In Zypern, dieser kleinen im Mittelmeer gelegenen Republik, die mitten in einer historisch beispiellosen Wirtschaftskrise steckt mischt sich das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, Erzbischof Chrysostomos II., in die politischen Debatten ein. Hemmungslos und ununterbrochen.

Ende März wurden alle Kontoinhaber, deren Einlagen bei den zwei größten Finanzinstituten des Landes die 100.000-Euro-Marke übersteigen, zu einer Zwangsabgabe verpflichtet, auf die man sich als Bedingung für das 10-Milliarden-Euro schwere Rettungspaket Europas geeinigt hatte. Und kaum hatte sich der neue Staatspräsident Zyperns, Nikos Anastasiades, mit diesem Rettungsplan einverstanden erklärt, so forderte der geistliche Würdenträger auch schon den Kopf des Finanzministers und des Gouverneurs der Zentralbank. Dabei hatte das Oberhaupt der Kirche während des Präsidentschaftswahlkampfs ausdrücklich zu verstehen gegeben, dass er Anastasiades den Vorzug gibt.

„Die Kirche ist steinreich. Ganz wie die Mafia!"

Seine Seligkeit Chrysostomos, „Erzbischof von Nea Justiniana und ganz Zypern“, verpasst kein Thema, zu dem er nicht seine Meinung kundtut. Der Würdenträger ist in erster Linie ein Geschäftsmann an der Spitze einer wohlhabenden, einer außerordentlich wohlhabenden Kirche. Zudem sagt man ihm privilegierte Beziehungen zu Moskau nach. Auf der Insel spielt er eine absolut zentrale Rolle und ist zweifelsohne die einflussreichste Persönlichkeit, die zwangsläufig die leidenschaftlichsten Kontroversen auslöst.

Auf dem Weg zum Oberhaupt der Orthodoxen Kirche Zyperns, der inmitten der von venezianischen Mauern umgebenen Altstadt Nikosias wohnt, fragt Taxifahrer Panicos amüsiert: „Sie wollen den Erzbischof besuchen? Dann geben Sie auf Ihre Ringe Acht! Die Kirche ist steinreich. Ganz wie die Mafia!“

Kaufmännischer Erzbischof

Der geistliche Würdenträger empfängt [seine Gäste] im Erzbischofspalast, ein in den 1950er Jahren im neobyzantinischen Stil errichtetes Gebäude mit eleganten Bögen. Im Innenhof steht eine kolossale Statue von Chrysostomos’ berühmten Vorgänger und ersten Präsidenten des unabhängigen Zyperns, [Erzbischof] Makarios III..

An diesem Morgen empfängt Chrysostomos II. seinen Besucher in einer einfachen blauen Soutane. Unter dem rot gefütterten Ärmel ist eine beeindruckende goldene Uhr zu erkennen. Nach dem rituellen Handkuss, der von einer gewissen Distanz zeugt, erweist sich der Siebzigjährige mit dem dicken grauen Bart als warmherziger [Gastgeber]. Hinter seiner Brille mit schlankem Gestell verbergen sich bereitwillig leuchtende Augen und ein großzügiges Lächeln.

„Für die Situation sind Deutschland, der IWF und die EZB verantwortlich"

Im Bezug auf den Finanzrettungsplan und die rücksichtslosen Gegenleistungen, die Präsident Anastasiades derzeit zu lockern sucht, hat seine Seligkeit aber längst ein entschiedenes Urteil gefällt. „Für die Situation sind Deutschland, der IWF und die EZB verantwortlich. Sie haben Zypern bestraft.“ Und genau dieses Gefühl der Ungerechtigkeit teilt auch der Großteil der Privatanleger, deren Ersparnisse sich von einem Tag auf den anderen in Luft aufgelöst haben.

Wie sich das gehört, greift die Kirche den Ärmsten unter die Arme. Vor Kurzem hat sie Volksküchen eröffnet. So teilt die Kirche ihren Reichtum mit der Nation – allerdings nicht ohne unternehmerischen Scharfsinn. Dementsprechend erinnert Chrysostomos’ geräumiges Büro mit seinen Aktenstapeln und seinem Konferenztisch eher an das Geschäftszimmer eines Firmenchefs.

