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Warum Belarus versucht, die Erinnerung an den polnischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg auszuradieren

In den vergangenen Jahren sind in Belarus seltsame Dinge mit Denkmälern und Kriegsgräbern geschehen. Die Gräber polnischer Widerstandskämpfer wurden zerstört und die Regierung behauptet offiziell, sie hätten nie existiert. Noch dazu bezeichnet das belarussische Staatsfernsehen die Kämpfer als Faschisten.

Veröffentlicht auf 12 September 2022 um 14:35

Am 27. Juni berichtete der Bund der Polen in Belarus, „unbekannte Kriminelle“ hätten die Grabsteine und die Körper zweier Soldaten der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (AK) aus dem Zweiten Weltkrieg ausgegraben und entwendet. Die Begrabenen waren 1944 in Iodkavichy nahe Hrodna (damals Teil von Polen) ums Leben gekommen.

Am 30. Juni stellte das polnische Außenministerium fest, dass in Belarus häufiger „Schändungen von Stätten des polnischen nationalen Gedenkens“ auftreten. Den polnischen Diplomaten zufolge sei hauptsächlich die Region Hrodna betroffen, wo sich 550 Grabstätten der AK-Soldaten befinden.

Am 5. Juli veröffentlichte die polnische Botschaft in Belarus ein Foto, das der Diplomat Martin Wojciechowski von zerstörten Gräber in Mikulishki in der Region Hrodna gemacht hatte. Der Pressedienst der Botschaft schrieb, der polnische Militärfriedhof sei „in barbarischer Weise demoliert worden“. Andere Fotos zeigten Reifenspuren. Die Gräber wurden mit Sand bedeckt und mithilfe von Baumaschinen planiert.

Als Reaktion auf die Zerstörung der Kriegsgräber bestellte das polnische Außenministerium den belarussischen Geschäftsträger ein. 

„Es gab dort gar keine Gräber“

Daraufhin ließ das belarussische Außenministerium seinerseits umgehend Martin Wojciechowski einbestellen. Dem Botschafter wurde gesagt, es hätte gar keine Grabstätten ausländischer Soldaten in Mikulishki gegeben und „die Rechtmäßigkeit der Arbeiten sind von der Generalstaatsanwaltschaft bestätigt worden, basierend auf Untersuchungsergebnissen, laut derer dort keine menschlichen Überreste zu finden sind.“

Wenige Tage später meldete ein Sprecher vom Bund der Polen, dass der Grabstein einer AK-Grabstätte in Waukawysk verwüstet wurde. 

Die Grabstätte zweier Soldaten der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa in Iodkavichy, nahe Hrodna, vor und nach der Grabschändung. | Foto: Mariusz Proskieñ/The Village.

Am selben Tag erfuhren die Zuschauer von Belsat, einem belarussisch-sprachigen Fernsehsender in Polen, dass auch in der Nähe des Dorfes Katchichy im Bezirk Karelitschy die Grabkreuze von Soldatengräbern verschwunden waren.

Der Historiker Alexey Bratochkin kommentiert: „Der kulturelle Beweggrund [für die Pflege solcher Orte] muss auch mit einer politischen Dimension einhergehen, also mit dem Willen, Konflikte und Meinungsverschiedenheiten zu überwinden, auch im Bereich des historischen Gedenkens. Wenn Gräber zerstört werden, bedeutet dies nicht nur eine Herausforderung auf kultureller Ebene, sondern wir sehen darin auch eine politische Geste, vielleicht einen Versuch, sich für aktuelle Ereignisse zu rächen, vielmehr als für vergangene. Genauer gesagt für die Positionierung der polnischen Regierung gegenüber den heutigen Machthabern in Belarus.“

„Eine Gruppe polnischer Nationalisten“

Als Antwort auf die Anschuldigungen aus Polen formuliert die belarussische Propaganda ihre Version von dem, was mit den Kriegsgräbern geschieht. Zum Beispiel zitiert die von der Lukaschenka-Regierung veröffentlichte Zeitung SB Belarus Segodnya den Politikwissenschaftler Piotr Petrowski, der vorgeschlagen hat, die AK zu einer extremistischen Organisation zu erklären.

