Nach dreieinhalb Jahren von politischem Stillstand, Drama und Chaos in Großbritannien, wurde der Brexit endlich am 31. Januar 2020 „geliefert“. Boris Johnson gewann nur 43,6% der Volksabstimmung, was im britischen Mehrheitswahlsystem für einen Erdrutschsieg ausreichte, der ihm erlaubte, seinen Brexit-Deal durchzubringen – „Get Brexit Done“. Dieser, von Johnsons gewieften politischen Beratern gezielt konzipierte Slogan half ihm, die Stimmen jener frustrierten Briten zu gewinnen, die die Nase voll hatten von den endlosen, öden Brexit-Verhandlungen. Doch der größte Betrug dieses Wahlversprechens ist, dass der Brexit ein
Jahr später noch immer weit davon entfernt ist abgeschlossen zu sein und die wahren Folgen frühestens nach dem 31. Dezember zu spüren sein werden, wenn die Übergangsperiode zu Ende ist. Viele, die unbedacht für den Brexit gestimmt haben, werden die Folgen erst spüren, wenn sie persönlich mit den unnötigen bürokratischen Komplikationen und finanziellen Kosten konfrontiert sind.
Für einen jungen Mensch wie mich, der für ein Verbleiben in der EU gestimmt hat – wie 80% in meiner Altersgruppe auch, – sind es nicht nur die finanziellen, sozialen, politischen und ökologischen Kosten des Austritts aus der EU, die mich besorgt machen, sondern auch die verlorenen Chancen: Förderungen und Freiheiten, von denen ältere Briten profitiert hatten und dann dafür stimmten, dass diese Rechte und Privilegien den jüngeren Generationen weggenommen werden. ERASMUS+ ist das beliebteste Programm der EU. Ich konnte es selbst beobachten, als ich mein „24 Reasons to Remain“-Poster geteilt habe: Der Grund mit den meisten „Likes“ war ERASMUS+, und viele meiner Follower teilten in den Kommentaren ihre persönlichen Geschichten von Entwicklungserfahrungen, die sie nur dank EU-Förderungen machen konnten.
Als Kind von zwei Akademikern bin ich mir sehr bewusst, welchen Effekt der Brexit auf die weltweit führenden britischen Institutionen haben wird; immerhin beruht wissenschaftliche Forschung auf grenzüberschreitendem Wissensaustausch. Heute erleben wir, dass Förderungen gestrichen werden, trans-nationale Partnerschaften zerbrechen, EU-Mitarbeiter das Land verlassen und Bewerbungen von EU-Studenten zurückgehen. Ich bin auch persönlich besorgt über den Verlust von Kunstförderungen und von Chancen für internationale kulturelle Zusammenarbeit; vor kurzem hatte ich eine etwas ironische Erfahrung, als ich mich über einen Künstleraufenthalt in Berlin mit dem Thema „Stimmen der Migration“ erkundigte, nur um gesagt zu bekommen, dass sich ausschließlich Künstler aus der EU und dem EWR bewerben können.
Gemeinsam mit Millionen anderer „Remain“-Aktivisten, gab ich mein Bestes, um diese politische Tragödie während des Zeitfensters zwischen dem 24. Juni 2016 und dem 31. Januar 2019 zu verhindern und zu einem zweiten Referendum aufzurufen. Wir wurden von den britischen Medien ständig als „undemokratisch“ herabgesetzt, doch nachdem die Wahlkommission erklärt hatte, dass die „Leave“-Kampagne das Gesetz gebrochen hat, bekam ich einen sehr zynischen Blick darauf, wie korrupt und manipulierbar unsere sogenannte britische Demokratie in Wahrheit ist.
Ich wünschte, ich könnte zu den Aussichten Großbritanniens außerhalb der EU einen so rücksichtslos unbekümmerten Optimismus an den Tag legen wie Boris Johnson, aber ich bin eine Realistin und glaube nicht an Einhörner.
Am Tag der Brexit-Feierlichkeiten kam ein Mann vor der Westminster U-Bahn-Station zu mir und schrie mir ins Gesicht: „Du hast dreieinhalb Jahre deines Lebens verschwendet! Sie gehen jetzt alle nach Hause!“ Und er hatte Recht, es mag ein aussichtsloses Unterfangen gewesen sein, doch ich glaube nicht, dass die Anstrengung ganz vergeblich war. Ich weiß all die Chancen zu schätzen, die ich hatte, in europäische Länder zu reisen und auf Veranstaltungen aufzutreten und zu sprechen; all die großartigen Menschen, die ich kennengelernt, die Preise, die ich gewonnen, und die Bücher, die ich publiziert habe über die Vorteile der EU-Mitgliedschaft und die Werte, die mir wichtig sind. Unsere kollektiven Anstrengungen, den Brexit aufzuhalten, werden die Grundlage für eine unausweichliche „Rejoin“-Kampagne schaffen.
Seit den 1980er Jahren und der Finanzialisierung der Wirtschaft haben uns die Akteure der Finanzwirtschaft gelehrt, dass sich hinter jeder Gesetzeslücke eine kurzfristige Gewinnmöglichkeit verbirgt. All das und mehr diskutieren wir mit unseren Investigativ-Journalisten Stefano Valentino und Giorgio Michalopoulos. Sie haben für Voxeurop die dunklen Seiten der grünen Finanzwelt aufgedeckt und wurden für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
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