Algorithmisches Management stellt Telearbeiter*innen unter Überwachung

Aufgrund der COVID-19-Pandemie gingen Beschäftigte massenweise dazu über, im Homeoffice zu arbeiten. Das beschleunigte den Einsatz von Management Tools auf der Basis von künstlicher Intelligenz (KI) und Algorithmen, mit denen die Leistung der von zu Hause aus arbeitenden Mitarbeiter*innen gesteuert und bewertet werden soll. Die erforderlichen Maßnahmen für den Schutz der Beschäftigten vor den ernsthaften Bedrohungen, die derartige Tools für die Privatsphäre und die psychische Gesundheit darstellen, entwickeln sich dagegen wesentlich langsamer.

Veröffentlicht auf 8 Juli 2021 um 13:12

Ein kürzlich vom European Trade Union Institute (ETUI) veröffentlichter Bericht mit dem Titel Algorithmic management and collective bargaining zeigt verschiedene Risiken im Zusammenhang mit diesen Tools auf, beispielsweise umstrittene automatische Einstellungs- und Entlassungsverfahren und die umfassende Überwachung des Privatlebens.

Bestimmte Formen der Aufsicht und Überwachung am Arbeitsplatz existieren zwar schon seit der Industriellen Revolution im Rahmen des sog. „wissenschaftlichen Managements“, aber der Bericht des ETUI stellt fest, dass die Fähigkeit der modernen Technologie, Mitarbeiter zu kontrollieren und unterzuordnen, einen „Qualitätssprung“ darstellt, der „die Kapazität jeder Form von menschlicher Überwachung in der Vergangenheit übersteigt“.

Industrialisierung der modernen Arbeit

In den letzten Jahren wurden künstliche Intelligenz und algorithmisches Management besonders bei Mitarbeiter*innen digitaler Plattformen aggressiv eingesetzt. Das beste Beispiel ist die Einführung tragbarer Geräte für Beschäftigte von Amazon, die deren Produktivität und sogar die Dauer von WC-Pausen überwachen; wiederholte Verstöße gegen die Regeln führen zur Kündigung des Vertrags durch einen Algorithmus, auch wenn der Mitarbeiter gar keine andere Handlungsmöglichkeit hatte. Einem Bericht in The Verge zufolge wurden an einem einzigen Amazon -Standort zwischen August 2017 und September 2018 mehr als zehn Prozent der Beschäftigten wegen unzureichender Produktivität automatisch entlassen. Auch Uber ist für derartige Kündigungspraktiken (sog. „Robo-Firing“) bekannt. Das Unternehmen entließ automatisch Tausende von Fahrern mit der fadenscheinigen Begründung des ‚Betrugs‘, weil sie unter anderem zu niedrige Fahrpreise verlangt haben sollen.

Plattformarbeit diente als Experimentierfeld für die technologiebasierte Überwachung von Mitarbeiter*innen. Seit Ausbruch von COVID-19 wird letztere in zahlreichen Sektoren umfassend eingesetzt, was einen wichtigen Wendepunkt im Arbeitsrecht darstellt.

Eine Umfrage von Express VPN von April 2021 fand heraus, dass 78 % der Unternehmen Überwachungstools einsetzen, um die Produktivität oder die Online-Aktivität der Beschäftigten zu kontrollieren, und dass 51 % von ihnen in den letzten sechs Monaten mit dem Einsatz der Überwachungssoftware begonnen haben.

Uneingeschränkte Überwachung

Verfolgung von E-Mails und privaten Chat-Fenstern, spontane Screenshots, um zu überprüfen, ob sich die Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz befinden und Standortüberwachung per GPS: Immer mehr Methoden ermöglichen, Mitarbeiter*innen konstant aus nächster Nähe zu überwachen.

Aufgrund dieser Überwachung entstand eine beispiellose Menge an zu verwaltenden Daten, so dass die Unternehmen verpflichtet sind, automatische Entscheidungen zu Hilfe zu nehmen. Diese sind jedoch anfällig für Fehler, die aus dem digitalen Umfeld oft überhaupt nicht mehr zu löschen sind und einer Karriere schaden können. Außerdem werden bei diesen Entscheidungen die menschlichen Werte und Bedürfnisse vernachlässigt, die mit einem ausschließlich von Gewinn und Produktivität gesteuerten, algorithmischen Ansatz unvereinbar sind.

Der Einsatz derartiger Tools ist inzwischen Normalität, und so entstehen Überwachungsmöglichkeiten, die bis in das Privatleben der Beschäftigten reichen; Erkenntnisse über dieses können später am Arbeitsplatz gegen die Mitarbeiter*innen verwendet werden.

