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Überdurchschnittlich suizidgefährdet: Tierärzt*innen in Europa

Eine länderübergreifende Studie zeigt, dass Tierärzte und Tierärztinnen einem höheren Suizidrisiko ausgesetzt sind als der Rest der Bevölkerung. Auch im Vergleich zu anderen Gesundheitsberufen sind sie besonders gefährdet.

Veröffentlicht am 5. Oktober 2026

Psychische Störungen betreffen alle Menschen - egal aus welcher sozialen Schicht, welcher Alters- oder Berufsgruppe sie kommen. Eine Reihe von Studien belegt jedoch, dass Tierärzt*innen einem besonders hohen Suizidrisiko ausgesetzt sind. So veröffentlichten beispielsweise die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention im Jahr 2019 eine Studie, aus der hervorgeht, dass Frauen in diesem Beruf ein 3,5-mal höheres Suizidrisiko haben als die Allgemeinbevölkerung. Bei Männern lag das Risiko 2,1-mal höher. Einer in „Frontiers in Veterinary Science“ veröffentlichten europäischen Studie nach, ist die Suizidrate unter Tierärzt*innen doppelt so hoch ist wie bei anderen medizinischen Fachkräften und viermal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung.

Gilt dies auch für nicht europäische Länder? Gonzalo Moreno, Vorsitzender der spanischen Tierarztverbände (CGCPVE) sagt, dass es Hinweise darauf gibt, auch wenn dabei Vorsicht geboten ist. 

„Wir haben Hinweise darauf, dass die psychischen Probleme unter Tierärzt*innen gravierend sind und sich nicht auf Selbstmord beschränken“, erklärt er gegenüber El Confidencial. „Sie leiden auch an Burnout, Angstzuständen, Depressionen und so weiter.“ Der CGCPVE führt derzeit in Zusammenarbeit mit der Galatea-Stiftung eine Studie durch, um die Situation im Detail besser zu verstehen.

In Spanien gehören Tierärzte und Tierärztinnen gemäß dem Gesetz 44/2003 zu den Gesundheitsberufen. Vertreter*innen der Branche weisen darauf hin, dass Selbstmord stets vielfältige Ursachen hat. Bestimmte Risikofaktoren tauchen in der Fachliteratur jedoch immer wieder auf.

Risikofaktoren für Veterinär*innen

Moreno verweist auf den wichtigen beruflichen Aspekt des Tierarztberufs, der ein tiefes persönliches Engagement für die Arbeit mit sich bringt. „Wir tragen eine große Verantwortung, und die gesellschaftliche Wertschätzung für Tiere nimmt stetig zu“, sagt er. Die spanische Regierung schätzt, dass es in Spanien mehr als 15 Millionen Haustiere gibt. Tierärzte kümmern sich jedoch nicht nur um die Gesundheit dieser Tiere, sondern auch um die von Nutztieren.

Im Rahmen ihrer täglichen Arbeit sind Tierärzt*innen daran gewöhnt, mit Krankheit und  zwangsläufig auch mit Tod umzugehen. Darüber hinaus sehen sie sich, wie andere Angehörige der Gesundheitsberufe, jedoch auch zunehmend mit Aggressionen konfrontiert. 60 % von ihnen geben an, bereits Opfer irgendeiner Form von Gewalt geworden zu sein.

Was die Arbeitsbedingungen angeht, sind Tierärzt*innen mit anspruchsvollen Arbeitszeiten konfrontiert, darunter Bereitschaftsdienste, die ihr Privatleben beeinträchtigen können. Die finanzielle Absicherung kann eine größere Herausforderung darstellen als in anderen Gesundheitsberufen, erklärt Gonzalo Moreno. Die Bezahlung sei „ziemlich niedrig“, und der Beruf gelte als weniger prestigeträchtig als andere Bereiche der Medizin.

Eine vergleichbare Situation herrscht auch anderswo in Europa. In Frankreich sind „tierärztliche Wüsten“ ein regelmäßiges Thema. In diesen oft ländlichen Regionen können Tierärzte und Tierärztinnen 80-Stunden-Wochen arbeiten oder rund um die Uhr im Bereitschaftsdienst sein. Umfragen haben ergeben, dass das Suizidrisiko unter ihnen drei- bis viermal höher ist als im französischen Landesdurchschnitt. Auch das Problem körperlicher Übergriffe hat sich verschärft.

In Litauen berichten Veterinär*innen ebenfalls von emotional belastenden Behandlungen, unzufriedenen Besitzer*innen und unzureichenden Erholungsphasen. Ein Thema ist in dem baltischen Land besonders in den Fokus gerückt: die „emotionale Verantwortung“. Für eine 2023 veröffentlichte Dissertation wurden 133 Tierärzt*innen befragt, die mit Kleintieren arbeiten. Die Ergebnisse zeigen, dass die emotionale Verantwortung, die mit der Behandlung von Tieren und dem Umgang mit den Besitzer*innen einhergeht, ein „wesentlicher Stressfaktor“ ist. Fast 97 % der Befragten gaben an, nach dem Tod eines Tieres, das sie über mehrere Jahre hinweg betreut hatten, emotionale Belastung zu empfinden.

