Gut, ein paar vereinzelte kommen schon noch. Vor zwei Wochen etwa wurden 40 klägliche Nordafrikaner gefunden, die die Bevölkerung des italienischen Inselchens Linosa um knapp zehn Prozent vermehrt hatten. Die katholische Hilfsorganisation Caritas behauptet, die Migration auf dem Seeweg ziehe wieder an, doch laut der Zahlen von Frontex, der Agentur für die Sicherheit der Außengrenzen der Europäischen Union, gingen im ersten Quartal dieses Jahres in Italien und Malta ganze 150 Personen an Land, im Vergleich zu 5.200 im selben Zeitraum letztes Jahr. Auf den Kanaren, die vor ein paar Jahren Zehntausende von Afrikanern aufnehmen mussten, landeten von Januar bis einschließlich März nur fünf Personen. Wohin sind nur die ganzen Migranten entschwunden?

Ein Teil der Antwort liegt darin, dass die südeuropäischen Regierungen zur Lösung des Problems viel Diplomatie (und auch Bares) eingesetzt haben. Spanien schloss mit Ländern in Nordwestafrika diverse Abkommen, um die Ausgangshäfen der Migranten weiter in den Süden zu verlagern – was die Reise bis zu den Kanaren noch gefährlicher und noch teurer macht. In einer etwas umstritteneren Frage einigte sich Silvio Berlusconis Regierung in Italien mit den Libyern dahingehend, dass die italienischen Küstenpatrouillen aufgefangene Migranten an Oberst Gaddafis Polizei zurückschicken dürfen, bevor sie auch nur die Chance haben, einen Asylantrag zu stellen.

Haben die Einwanderer keine Lust mehr?

Die Einwanderungsströme nach Europa lassen sich jedoch nicht nur durch die Effizienz der zu ihrer Eindämmung getroffenen Maßnahmen definieren. Ein anderer Einfluss ist die Anzahl derer, die bereit sind, ihr Leben und ihre Ersparnisse aufs Spiel zu setzen, um zu versuchen, die Grenzen der EU zu durchbrechen. Zwei Faktoren scheinen hier zusammenzukommen. Der Strom der Asylsuchenden hängt zum Teil von der Instabilität in den unruhigeren Regionen der Welt ab. Da Somalia, Irak und die palästinensischen Gebiete alle schon schlimmere Jahre erlebt haben als 2009, kann es sein, dass Italiens Abkommen mit Libyen zufällig genau zu dem Zeitpunkt in Kraft trat, als die Menge der an den nordafrikanischen Küsten anlaufenden Migranten ohnehin abzuflauen begann.

Der andere Faktor ist der Konjunkturabschwung in Europa, dessen Auswirkungen in Spanien noch krasser zu erkennen sind. Dort könnte sich durch die Wirtschaftskrise sogar die Richtung der Migration umkehren. Die Ausländerzahlen sanken im zweiten Quartal dieses Jahres um zwei Prozent. Der stärkste Rückgang war bei den Lateinamerikanern zu verzeichnen, deren Anzahl um 100.000 zurückging.

Der Seeweg ist ein Mythos

Dies weist auf eine weitere Verwirrung bzw. eine regelrechte Heuchelei hin. Die Equatorianer und Kolumbianer kamen nicht auf Fischerbooten nach Spanien. Ebensowenig wie die Filipinos und Moldauer nach Italien. Migration auf dem Seeweg liefert starke Emotionen für's Fernsehen. Doch die meisten Migranten reisen auf anderen Wegen ein.

Ein Plakat der italienischen Lega Nord zeigt ein mit schwarzen Gesichtern vollgepacktes Boot und den prahlenden Spruch: "Wir haben die Invasion gestoppt". Aber das stimmt nicht. Nur ein Fünftel der geschätzten Einwanderer nach Italien reisen über das Meer ein. Und die "Invasion" wurde vielleicht gar nicht gestoppt, oder zumindest nicht endgültig. Amerikas Rückzug aus dem Irak, die Erholung der europäischen Wirtschaft und alle möglichen anderen Einflüsse können durchaus eines Tages die Zahl der Menschen, die bereit sind, ihr Glück zu versuchen, wieder in die Höhe treiben.

Die echte Migrationsfrage

Doch werden sich die europäischen Regierungen wirklich etwas daraus machen, wenn Europas Wirtschaft floriert und Zehntausenden von Menschen die Einreise gelingt? Vielleicht ist dies die am meisten verzerrte Darstellung der ganzen Angelegenheit. Die nationalen Regierungen scheinen je nach Wirtschaftslage und neuesten Meinungsumfragen zwischen Selbstgefälligkeit und Feindseligkeit zu lavieren. Und auf europäischer Ebene haben sich die Mitgliedsstaaten nie auf Maßnahmen zur Unterstützung der kleinen, als Grenzübergang fungierenden Länder wie Malta geeinigt.

Aber andererseits braucht Europa Einwanderer, um seine niedrigen Geburtenraten auszugleichen und um die Schmutzarbeit zu erledigen, die von den eigenen Bürgern verschmäht wird. Diesen Sommer bot das katalanische Arbeitsamt 7.800 Arbeitslosen Erntejobs auf Obstplantagen an. Weniger als 1.700 nahmen an. Und viele von diesen waren nichtspanischer Herkunft. (pl-m)