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Angriffe auf die LGBT+-Bewegungen in der Türkei: eine immer krassere Repression

Die Repression der LGBT+-Bewegungen in der Türkei nimmt seit Jahren stetig zu. Kürzlich hat die Regierung erneut zahlreiche Aktivist*innen festgenommen, mit dem Ziel, die gesamte Gesellschaft zu kontrollieren.

Veröffentlicht am 27. Oktober 2026

Zwischen dem 12. und 14. September führte die türkische Polizei eine Reihe koordinierter Razzien durch, die sich gegen Zentren, Organisationen und Aktivist*innen richteten, die die Rechte von LGBT+-Personen verteidigen. Die Operation mit dem Namen „Meine Familie ist in Sicherheit“ („Ailem Güvende“) führte zur Festnahme von über hundert Personen. Mindestens 83 wurden anschließend vorübergehend inhaftiert, und mehr als 160 wurden Ziel strafrechtlicher Ermittlungen.

Die Behörden führten Gründe wie Obszönität, Sexarbeit oder angebliche Drogendelikte an, um die Festnahmen zu rechtfertigen. Die Repression ging auch mit einer massiven Zensur von Medien, Webseiten und Social-Media-Konten von Organisationen und Einzelpersonen einher, die sich für Menschenrechte und LGBT+-Rechte einsetzen. Eine Zensur, die die ständige Repression von LGBT+-Personen in Medien, Kultur und dem öffentlichen Raum nur noch deutlicher macht.

Proteste gegen die polizeilichen Eingriffe führten wiederum zu mehr als hundert festgenommenen Personen, die später jedoch alle wieder freigelassen wurden.

Diese Anti-LGBT-Aktion – die größte der letzten Jahre in der Türkei – wurde international heftig kritisiert. Die Europäische Union hat sich dazu „eindeutig geäußert“, wie eine Sprecherin mitteilte: „Die jüngste Welle der Repression ist äußerst besorgniserregend, und die Türkei muss die Grundrechte respektieren, insbesondere die Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Recht auf friedliche Zusammenkünfte, auch für die LGTBIQ+-Gemeinschaft.“ Eine Botschaft, die den türkischen Behörden laut der Sprecherin öffentlich und diplomatisch übermittelt wurde. „Die EU verfolgt die Lage genau“, fügte sie hinzu. „Sie fordert, dass die türkischen Behörden dafür sorgen, dass die Garantien eines fairen Verfahrens eingehalten werden, alle willkürlich Inhaftierten freigelassen und unbegründete Anschuldigungen fallen gelassen werden.“

Internationale Empörung

Weltweit hat sich auch die Zivilgesellschaft gegen den vom türkischen Staat orchestrierten Angriff aufgelehnt. In einem gemeinsamen Text fordern 450 Verbände ein Ende der Kriminalisierung von LGBT+-Bewegungen und rufen die Institutionen und internationalen Organisationen zum Handeln auf. Die Unterzeichner*innen verlangen die Freilassung der noch Inhaftierten, ein Ende der Razzien und der Zensur. Sie fordern zudem, „die Instrumentalisierung von Frauen, Kindern und der ‚Familie‘ zur Legitimation der Diskriminierung von LGBTI+-Personen zu beenden und sicherzustellen, dass LGBTI+-Organisationen frei, sicher und ohne Einschüchterung arbeiten können“. 

„‚Razzia‘: Es gibt keinen anderen Ausdruck für das, was hier passiert ist“, warnt die Föderation der LGBTI+- und LGBTQIA+-Zentren Frankreichs. „Wenn man wegen seiner Identität oder seiner sexuellen Orientierung verhaftet und verurteilt wird, dann ist das ein Angriff auf die Freiheit. Dazu zu schweigen bedeutet, dass sich Angst breit macht. Wir weigern uns, uns durch solche Einschüchterungen, durch Schweigen oder die Verleugnung dieser Taten unterdrücken zu lassen.“


„Man sieht, dass die repressiven Maßnahmen, die vor ein paar Jahren gegen Kurden und Kurdinnen gerichtet waren, sich mittlerweile auf den Rest der Gesellschaft ausgedehnt haben“ – Ümit Metin


Angesichts der Repression fordert die Föderation Frankreich auf, sich zu positionieren. „Wir verlangen von der französischen Regierung, diese Razzia öffentlich zu verurteilen, von den türkischen Behörden Erklärungen einzufordern und die LGBTI+-Vereine sowie die Menschenrechtsaktivist*innen zu unterstützen, die trotz des Drucks weiterarbeiten.“

Ümit Metin koordiniert eine Bürgerversammlung von Türken und Türkinnen in Frankreich (ACORT). Er ist besorgt über die Repression von LGBT+-Personen in seinem Land.

„Seit der Protestbewegung von 2013 gibt es ganz eindeutig den Willen, die Repression zu verstärken, die Bevölkerung einzuschüchtern und zu unterdrücken“, sagt er. „Deshalb sind die Prides in Istanbul seit 2015 verboten und auch die Demonstrationen zum 8. März.“

Die ACORT macht sich Sorgen über die ausbleibende Reaktion Europas, das, so Metin, aus wirtschaftlichen und politischen Gründen lieber nichts sagt. Er kritisiert das Schweigen Frankreichs, obwohl das „seit 2015 und dem Migrationsabkommen zwischen der EU und der Türkei nichts Neues ist“. Heute erwartet die ACORT von der französischen Regierung eine politische Reaktion sowie eine angemessene Migrationspolitik, um den Ausreisen vorzubeugen, die das repressive Klima in der Türkei verursachen könnte.