Olga Bondarewa, eine Bloggerin und Aktivistin aus Hrodna, bezeichnet die AK-Mitglieder auf ihrem Telegram-Kanal als „Terroristen“: „Belarus hat die Grabmäler der polnischen Terroristen von Armia Krajowa vernichtet. Für alle, die es nicht wissen, die AK ist eine Gruppe polnischer Nationalisten, die während des Großen Vaterländischen Krieges mit Deutschland zusammengearbeitet hat und an der ethnischen Reinigung der belarussischen Bevölkerung beteiligt war.“

Alexey Bratochkin findet dieses Narrativ grob vereinfacht: „Die Meinungen bezüglich der AK richten sich danach, wie die Kämpfer mit der Zivilbevölkerung umgegangen sind, doch außerdem beziehen sie sich auf die Nazis, auf die Frage der belarussischen Grenzen, auf den sowjetischen Einfluss usw.“


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Die Armia Krajowa kämpfte sowohl gegen die Nazis als auch - je nach Situation - gegen die Sowjets. Der Historiker Evgeni Mironowitsch beschrieb die Situation im Westen von Belarus während des Zweiten Weltkriegs als „Krieg aller gegen alle“. Bratochkin weist darauf hin, dass unter den Mitgliedern der AK auch Belarussen waren. 

Im Jahr 2017 hat Polen das sogenannte „Gesetz zur Entkommunisierung“ geändert. Innerhalb eines Jahres wurden 470 Skulpturen und Bauwerke abgerissen, die größtenteils an die Rote Armee erinnerten. Kriegsgräber waren dabei jedoch nicht mit eingeschlossen.

Die Debatte über Denkmäler aus der Sowjetzeit kam im Februar auf, als Russland in die Ukraine einfiel. Am 23. März haben die Behörden der Ortschaft Chrzowice eine 5-Meter-hohe Stele mit einem roten Stern entfernt, die an der Stelle eines ehemaligen Friedhofs mit 620 Gräbern von Soldaten der Roten Armee stand. Dem Beispiel von Chrzowice folgten auch die Ortschaften Siedlec, Międzyblące und Garnciarsko, wo ebenfalls Denkmäler abgebaut wurden.

Am 19. April veranstaltete die Belarussische Republikanische Jugendunion eine Demonstration in der Nähe des polnischen Konsulats im belarussischen Brest, als Protest „gegen die polnische Regierung, die Gedenkstätten an sowjetische Befreiungssoldaten im Großen Vaterländischen Krieg zerstört“.

Polnisch heißt schuldig

In vielen Ländern Ost- und Zentraleuropas sind ähnliche Regelungen wie das „Gesetz zur Entkommunisierung“ eingeführt worden, doch über die polnische Erinnerungspolitik ärgern sich die belarussischen Behörden am meisten, sagt Bratochkin: „Natürlich gibt es einen gemeinsamen Rahmen der Interpretation des Zweiten Weltkrieges, so wird der Sieg über Nazi-Deutschland in jedem Fall als positives Ende angesehen. Doch die Erzählungen über den Ausbruch des Krieges, die Rollen der verschiedenen Mächte und die Wiedergabe nationaler Interessen - all diese Teilgeschichten sind in Polen und Belarus verschieden.“

Die in belarussischen Schulen gelehrte Version über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges betont die sowjetische Partisanenbewegung, bemerkt Bratochkin: „Verschiedene Interpretationen von Ereignissen sind normal, aber dabei gibt es auch Konflikte, zum Beispiel bei der Erinnerung an den Einfall von Romuald Rice in Podlachien und die Gräueltaten seiner Soldaten gegenüber den Belarussen im Jahr 1946, nach Kriegsende. Rice war Mitglied der AK und am anti-sowjetischen Widerstand beteiligt, doch beging er auch Verbrechen an Zivilisten. Belarussische Staatsmänner haben diese Episode zu einem der Schlüsselelemente der heutigen anti-polnischen Rhetorik gemacht, als Veranschaulichung eines ‚Genozids am belarussischen Volk‘.“

Die belarussische Regierung hatte in den vergangenen zwei Jahren bereits mehrmals Streitigkeiten mit Polen. Ein Streit hatte die Verhaftung von Andrzej Poczobut zum Anlass, einem Journalisten und Aktivisten vom Bund der Polen in Hrodna am 25. März 2021, was der polnische Journalist Andrzej Pisalnik wie folgt kommentierte: „Während Russland in der Ukraine eine ‚Entnazifizierung‘ bzw. Ent-Ukrainisierung durchführt, können die derartigen Prozesse in Belarus auch als Ent-Belarussifizierung oder Ent-Polonisierung bezeichnet werden. Im Kontext des militärischen Konflikts in der Ukraine wird es deutlich. Belarus ist jetzt unter russischer Besatzung. Alles, was hier passiert, wurde vom Besatzungsregime initiiert.“


