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Amadou, steckengeblieben vor den Toren der Elite

Aus Westafrika kommend wurde Adam ein Platz an der Sciences Po in Paris angeboten – der Ausbildungsstätte für die französische Politik- und Wirtschaftselite. Doch sein Asylantrag wurde zweimal abgelehnt, und was eigentlich ein triumphaler Moment in seinem Leben hätte sein sollen, stürzte ihn in qualvolle Ungewissheit. Falls sein letzter Einspruch scheitert, wird er sein Studium nicht aufnehmen können und eine einmalige Chance verpassen. Dies ist der zweite Artikel in einer Reihe, die sich Europäern ohne Papiere in Zeiten von Covid-19 widmet in Kooperation mit Lighthouse Reports und dem Guardian.

Veröffentlicht auf 17 September 2020 um 16:55
Enri Canaj |  Amadou in Athen.

Aus dem Bücherstapel, den Amadou Diallo letzten Sommer auf die griechischen Inseln mitnahm, war es die Biografie von Frederick Douglass, die sich immer wieder ganz oben wiederfand. Ein Zitat des Abolitionisten aus dem 19. Jahrhundert blieb ihm besonders in Erinnerung: „Sobald man einmal das Lesen erlernt hat, ist man für immer frei.“

Diallo war auf Sifnos, einem Ferienort für kultivierte Athener und gut betuchte Familien aus anderen Ländern. Der Asylsuchende aus Guinea arbeitete bis spät am Abend in einem Hotel. Nachts las er die Lebensgeschichten bedeutender Menschen und fragte sich, welche Gestalt wohl seine eigene Freiheit annehmen würde.

Der 20-jährige junge Mann, der vor fast vier Jahren allein aus Westafrika hergekommen war, hat jede Chance genutzt, die ihm gegeben wurde. Von Boutique-Hotels auf schicken Inseln zu einer Privatschule, auf die Diplomaten ihre Kinder schicken – er hatte sich ein Bild davon machen können, was Europa zu bieten hat. Gierig hat er Bücher verschlungen und sich fleißig weitergebildet, um dazuzugehören. Doch sein Platz in dieser neuen Welt hängt vom griechischen Asylverfahren ab.

Nach mehreren Versuchen gelang es Amadou zu entkommen und die Grenze nach Mali zu überqueren. Als Diallo aufwuchs, träumte er nicht davon, Guinea zu verlassen. Erst als sein Vater starb, verwandelte sich sein Leben in etwas, was aus der Feder eines westafrikanischen Dickens hätte stammen können. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder wurde er zu seiner Stiefmutter geschickt, die ihn, wie er sagt, misshandelte und an einen Goldminenbesitzer verkaufte.

Sein Leben in der Mine war de facto das eines Zwangsarbeiters. Nach mehreren Versuchen gelang es Amadou zu entkommen und die Grenze nach Mali zu überqueren. Er zog weiter nordwärts, bis er schließlich in der Türkei ankam. Von dort nahm er ein Boot nach Lesbos. Als der 16-jährige endlich in Athen ankam – 2 Monate nachdem er Guinea verlassen hatte – wurde er von dem Mitarbeiter einer Hilfsorganisation aufgelesen und in ein Kinderheim der NGO Home Project gebracht. Die Organisation ist darauf spezialisiert, Kindern Zuflucht zu bieten, die, wie Diallo, zu tausenden allein kamen und auf der Straße, in Lagern oder Aufnahmezentren landeten. Als unbegleiteter Minderjähriger wurde er als gefährdet eingestuft und erhielt vorübergehend Schutz.

Über das Home Project lernte er die Einwanderungsanwältin Anna-Maria Kountouri kennen. Sie erklärt, dass Minderjährige unter Zeitdruck stünden, eine Aufenthaltsberechtigung in Europa zu bekommen, denn sobald sie 18 sind, werde es schwieriger.

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Um in Europa eine gesicherte Zukunft zu haben, musste Diallos Asylantrag von den griechischen Behörden anerkannt werden. Doch in den letzten Jahren ist in Griechenland die Ablehnungsquote für unbegleitete Minderjährige aufgrund des neuen verschärften Asylgesetzes stark gestiegen. Kinder, deren Anträge abgelehnt werden, werden zwar nicht abgeschoben, doch mit der Volljährigkeit verlieren sie diesen Schutz.

Griechisch und Englisch

Zwischen Juni 2013 und Januar 2020 wurden 7.558 Asylanträge von unbegleiteten Minderjährigen in Griechenland bearbeitet, von denen 63% abgelehnt wurden. Von den 186 im Januar 2020 bearbeiteten Anträgen wurden 71% abgelehnt.

Im Heim begann Diallo zu seinem Französisch zusätzlich Griechisch und Englisch zu lernen. Mit dem Fortschritt seiner Sprachfertigkeiten entdeckten die Mitarbeiter der Unterkunft in Diallo einen Jungen, der ruhig und mit Bedacht sprach und offensichtlich begabt war. Sie arrangierten für ihn die Teilnahme an einer Aufnahmeprüfung für eine begehrte französische Privatschule in Athen – und er bestand sie.

Das Schuljahr hatte bereits begonnen als er ankam, doch er nahm die Herausforderung an: „Es war für mich eine Gelegenheit zu beweisen, wozu ich fähig bin, wenn ich Hilfe bekomme“, sagt er.

