnellstmöglich ändern. Genau das ist das Ziel der vorliegenden Charta. Wir fordern den Berufsstand daher auf :


Das Beste vom europäischen Journalismus jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang!


  1. Behandeln Sie Klima, Leben und soziale Gerechtigkeit als übergreifende Themen, denn sie sind untrennbar miteinander verbunden. Ökologie darf nicht mehr nur eine Rubrik sein, sondern muss zu einem Prisma werden, durch das alle Themen betrachtet werden können.
  1. Klären Sie auf und leisten Sie Vermittlungsarbeit. Wissenschaftliche Daten zu ökologischen Themen sind oft komplex. Daher ist es notwendig, Größenordnungen und Zeitskalen zu erläutern, Kausalzusammenhänge zu erkennen und Vergleichsmöglichkeiten anzubieten. 
  1. Hinterfragen Sie verwendete Begriffe und Bilder. Die richtige Wortwahl ist entscheidend, um Sachverhalte präzise zu beschreiben und ihre Dringlichkeit zu verdeutlichen. Vermeiden Sie abgegriffene Bilder und einfache Ausdrücke, die den Ernst der Lage verzerren oder herunterspielen.
  1. Stellen Sie das Ausmaß der Herausforderungen auf allen Ebenen klar, indem sie die Menschen nicht nur auf ihre individuelle Verantwortung hinweisen, denn der Großteil der Umwälzungen wird auf einer systemischen Ebene produziert und erfordert politische Antworten. 
  1. Analysieren Sie die Ursachen der aktuellen Umwälzungen. Das Wachstumsmodell und seine wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Akteure sowie ihre entscheidende Rolle in der ökologischen Krise müssen hinterfragt werden. Erinnern Sie daran, dass kurzfristige Überlegungen den Interessen der Menschheit und der Natur zuwiderlaufen können.
  1. Sorgen Sie für Transparenz. Das Misstrauen gegenüber den Medien und die Verbreitung von Falschinformationen, die die Fakten relativieren, zwingen uns dazu, die zitierten Informationen und Experten sorgfältig zu identifizieren, die Quellen deutlich zu machen und potenzielle Interessenkonflikte offenzulegen.
  1. Demaskieren Sie Strategien, die entwickelt werden, um Zweifel in den Köpfen der Öffentlichkeit zu säen. Zahlreiche wirtschaftliche und politische Lobbys arbeiten aktiv daran, Diskurse und Narrative zu entwickeln, die Tatsachen verzerren und die notwendigen Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise verzögern.
  1. Informieren Sie über mögliche Antworten auf die Krise. Die Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf die Herausforderungen des Klimas müssen gründlich untersucht und die uns präsentierten Lösungen hinterfragt werden.
  1. Bilden und informieren Sie sich kontinuierlich weiter. Um einen umfassenden Überblick über die aktuellen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaften zu bekommen, müssen Journalisten die Möglichkeit haben, sich während ihrer gesamten Laufbahn weiterzubilden. Dieses Recht ist für die Qualität der Informationsverarbeitung von entscheidender Bedeutung: Jede/r kann von seinem/ihrem Arbeitgeber verlangen, dass er/sie in Umweltfragen geschult wird.
  1. Verweigern Sie Finanzmodelle, die mit umweltschädlichen Aktivitäten verbunden sind. Um eine kohärente redaktionelle Behandlung von Klima- und Lebensfragen zu gewährleisten, haben Journalisten das Recht, Geld, Werbung und Medienpartnerschaften, die mit klimaschädlichen Interessen und Aktivitäten verbunden sind, ohne Angst vor Konsequenzen abzulehnen.
  1. Stärken Sie die Unabhängigkeit Ihrer Redaktionen. Um sicherzustellen, dass Informationen frei von jeglichem Druck und Interesse sind, ist es wichtig, ihre redaktionelle Unabhängigkeit von den Eigentümern ihrer Medien zu gewährleisten.
  1. Praktizieren Sie selbst einen möglichst klimaneutralen Journalismus. Handeln Sie, um den ökologischen Fußabdruck journalistischer Aktivitäten zu verringern, indem Sie kohlenstoffarme Technik verwenden. Ermutigen Sie Redaktionen dazu, lokale Journalisten vor Ort zu beschäftigen. 
  2. Pflegen Sie Zusammenarbeit und Solidarität. Werden Sie Teil eines solidarischen Medienökosystems und verteidigen Sie gemeinsam eine journalistische Praxis, die sich um die Erhaltung guter Lebensbedingungen auf der Erde bemüht.

👉 Unterzeichnen Sie die Charta.

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