„Nach den Ereignissen von 2020 sind die Sicherheitskräfte zu Historikern geworden. Die Geschichte wurde zu einem Teil der nationalen Sicherheit erklärt.  Aus Sicht der Behörden sollten die Vergangenheit und ihre offizielle Interpretation so weit wie möglich geschützt werden.“

Alexey Bratochkin, Historiker


Der Historiker Alexey Bratochkin sieht eine Verbindung zwischen dieser Kampagne und der Tatsache, dass die polnische Regierung die offiziellen Ergebnisse der belarussischen Präsidentschaftswahlen von 2020 nicht anerkannt hat: „Das Regime von Alexander Lukaschenka hat immer versucht, mithilfe verschiedener Mechanismen die Loyalität der Minderheiten zu beeinflussen - zum Beispiel indem sie Organisationen und Schulen manchmal erlaubt haben und andere Male nicht. Es war ein Balanceakt. Teilweise haben die Autoritäten die ‚doppelte Loyalität‘ der Bürger bekämpft - zum Beispiel haben sie die Ausstellung polnischer Personalausweise kritisiert, wollten die Aktivitäten der Kirche in Belarus steuern, haben anfängliche Versuche der Selbstorganisation bekämpft und versucht, den Bund der Polen zu kontrollieren.“

Geschichte geschrieben von Staatsanwälten

Im Frühling 2021 hat der belarussische Generalstaatsanwalt Andrei Shved mitgeteilt, dass die Polizei im Zuge der Ermittlungen zum Kriminalfall des „Genozids am belarussischen Volk“ auf „noch lebende“ Veteranen der AK gestoßen sei, „die als Mitglieder von Strafkompanien gelistet waren.“ Shved zufolge habe Belarus die Absicht, Polen um „angemessene juristische Hilfe“ zu bitten.

Über den Fortschritt der Ermittlungen wurde nicht weiter berichtet, doch ein Jahr später gab der Generalstaatsanwalt ein Buch mit dem Titel „Genozid am belarussischen Volk“ heraus. Somit machte sich die Kanzlei des Staatsanwalts verantwortlich für die historische Erinnerung in Belarus, meint Alexey Bratochkin: „Nach den Ereignissen von 2020 sind Sicherheitskräfte zu Historikern geworden. Die Geschichte wurde zu einem Element der nationalen Sicherheit erklärt. Die Vergangenheit und deren offizielle Erzählung sollten so weit wie möglich geschützt werden, so denken die Obrigkeiten. Dies erklärt die Gesetze bezüglich des Genozids am belarussischen Volk und gegen ein erneutes Aufkommen des Nazismus, sowie die Änderungen am Extremismus-Gesetz. Die Zunahme von Protestsymbolen hat die Machthaber beunruhigt. Es wird ein Monopol auf die Interpretation der Geschichte etabliert. So etwas kann in einer modernen Gesellschaft nicht mit Gewalt beibehalten werden, doch aktuell versuchen sie, genau dies in Belarus zu tun.“

Bratochkin ist der Meinung, dass die Hoffnung des Staatsanwaltes auf einen Schauprozess der AK-Kämpfer unrealistisch ist: „In Europa gibt es feste Mechanismen für die strafrechtliche Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nicht verjähren können. Doch die Anwendung dieser Mechanismen muss gerechtfertigt und individuell geprüft werden. Nur, wer die Kriegsverbrechen begangen hat, kann dafür rechtlich belangt werden. Und die Armia Krajowa war keine kriminelle Organisation.“

Von 1988 bis 1994-95 hatten wir eine demokratische Erinnerungspolitik. Verschiedene Gruppen konnten an der öffentlichen Debatte über die kollektive historische Vergangenheit teilnehmen und damit beeinflussen, welche Versionen der Geschichte verbreitet wurden. 

Heute haben wir ein ziemlich steifes offizielles Geschichtsnarrativ, welches die Obrigkeiten unbedingt beschützen wollen. Doch wenn die Erinnerungspolitik wieder demokratisch wird, können wir gemeinsam eine öffentliche Diskussion über unsere Vergangenheit führen. Das würde die Situation zum Guten wenden.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie, mit der wir unabhängige Medien und Journalisten aus Belarus unterstützen wollen.
👉 Originalartikel von The Village Belarus

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