Auf der Suche nach einer europäischen Identität

Obwohl die EU-Länder auf eine heterogene Geschichte zurückblicken und immer weniger Menschen dem europäischen Projekt vertrauen, hat das Staatenbündnis doch alle Voraussetzungen, um eine Gemeinschaft zu bilden, meint ein irischer Politikwissenschaftler.

Veröffentlicht auf 4 Dezember 2013 um 16:56

Für diejenigen, die sich ein bisschen mit der Forschung über das Wesen des Nationalismus auskennen, stellt die Entwicklung der Europäischen Union eine Art Rätselspiel dar. Angesichts der Tatsache, dass die EU sich vergrößert hat und ihre Mitgliederzahl gewachsen ist, ist es kein Wunder, dass die EU versucht hat, ihren Bürgern ein tieferes Verständnis der europäischen Identität zu vermitteln.

In einem von Nationalstaaten beherrschten Europa stellt dies allerdings eine einzigartige Herausforderung dar. Einst wurden die Massen sozialisiert, indem man ihnen ein starkes Gefühl von nationaler Identität beibrachte. Beispielsweise als Deutsche, als Finnen oder als Iren. Und genau dies wieder rückgängig zu machen ist so außerordentlich schwer. Aufgrund der Tatsache, dass die Loyalität der Menschen in diesem Zusammenhang nicht mit einem europäischen Bekenntnis gleichzusetzen ist, stehen der Herausbildung eines mächtigen Überbaus noch viele Hindernisse im Weg. Und dennoch hat es stets so etwas wie einen unaufhörlichen institutionellen Vertiefungsprozess gegeben. Wie ist das möglich?

Es besteht kaum Zweifel daran, dass die Europäische Union, zu der Irland im Jahr 2013 gehört, eine grundlegend andere [Gemeinschaft] ist, als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, der Irland 1973 beigetreten ist. Und obwohl das Endziel des europäischen „Projektes” viel öfter als Selbstverständlichkeit angesehen, als tatsächlich definiert wird – im Sinne einer Staatengemeinschaft der europäischen Mitgliedsstaaten – konnten dennoch bedeutende Fortschritte erzielt werden.

Was der EU fehlt

[[Die EU baut auf einer Reihe politischer und verwaltungstechnischer Strukturen auf, die zwar ungewöhnlich sind, aber dennoch denen eines föderalen Staates gleichen]]. Allerdings fehlen [der Union] zwei ganz entscheidende Merkmale, die eine Föderation [oder einen Staatenbund] ausmachen: Zum einen hat sie noch keine Kontrolle über die Militär- und Sicherheitsdienste, die gewährleisten würden, dass ihre Anweisungen befolgt und ihre außenpolitischen Interessen gewahrt werden. Zum anderen teilt sich die EU ihre außenpolitischen Befugnisse mit den Mitgliedsstaaten, anstatt sie eigenständig und unabhängig von ihnen in die Hand nehmen zu können.

Hinzukommt, dass der EU all die vielen unverwechselbaren Kennzeichen fehlen, die zur Herausbildung der nationalen Identitäten beigetragen haben. Anstatt beispielsweise über eine gemeinsame Sprache zu verfügen, ist [die EU] vielmehr ein schillerndes Kaleidoskop sprachlicher Diversität. Zwar stimmt es, dass [die Union] dank ihrer religiösen Vergangenheit über die Bestandteile verfügt, die sie für eine gemeinsame Kultur braucht – trotz der tiefgreifenden konfessionellen Spannungen, welche die Geschichte der Christenheit in Westeuropa geprägt haben –, aber in ganz Europa hat die Bedeutung der Religionen immer mehr abgenommen.

Starker Mythos

Nichtsdestotrotz verfügt die EU über die Zutaten, die sie braucht, um einen starken Mythos zu schaffen, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit zurückreichen – bis zum Heiligen Römischen Reich. Darüber hinaus weist sie auch andere Gemeinsamkeiten auf, die gewöhnlicherweise in nationalistische Ideologien einfließen. Beispielsweise eine Hymne und eine Flagge, eine selbstdefinierte kollektive „Mission”, das Streben nach Frieden, und – für die Herausbildung einer kollektiven Identität der vielleicht wichtigste Bestandteil aller – einen „Anderen”. Lange hat die Sowjetunion diese Rolle erfüllt, inzwischen gibt es aber verschiedenste Alternativkandidaten.

