„Einwanderer-Massaker: Italien trauert”, titelt Corriere della Sera. Im Leitartikel der Tageszeitung aus Mailand erinnert Gian Antonio Stella daran, dass seit 1988 zahlreiche Menschen bei ihrem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, ertrunken sind: Den Angaben des Blogs Fortress Europe zufolge, sind es mindestens 19.142. Darüber hinaus weist Stella darauf hin, dass der Europäische Rat Italien kurz vor der Tragödie vorwarf ein Flüchtlings- und Einwanderungsmagnet zu sein, weil seine Abschreckungssysteme unangemessen sind, wohingegen andere EU-Institutionen „abschreckende” Maßnahmen regelmäßig kritisieren.

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Das Europa, das sich tagtäglich in unsere Entscheidungen einmischen will, weil diese angeblich alle etwas angehen, ist das gleiche, dass nicht bereit ist, einen Teil der Probleme zu übernehmen, mit denen die südlichen Länder zu kämpfen haben. [...] Die fremdenfeindlichen Behauptungen Italiens sind allerdings unbegründet. Von 1.000 Menschen lassen sich neun Flüchtlinge in Schweden, sieben in Deutschland, 4,5 in den Niederlanden und gerade mal einer in Italien nieder. Jedoch können diese Flüchtlingswellen nicht nur ein italienisches Problem sein – sie gehen alle etwas an. [...] Brüssel sollte nach Lampedusa reisen und die Toten zählen. Schließlich sind es auch seine.

Für Spiegel Online ist das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa „Europas Versagen”:

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Es müssen apokalyptische Szenen gewesen sein: 500 Menschen stürzen von einem brennenden Boot ins Meer, viele von ihnen können nicht schwimmen. Was vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa passierte, erschüttert nun ganz Europa. [...] Die kleine Insel, die näher an Tunesien als am italienischen Mutterland liegt, fühlt sich alleingelassen – und das nicht zum ersten Mal. Seit 1999 strandeten dort über 200.000 Menschen aus Afrika und Asien, geflüchtet vor Bürgerkrieg, Hunger und Elend. Man schätzt, dass zehn bis zwanzigtausend Menschen bei der Überfahrt ihr Leben verloren. 22.000 Flüchtlinge erreichten seit Januar Lampedusas Küste. Die Insel ist ein Symbol. Ein Symbol für das Scheitern der gesamten europäischen Flüchtlingspolitik.

Eine ganz ähnliche Überschrift wählt El País für ihre Titelseite: „Die Tragödie der illegalen Einwanderer ist eine europäische Schande”. Die spanische Tageszeitung berichtet, dass der Großteil der Passagiere des gesunkenen Bootes aus Somalia und Eritrea stammten und vor Hunger und Krieg flüchteten. Die Überlebenden erklärten, dass drei Schiffe trotz der SOS-Rufe vorbeifuhren ohne zu helfen. In den Augen von El País rüttelt „die Krise der vertriebenen Menschen, [die vor Hunger und Krieg flüchten] an den Grundfesten Europas”.

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Nur wenn es ein großes Schiffsunglück gibt – und dieses ist eines der größten, die sich je ereignet haben –, richten sich die Augen auf die 5.000 Einwohner der Insel. Ihre Bürgermeisterin, welche die Nase voll davon hatte, bei den italienischen und europäischen Behörden immer nur auf taube Ohren zu stoßen, schrieb im Februar [2013] einen Brief an die Europäische Union, in dem sie fragte: „Wie groß muss der Friedhof meiner Insel noch sein?”

Unter dem Titel „Lampedusas Ertrinken” betont Gazeta Wyborcza, dass die „sizilianische Meeresenge zur Grabstätte für Afrikaner geworden ist, die vom europäischen Paradies träumen”. Die Tageszeitung macht einen Vorschlag, mit dem der auf Italien und Griechenland lastende Druck gemindert werden könnte. Denn dort kommen stets und ständig Einwanderer an. [Der Zeitung zufolge] sollten die Flüchtlinge so schnell wie möglich in Auffangzentren in anderen EU-Ländern gebracht werden, wo ihre Asylanträge geprüft werden könnten. Ein solcher Vorschlag machte sich vor gar nicht allzu langer Zeit sogar in Brüssel breit, allerdings würden Staaten, die nicht am Mittelmeer liegen – also auch Polen – „davon nichts hören wollen”. Dementsprechend schlussfolgert Gazeta Wyborcza:

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Wir Europäer unternehmen einfach nicht genug, um solche Tragödien zu verhindern. [...] Weder die Italiener noch die anderen Europäer wollen illegale, ungebildete und arme Einwanderer. Im ganzen Mittelmeerraum ein Überwachungssystem ausbauen zu wollen, das von Brüssel kontrolliert wird und Menschen effizienter vor dem Ertrinken retten kann, ist eine äußerst mühselige Aufgabe.

uch die niederländischen Tageszeitung De Volkskrant kritisiert Europas Heuchelei und bedauert, dass EU-Flüchtlingsspolitik ausschließlich wie folgt stattfindet:

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Sich zanken, sich herausreden, wegsehen. Seit Jahren bemühen sich die Länder Südeuropas vergeblich, das enorme Flüchtlingsproblem in Brüssel auf die Tagesordnung zu bekommen und warnen: „Wir können nicht noch mehr aufnehmen, aber wir können sie auch nicht sterben lassen oder einfach zurückschicken. Helft uns!“ Und die Ländern Nordeuropas antworten: „Sie müssen sie aber um jeden Preis loswerden, verdammt noch mal!“ Klar: Wir finden den Krieg in Syrien abscheulich, ebenso die oft unangenehmen Ereignisse auf dem afrikanischen Kontinent. Und wir unterstützen den arabischen Frühling. Aber wir wollen auf keinen Fall, dass man dies als Einladung versteht, in Scharen nach Amsterdam, Paris oder Berlin zu kommen.

„Mehr als 100 Tote bei Boots-Tragödie am Tor Europas“, titelt The Guardian und bedauert, dass „es in diesen Tagen erst zu einer Riesentragödie kommen muss, damit es die Flüchtlingsboote überhaupt auf die Titelseiten schaffen“. Für Jack Shenker, Auslandskorrespondent der Tageszeitung, besteht eine Kluft zwischen jenen, die meinen, dass Europas oberstes Gebot das Retten von Menschenleben und Einwanderungswilligen sein müsse, und jenen, die glauben, dass die Verstärkung der Grenzkontrollen höchste Priorität haben solle.

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Noch immer mangelt es an politischem Willen, um sicherzustellen, dass gefährdete Migranten nicht durch die Ritzen von vertrackten Grenz- und Nothilferegelungen sowie sich überschneidenden regionalen Gesetzgebungen fallen.

Die Lissabonner Tageszeitung Público titelt: „Lampedusa und Europas Schande”. Weiter schreibt das Blatt:

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Aus dem Mittelmeer, seit uralten Zeiten Route und Zentrum der Zivilsationen, ist ein Vernichtungslager geworden. An seiner Küste, sagte Papst Franziskus jüngst, würde nur die Gleichgültigkeit wachsen. Die Gleichgültigkeit gegenüber Tod und Tragödien. „Es gibt kein Wundermittel“, sagte Italiens Außenministerin Emma Bonino. Es gibt kein Wunder. Doch ein Europa, das sich aus Angst und aufgrund der Krise dem anderen verschließt, wird kein Europa mehr sein. Es muss begreifen, dass dieser Tod auf dem Mittelmeer dem eigenen Tod gleichkommt.