Abstieg in den Autoritarismus

Das Vorgehen der türkischen Regierung gegen LGBT+-Personen ist nicht neu. Die sogenannte „Normalisierung der Homosexualität“ gilt als Gefahr für die Gesellschaft und die Familienwerte und diente der Regierung schon als Vorwand, als das Land 2021 aus der Istanbul-Konvention austrat. Der Pride-Marsch ist seit 2015 verboten, und die türkische Gesellschaft ist weiterhin von Anti-LGBT+-Diskriminierungen durchzogen, auch weil Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Angriffe gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten vervielfacht.

Überall auf der Welt bedeutet politische Instabilität Repression gegen LGBT+-Personen; die Türkei bildet da keine Ausnahme. „Wenn die Regierung starkem Druck von der Opposition und der Gesellschaft zu bestimmten Fragen ausgesetzt ist, nutzt sie Anti-LGBTQ+-Hetze, um von diesen Problemen abzulenken, oder die Unterstützung der öffentlichen Meinung zu gewinnen“, erklärt Yildiz Tar in einem Interview mit dem türkischen Medium The Amargi. Tar ist Chefredakteur von Kaos Gl, einer historischen LGBT+-Menschenrechtsorganisation des Landes, die auch von der Verhaftungswelle betroffen war. „Die Tatsache, dass man die Aktion vom 12. September ‚Meine Familie ist in Sicherheit‘ genannt hat, ist eines der offensichtlichsten Beispiele dafür“, betont er. „Es gibt keinerlei Daten, keine Anhaltspunkte, die zeigen würden, dass LGBTQ+-Personen eine Bedrohung für die Familie darstellen.“

Für Tar sind türkische Familien vielmehr durch die “massive Verarmung und das Ausbeutungssystem” bedroht, worunter besonders Frauen und Kinder leiden. „Ich denke, [dass Recep Tayyip Erdoğan] sein Timing sehr bewusst gewählt hat und dass er seine Wiederwahl vorbereitet“, sagt Ümit Metin mit Bezug auf die Präsidentschaftswahl im Jahr 2028. Im Gegensatz zu seinen früheren Versprechen strebe Erdoğan, der das Land seit mehr als zwanzig Jahren regiert, tatsächlich eine vierte Amtszeit an.

Seit 2003 wird er, der zuerst als Premierminister regierte, bevor er das Präsidentenamt übernahm, beschuldigt, das Land in den Autoritarismus abgleiten zu lassen. So wie bei der gewaltsamen Niederschlagung der Protestbewegung 2013, als die Polizei auf Demonstranten schoss, oder bei den Säuberungen nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016.

„Man sieht, dass die repressiven Maßnahmen, die vor ein paar Jahren gegen Kurden und Kurdinnen gerichtet waren, sich mittlerweile auf den Rest der Gesellschaft ausgedehnt haben.“ Für Metin zielt die Anti-LGBT+-Rhetorik der Regierung vor allem darauf ab, ein konservatives Wählerpublikum zufriedenzustellen, das sich aufgrund der wirtschaftlichen Sackgasse, in der sich die Türkei seit langem befindet, von  Erdoğan abwenden könnte. Der Koordinator von ACORT ist pessimistisch. „Diese Repression wird noch stärker werden“, meint er.

Die Angriffe der Regierung gelten nicht nur LGBT+-Personen. Auch die Journalistin Tuğba Tekerek wurde festgenommen und in Untersuchungshaft genommen, genau wie sieben Mitglieder der Organisation Kaos GL. Grund dafür ist einer ihrer Artikel. Ohne Beweise, wie sie in einem offenen Brief erklärt, beschuldigt die Regierung sie, die Administratorin des Instagram-Accounts von Kaos GL zu sein.

Seit Jahren verschärft die Türkei auch die Repression gegen die Medien. Über die Medienvertreter*innen hinaus, die im Zuge der Operation „Meine Familie ist sicher“ festgenommen wurden, gab es auch bei der Anti-Regierungs-Bewegung von 2025 mehrere Festnahmen. Zwischen 2016 und 2026 zählte die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) 174 in der Türkei inhaftierte Journalist*innen.

Im Rahmen der im September durchgeführten Razzien hat die türkische Justiz beschlossen, den Zugang zum oppositionsnahen Medium T24 zu sperren und behauptet, dass 118 der in diesem Jahr auf der Plattform veröffentlichten Artikel „LGBT-Propaganda“ seien. 

Die Angriffe auf die LGBT+-Bewegungen entsprechen der üblichen Praxis des politischen Umfeldes in der Türkei, das nach wie vor von der AKP dominiert wird. Der Instanbuler Bürgermeister, Ekrem İmamoğlu – von vielen als Hauptgegner Erdogans angesehen – ist seit März 2025 inhaftiert. Nachdem er zu zwei Jahren und einem Monat Gefängnis wegen Beleidigung verurteilt wurde, wird er heute der Spionage beschuldigt - ein Vorwurf, der ihm 15 bis 20 Jahre Haft einbringen könnte.

🤝 Dieser Artikel entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts PULSE. György Folk (EUrologus/HVG, Ungarn) und Lorenzo Ferrari (OBCT, Italien) haben daran mitgewirkt.
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