Amerikas europäischer Moment

Veröffentlicht auf 4 Januar 2013 um 14:59

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„Amerika wird europäisch“, witzelt The Economist auf seinem Titelblatt, auf welchem US-Präsident Barack Obama und der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses John Boehner jeweils als Franzose und Deutscher abgebildet sind. „In den letzten drei Jahren haben die führenden US-Politiker mit kaum verhüllter Verachtung auf Europas Krisenmanagement des Euro herabgeblickt“, bemerkt die britische Wochenzeitung, und vergleicht den US-Deal, mit dem die Fiskalklippe auf den letzten Drücker umschifft werden sollte, mit Europas Ansatz bei der Eurokrise.

Washington weist ein „Dysfunktionsmuster [auf], das dem der Eurozone beunruhigend ähnlich ist“. Sowohl die USA als auch die EU scheinen nicht dazu in der Lage zu sein, mehr als kurzfristige Ausbesserungen zu beschließen – die gewöhnlich spät nach Mitternacht ausgehandelt werden, wie The Economist weiter ausführt. Bei der Aushandlung endgültiger Lösungen komme überdies manchen Individuen oder Gruppen übermäßiger Einfluss zu. Die Wochenzeitung kritisiert die USA und Europa auch für ihren Mangel an Ehrlichkeit gegenüber den Wählern:

Genau wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident François Hollande den Deutschen und den Franzosen nicht offen sagen, was zur Rettung ihrer gemeinsamen Währung nötig sein wird, haben weder Obama noch die republikanischen Spitzenpolitiker genug Mut aufgebracht, den Amerikanern mitzuteilen, was zur Bereinigung des Haushaltsfiaskos wirklich erforderlich ist. […] Durch Europas Versagen im Umgang mit der gemeinsamen Währung hat sich sein Ansehen in der Welt aufgelöst. Warum sollten Entwicklungsländer der amerikanischen Führung vertrauen, wenn sie allem Anschein nach die Probleme im eigenen Land nicht lösen kann? Und während die tonangebende Demokratie des Westens bewegungsunfähig bleibt, trifft China Entscheidungen und kämpft sich nach vorne.

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