Die unterschiedlichen Staaten Europas diesbezüglich in Einklang zu bringen, ist alles andere als eine einfache Aufgabe. Für viele von ihnen ist derjenige, der im Staaten- und Nationen-Bildungsprozess noch der „Andere” war, nun ein Kollege in einem bedeutenden politischen Bauwerk. Das gilt insbesondere für die Iren, in deren Gedächtnis der Kampf für die nationale Unabhängigkeit entscheidende Spuren hinterlassen und sich in das kollektive Bewusstsein eingebrannt hat. Jede auch noch so geringfügige Infragestellung dieser Unabhängigkeit könnte als ganz besonders großes Opfer angesehen werden.

Und trotzdem ist es durchaus möglich, dass es gerade die nationalistischen Werte waren, die Irland dabei geholfen haben, sich auf Europa einzulassen: Letzten Endes war die EWG nichts anderes als ein wichtiges Gegengewicht zum traditionellen Feind – Großbritannien. [[Die Mitgliedschaft in der EU bedeutete nichts anderes als eine erhebliche Erweiterung der irischen Eigenverantwortung]] – zumindest gegenüber ihrem viel größeren Nachbarn. Ohne all das würde Irlands Währung heutzutage beispielsweise sicher noch immer [britisches Pfund] Sterling heißen, und seine Führungsspitzen [bei Währungsfragen] nur wenig zu sagen haben.

Lauwarme Europäer?

Die Tatsache, dass die irischen Wähler die Verträge von Lissabon und Nizza abgelehnt haben, mag zur Wahrnehmung der Iren als begeisterungslose Europäer beigetragen haben. Hinzukommt, dass auch die Wiederholungsläufe nicht wirklich viel an diesem Sinneseindruck geändert haben. Allerdings sei daran erinnert, dass es die Wahlberechtigten in Frankeich und den Niederlanden waren, die das europäische Verfassungs-Projekt zum Scheitern brachten. Auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass andere sich ganz genauso entschieden hätten, und ebenfalls gegen den erweiterten europäischen Integrationsprozess gestimmt hätten – wenn sie nur die Gelegenheit dazu bekommen hätten.

[[Umfragen haben ergeben, dass die positive Einstellung der Iren gegenüber der EU konsequent zunimmt]] und die der meisten Mitgliedsstaaten sogar überflügelt. Zwar mag die Begeisterung der Iren für die EU-Mitgliedschaft im Laufe des vergangenen Jahrzehnts abgenommen haben, aber das geschah auch anderenorts. Und an dem Vorsprung der Iren im Vergleich zu allen anderen Europäern scheint nichts und niemand etwas ändern zu können.

„Euronationalismus”

Es mag sein, dass die Säulen, auf denen der irische Nationalismus in der Vergangenheit ruhte – beispielsweise seine altüberlieferte Sprache, eine gefühlsmäßige Verbundenheit zur katholischen Tradition, sowie eine kämpferische und separatistische Lesart der Geschichte – in den letzten Jahrzehnten alle ausnahmslos gelitten, und einem breiteren Verständnis dessen, was Loyalität bedeutet, Platz gemacht haben.

Allerdings muss die Geschwindigkeit, mit der die Öffentlichkeit scheinbar ihre Meinung geändert hat, irgendetwas mit diesem Rätselspiel zu tun haben. Warum waren die Bürger Irlands – genau wie ihre Kollegen anderenorts – bereit, auf ihren so unverwechselbaren grünen Pass zu verzichten, den Euro anstatt des Pfunds einzuführen, und unter Umständen sogar bereit, den außen- und verteidigungspolitischen Prioritäten der Europäischen Union den Vortritt zu lassen? Und warum waren die irischen Eliten – ebenso wie die Führungskräfte in anderen Mitgliedsstaaten – bereit, Entscheidungsbefugnisse abzugeben und auf nationale Aufstiegschancen zu verzichten (obwohl auf EU-Ebene nur wenigen wirklich tolle Aussichten winken)?

Diese Fragen sind hochkomplex und nur schwer zu beantworten. Sie werfen die Frage nach dem viel allgemeineren Problem des Rätselspiels auf, das weiter oben kurz angerissen wurde. Anstatt also die „Europaskepsis” auszukundschaften, deren Wurzeln – und das ist alles andere als überraschend – in einer Gemeinschaft von Nationalstaaten liegen, sollten wir vielleicht besser den „Euronationalismus” erkunden – als eine Kraft, die eine so außergewöhnliche Rolle gespielt und den europäischen Integrationsprozess immer weiter vorangetrieben hat.

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