Zyperns Kirche besitzt nicht nur zahlreiche Grundstücke, sondern ist auch der größte Aktionär der Brauerei Keo, die das nationale Bier herstellt. Darüber hinaus ist sie mit 29 Prozent der Referenzaktionär der Hellenic Bank, dem drittgrößten Geldinstitut des Landes. „Wir werden sie nicht im Stich lassen“, versichert der Erzbischof. „Wir haben der Regierung gesagt, sie soll sie ja nicht anrühren“, fügt er mit einem leichten Grinsen hinzu, das seinen Bart beben lässt. Zudem gehörten der Kirche auch fünf Prozent der Anteile der Bank of Cyprus, der größten Bank, die nun vollkommen umstrukturiert wird. Nach Aussage des höchsten Bankiers hat sie diese seither verloren.

Privilegierte Kontakte zu Moskau

Für jährliche 1,5 Millionen Euro hat die Kirche in Paphos 50.000 Quadratmeter angemietet, auf denen russische Investoren ein Hotel bauen werden. [Kein Wunder,] dass man ihr gut und gerne exklusive Beziehungen zu Russland nachsagt. Auch Chrysostomos macht daraus kein Geheimnis. Bereitwillig erzählt er [folgende Geschichte:] Als die vorherige Regierung Moskau um eine Fristverlängerung zur Rückzahlung des 2011 gewährten Kredits in Höhe von 2,5 Milliarden Euro bitten wollte, hat sich Chrysostomos „mit dem russischen Patriarchen in Europa getroffen. Anschließend legte dieser ein gutes Wort bei Putin ein. Staatspräsident Christofias sollte Putin [damals] sofort zurückrufen. Allerdings hat er den Anruf erst dreizehn Tage später getätigt.“ Eine Beleidigung, die den Kreml gekränkt hat, berichtet der Prälat.

Chrysostomos’ „Nationalbewusstsein ist ausgesprochen gut entwickelt“, genau wie das seiner russisch-orthodoxen Kollegen, betont ein Beobachter aus dem Ausland. Der Immobilien-Boom und das Wachstum der vergangenen Jahre hat um die 100.000 Einwanderer auf die griechische Seite der Insel gelockt: Rumänen, Bulgaren, Philippiner und Pakistani. Die Gesamtbevölkerung beträgt 800.000 Einwohner. „Sie sind alle Kinder Gottes. Ich möchte nicht, dass sie wieder gehen“, lauten die einleitenden Worte des Erzbischofs. „Wären sie aber nicht hier, gäbe es keine Arbeitslosigkeit.“

Eine Kirche, die allem widersteht

Welche Erklärung gibt es für dieses ständige Einmischen in die politischen Debatten? [Auf diese Frage] antwortet Chrysostomos blitzschnell: „Die Kirche äußert ihre Meinung, weil sie auf eine zwei Jahrtausende alte Geschichte zurückblickt.“ Der Überlieferung nach reichen ihre Wurzeln bis zum Heiligen Barnabas zurück: Ein Zeitgenosse von Jesus Christus, der das Stückchen Mittelmeer durchquerte, welches das Heilige Land von der Insel der Aphrodite trennt.

„Es bringt nichts, wenn man versucht, die Kirche Zyperns vom westlichen Standpunkt aus zu verstehen versucht“, mahnt Andreas Theophanous von der Universität Nikosia. Der Professor für Wirtschaftswissenschaften würde einen kontrollierten Austritt aus der Eurozone nur begrüßen. „Im 15. Jahrhundert herrschten die Osmanen über Zypern. [Damals] hat uns der Papst nicht geholfen und als Gegenleistung unsere Unterwürfigkeit gefordert. Die Türken haben sich an den Erzbischof gewandt, der de facto zur wichtigsten politischen Persönlichkeit der Insel wurde. Die Menschen haben der Kirche all ihr Hab und Gut überlassen, um von ihr beschützt zu werden. Das ist der Grund für ihr Reichtum“, erklärt der Professor. „Die Tatsache, dass diese Insel griechisch und christlich geblieben ist, ist zu 100 Prozent der Kirche zu verdanken“, bekräftigt Chrysostomos II.

Die kommenden Jahren werden den Zyprioten große Schwierigkeiten bereiten. Laut den Brüsseler Prognosen wird das Reichtum des Landes (das BIP) 2013 um fast neun Prozent abfallen. 2014 wird die Arbeitslosenquote die 17-Prozent-Marke übersteigen. Eine Sparpolitik, wie sie Griechenland hinnehmen musste, droht [inzwischen auch Zypern]. „In nur wenigen Wochen ist alles zusammengebrochen“, wiederholen immer mehr Bewohner Nikosias. Viele von ihnen haben von einem Tag auf den anderen die Hälfte der Ersparnisse ihres ganzen Arbeitslebens verloren. Alles ist zusammengebrochen, nur die Kirche nicht. Sie thront seit über 2000 Jahren auf ihrem zypriotischen Felsen.