Zunächst machte Diallos leidvolle Vergangenheit ihn schweigsam, selbst gegenüber dem Psychologen, der ihn dabei unterstützen sollte, sich einzuleben. Doch nach und nach verlor er seine Zurückhaltung und wurde vom stillen 16-jährigen zum Wortführer seines Heims, und das Schülerparlament wählte ihn sogar zum Vorsitzenden. Heute sagt er, dass er gerne unter Menschen sei und nur beim Lernen allein sei.

„Keinen Ausweis zu haben fühlt sich an, als wäre man ein Krimineller. Aber ich habe gelernt, dass man es immer wieder versuchen muss und nie aufgeben darf. Ich sagte mir, dass ich mich selbst und die Schule nicht aufgeben würde“

Der letzte Januartag war ein wichtiger für Diallo. Er hoffte, dass ihm, nachdem er Beschwerde erhoben hatte, nun Asyl gewährt würde und sein Leben ein bisschen von seiner Ungewissheit verliert. Kountouri hatte Wochen damit verbracht, Beweise aus seinem früheren Leben zu sammeln – unter anderem Fotos von den Verletzungen, die er während seiner Zeit als Kinderarbeiter erlitten hatte.

Doch die Entscheidung war wieder negativ. Er erinnert sich daran, wie er ungläubig das Blatt Papier anstarrte. Sein Kopf war voller Fragen. Warum wurde sein Leid nicht anerkannt? Geistesgegenwärtig machte er ein Foto von dem Ablehnungsbescheid und schickte es an Kountouri. Sie versicherte ihm, dass man eine Lösung finden würde. Aber es war schwer, zuversichtlich zu sein. „Ich war allein und spürte kein Mitgefühl. Nicht einmal von der Person, die mir den Bescheid erteilt hatte.“

Diallo und seine Anwältin standen nun vor der mühseligen Aufgabe, einen Richter zu finden, der den Ablehnungsbescheid aufheben würde, mit der Begründung, dass er „ungesetzlich und willkürlich“ sei. Eine dritte Ablehnung würde unweigerlich zur Abschiebung führen.

„Keinen Ausweis zu haben fühlt sich an, als wäre man ein Krimineller. Aber ich habe gelernt, dass man es immer wieder versuchen muss und nie aufgeben darf. Ich sagte mir, dass ich mich selbst und die Schule nicht aufgeben würde“, sagt er. „Denn diese Chance, an einer Privatschule zu sein und dieses Jahr den Abschluss zu machen, hat nicht jeder.“

Nach der zweiten Ablehnung war Diallos Personalausweis eingezogen worden, so dass es zu einer nervenraubenden Angelegenheit wurde, durch die Straßen zu gehen. Zweimal stoppte ihn die Polizei und ließ ihn wieder laufen, nachdem er ein Foto seines alten Ausweises gezeigt hatte.

Die Vorstellung, vor seinen Klassenkameraden von der Polizei überprüft zu werden, war ihm peinlich. „Keinen Ausweis zu haben, fühlt sich an, als wäre man ein Krimineller.“

In Paris

Der Einsatz erhöhte sich noch weiter, nachdem Diallo erfuhr, dass er ein volles Stipendium für ein Studium an der Sciences Po in Paris erhalten hatte – einer der renommiertesten Universitäten der Welt. Was eigentlich ein triumphaler Moment in seinem Leben hätte sein sollen, stürzte ihn in einen qualvollen Zustand der Ungewissheit. Falls sein neuerlicher, und letzter, Einspruch scheitern sollte, würde er sein Studium nicht aufnehmen können. Seine Not fand die Aufmerksamkeit von Sciences Po-Studenten, die eine Petition in seinem Namen starteten, mit der Forderung, ihm zu erlauben, nach Paris zu kommen und zu studieren.

Vom späten Frühling bis in den Sommer hinein, verharrte Diallo an diesem Scheideweg. Ein Weg bot ihm die Möglichkeit, auf einem Niveau zu studieren, das ihn befähigen könnte, eines Tages etwas gegen die Not von Kindern wie ihm zu unternehmen. Der andere Weg führte zur Abschiebung in das Land seiner grausamen Kindheit – Guinea.

Am 21. Juli hatte das qualvolle Warten ein Ende. Diallo wurde ins griechische Einwanderungsministerium beordert, wo er und zwei weitere „Träumer“ den Asylantenstatus erhielten. Alle drei waren außergewöhnlich begabt. Die anderen beiden waren ein Student und ein vielversprechender Basketballspieler. Die drei sind in vielerlei Hinsicht die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Eine Ausnahme zu sein, ist eine Bürde für sich. Sie erzeugt Druck zu beweisen, dass man ihrer würdig ist. Als er noch im Schwebezustand war, trainierte Diallo sich an, die Dinge positiv zu betrachten: „Ich versuche, in Erinnerung zu behalten, dass mir auch viele gute Dinge widerfahren sind. Ich habe Zugang zu Bildung, etwas, das ich immer wollte.“

Jetzt, wo er bleiben darf, spürt er das Gewicht der Verantwortung: „Ich wollte in Sicherheit sein, doch jetzt denke ich, dass ich mehr tun kann. Ich muss nur mehr arbeiten und mehr Initiative im Leben ergreifen. Ich habe gelernt, dass wir uns immer bemühen müssen und nie aufgeben dürfen.“

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Europe's Dreamers", in Zusammenarbeit mit Lighthouse Reports und dem Guardian. Lesen Sie die anderen Geschichten.

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