„Heute verfügt jeder über irgendein Gerät, das ständig mit dem Arbeitsplatz verbunden ist. Das war vor 15 Jahren anders,“ sagt Valerio De Stefano, Professor für Arbeitsrecht an der KU Leuven. „So können wir rund um die Uhr mit Geräten oder Software verbunden sein, die darüber informieren, was wir neben unserer beruflichen Aktivität tun.“

„Bestimmte Unternehmen bieten Belohnungen an, wenn die Schlaf-App zeigt, dass ein Beschäftigter regelmäßig acht Stunden pro Nacht schläft. Andere Programme sollen die Mitarbeiter*innen zu regelmäßiger Kalorienaufnahme motivieren. Aber das alles geht Vorgesetzte nichts an. Das brauchen sie nicht zu wissen, und sie sollten die Beschäftigten nicht unter Druck setzen, ein Leben zu führen, das diese nicht selbst bestimmen.“

Valerio De Stefano

Eine besonders besorgniserregende Übertreibung besteht darin, die physische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter*innen zu kontrollieren. Hierzu kann Spracherkennungssoftware emotionale Daten sammeln, und KI-Gesichtserkennung kann überwachen, wie stark die Motivation für die zu erledigenden Aufgaben ist.

Manche Unternehmen schreiben im Rahmen sogenannter „Wellness“-Pakete sogar das Tragen von Geräten vor, die Herzfrequenz, Stressniveau und Schlafmuster registrieren. Das ständige Tragen solcher Geräte lässt laut ETUI-Bericht jedoch „die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen“.

„Bestimmte Unternehmen bieten Belohnungen an, wenn die Schlaf-App zeigt, dass ein Beschäftigter regelmäßig acht Stunden pro Nacht schläft. Andere Programme sollen die Mitarbeiter*innen zu regelmäßiger Kalorienaufnahme motivieren. Aber das alles geht Vorgesetzte nichts an,“ so De Stefano. „Das brauchen sie nicht zu wissen, und sie sollten die Beschäftigten nicht unter Druck setzen, ein Leben zu führen, das diese nicht selbst bestimmen.“

Psychische Gesundheit

Während Tools, die sensible persönliche Gesundheitsdaten von Mitarbeiter*innen überwachen, angeblich zu deren Wohlbefinden beitragen sollen, können konstante Überwachung und algorithmische Beurteilungen am Arbeitsplatz das Gegenteil bewirken und die bereits ernsthafte Krise der psychischen Gesundheit, die durch die Reaktion auf COVID-19 ausgelöst wurde, noch verstärken.

Bei der Umfrage von ExpressVPN gaben 59 % der Beschäftigten an, dass „die Überwachung ihrer Online-Aktivität durch den Arbeitgeber bei ihnen Stress oder Angst auslöse“. Als Hauptgründe nannten sie, dass „sie sich ständig fragen, ob sie beobachtet werden“ (41 %) und „stärker unter Druck gesetzt fühlen, online zu sein als produktiv zu arbeiten“ (38 %).

Die mangelnde Transparenz bei der Einführung von algorithmischem Management vergrößert das Misstrauen noch, denn während 81 % aller Beschäftigten ein oder mehrere vom Unternehmen zur Verfügung gestellte Geräte verwenden, waren sich nur 54 % der Tatsache bewusst, dass sie überwacht werden.

Unzureichende Regulierung

Der Vorschlag der EU-Verordnung zur Regulierung künstlicher Intelligenz macht nicht eindeutig klar, dass die Rechte der Arbeitnehmer*innen angesichts dieses Wandels vor Überwachungspraktiken geschützt werden müssen. Die Einführung von Schutzmaßnahmen bleibt den Unternehmen in deren eigenem Ermessen überlassen.

Gesetze, die keinen ausreichenden Schutz bieten, würden der Industrialisierung der Arbeitskräfte den Weg ebnen, in deren Rahmen Beschäftigte eher wie Teile eines Getriebes und nicht als Teammitglieder behandelt werden.

Ein wesentliches Problem ist laut De Stefano hierbei, dass „der durchschnittliche Arbeitgeber sich in den meisten Fällen der Risiken im Zusammenhang mit bestimmten Techniken, die er einsetzt, gar nicht bewusst ist.“

Die EU-weite Gesetzgebung würde darüber hinaus an die Stelle nationaler Gesetze treten, die eindeutiger vor Datenerfassung und -verarbeitung schützen.

„Diese Verordnung ist zum Schutz der Arbeitnehmer*innen völlig unzureichend, [denn] sie sieht nicht die Einbindung von Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbänden in Verhandlungen über das, was am Arbeitsplatz zulässig ist, vor,“ fügt De Stefano hinzu.

Gesetze, die keinen ausreichenden Schutz bieten, würden der Industrialisierung der Arbeitskräfte den Weg ebnen, in deren Rahmen Beschäftigte eher wie Teile eines Getriebes und nicht als Teammitglieder behandelt werden. Während es im digitalen Zeitalter zur Besessenheit wird, jeden Aspekt des Lebens zu quantifizieren, um Produktion und Gewinn zu optimieren, kann die Präzision von Algorithmen auch bei sorgfältigster Überwachung nicht den Wert unbezahlbarer, menschlicher Eigenschaften messen, die so drohen, überflüssig zu werden.

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