Auch in Ungarn wird derzeit vermehrt über den Zusammenhang zwischen dem Einschläfern der Tiere und Stress diskutiert. Ein Tierarzt aus Debrecen bezeichnet die Selbstmordrate als „alarmierend“ und führt sie eindeutig darauf zurück, dass seine Kolleg*innen so häufig mit dem Tod konfrontiert werden. Euthanasie sei nach wie vor ein „sensibles Thema in der Tiermedizin“, sagt er. „Auch wenn Fachleute eigentlich gelernt haben, zu relativieren. Sie sehen sie weniger als Tragödie an als eine Möglichkeit, Leiden zu beenden.“

Lösungen

In den meisten europäischen Ländern werden Tierärzte und Tierärztinnen psychischen Untersuchungen unterzogen. Die polnische Tierärztekammer berichtet, dass fast 36 % der Befragten unter Depressionen leiden, während 40 % unter Angststörungen litten. 39 % gaben zu, Selbstmordgedanken gehabt zu haben, und 60 % kannten einen Kollegen oder eine Kollegin, der oder die sich das Leben genommen oder einen Selbstmordversuch unternommen hatte.

Im Anschluss an diese Untersuchung wurde im Juni 2025 ein Unterstützungsprogramm für Tierärzt*innen ins Leben gerufen. Regionale Ärztekammern (deren Mitgliedschaft für die Ausübung des Berufs verpflichtend ist) bieten polnischen Tierärzten und Tierärztinnen Zugang zu zwei kostenlosen Therapiesitzungen pro Monat. In den ersten beiden Monaten wurden bereits 249 Konten auf dem Portal eingerichtet.

In Spanien ist Gonzalo Moreno der Ansicht, dass zunächst verlässliche Daten vorliegen müssen, damit Reformen auf Grundlage fundierter Erkenntnisse vorangetrieben werden können. Als Vorsitzender des Tierärzterates verfügt er über Kontakte zum Gesundheitsministerium. Der Beauftragte des Ministeriums für psychische Gesundheit räumt ein, dass es keine Daten zu Suiziden gebe und dass sich die Politik auch bisher nicht mit diesem Thema befasst habe. Über diese Daten hinaus plädiert Moreno auch dafür, die „strukturellen Ursachen“ von Burnout anzugehen. Arbeitsbedingungen und Bezahlung seien dabei ebenso entscheidend wie das Problem der Übergriffe, sagt er.

Álvaro Toledo ist Psychologe und Koordinator der Studien- und Forschungsgruppe für Suizidverhalten an der Psychologenkammer von Madrid. Im Falle von Suiziden plädiert er für den systematischen Einsatz psychologischer Autopsien. Diese könnten nützliche Informationen über die vorhandenen Faktoren und Umstände liefern und darüber, wie diese im Laufe der Zeit möglicherweise zusammengewirkt haben. Er betont, dass Suizid ein komplexes und multikausales Phänomen ist. „Es gibt Faktoren, die die Anfälligkeit erhöhen, aber keiner für sich allein erklärt suizidales Verhalten.“

Mit anderen Worten: Ein Beruf allein entscheidet nicht darüber, ob eine Person suizidales Verhalten entwickelt, aber er kann zu einem Risikofaktor werden. „Bestimmte Arbeitsbedingungen, die über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, verschärfen andere persönliche Probleme“, sagt der Psychologe. „Es gibt Arbeitssituationen, die zu erheblicher Belastung führen können, wie zum Beispiel übermäßige Arbeitsbelastung, lange Arbeitszeiten, mangelnde Erholung, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie ein hohes Maß an Verantwortung. All diese anhaltenden Umstände können zu Gefühlen der Erschöpfung, des Versagens und des Kontrollverlusts beitragen und möglicherweise zu Verzweiflung führen.“

Fachkräfte im Gesundheitswesen seien nicht per se einem höheren Risiko ausgesetzt, betont er. „Im Fall von Tierärzt*innen gibt es entsprechende Studien. Aber es gibt beispielsweise keine zu Lieferfahrern oder Bäckern. Es ist daher sehr schwer, mit Sicherheit zu sagen, dass Tierärzte einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind.“

👉 Originalartikel auf El Confidencial
🤝 Dieser Artikel entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts PULSE. Francesca Barca (Voxeurop), Justė Ancevičiūtė (Delfi, Litauen), Alicja Gardulska (Gazeta Wyborcza, Polen) und Boróka Parászka (HVG, Ungarn) haben daran mitgewirkt.
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