Das Business der Billigknarren

Angesichts der Verschärfung der Gesetze zum Besitz von Schusswaffen erlebt der Handel mit Schreckpistolen einen regelrechten Boom in Europa. Billig, leicht umzubauen und kaum nachzuverfolgen, werden sie von immer mehr Verbrechern genutzt.

Veröffentlicht auf 19 November 2010 um 15:01
Die Ekol Tuna, Star unter den frisierbaren Schreckschusspistolen.

Schon im zarten Alter von zehn Jahren verpackte Massimo Tanfoglio Pistolen in der Fabrik seines Vaters. Heute, mit 57, ist er Direktor der Schreckschusswaffenfabrik Fratelli Tanfoglio im norditalienischen Gardone Val Trompia. Wenn man durch die Gassen des Städtchens läuft, stößt man überall auf Schilder von kleinen Waffenherstellern, auf denen die Wörter armi, fucili, cartucce oder guns zu lesen sind. Gardone (12.000 Einwohner) lebt, dank der Kombination von Eisenerz und Wasserkraft in den Bergen, schon seit mehr als 500 Jahren von der Herstellung von Schusswaffen. Es gibt ungefähr 80 Unternehmen, die mit Waffen zu tun haben, vom kleinen Familienbetrieb, der Jagdgewehre produziert, bis zur berühmten Marke Beretta.

Die bei Sportschützen beliebten Pistolen von Tanfoglio sind auch den Waffenexperten ein Begriff. In den vergangenen Jahren wurden in den Niederlanden zwischen 1500 und 2000 Tanfoglios des Typs GT28 bei Verbrechen benutzt. Es handelt sich dabei um eine billige Schreckschusspistole, die in illegalen Ateliers im Norden Portugals in scharfe Schusswaffen umgebaut werden.

Ein boomender Markt

Jüngste tödliche Schießereien in den Niederlanden werfen die Frage auf, warum es so einfach ist, an Schusswaffen heranzukommen, und wo sie herkommen. In ganz Europa ist die Verbreitung der Schreckschusswaffen und Gaspistolen frappierend. Für Verbrecher haben sie viele Vorteile. Sie sind billig, in vielen Ländern im freien Verkauf und leicht zu frisieren. Und da sie nicht registriert werden, sind sie für die Polizei schwierig nachzuverfolgen. Je strenger die Gesetzgebung, umso mehr verbreiten sich diese nicht registrierten Waffen.

Massimo Tanfoglio weiß haargenau, dass Kriminelle seine billigen Waffen 100 Euro frisieren. Laut Angaben der niederländischen Polizei ist der Umbau ein Kinderspiel. Jeder halbwegs geschickte Fräser schafft es, ein kleines Loch in die Schraubkappe am Lauf zu bohren und ihn zu frisieren. „Die französische und deutsche Polizei haben mich zu unserer Schreckschusspistole befragt“, erzählt Massimo Tanfoglio. Um seinen Ruf nicht weiter zu schädigen, hat er versprochen, die GT28 vom Markt zurückzuziehen. Über einen portugiesischen Importeur kommen die Waffen ganz legal nach Portugal, wo wie Grauzone beginnt. In der Umgebung von Valença do Minho, entlang des Grenzflusses zu Spanien, werden sie in kleinen illegalen Ateliers umgebaut.

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2005 räumte die portugiesische Polizei die Ateliers und versuchte, diesem Gewerbe ein Ende zu setzen. Im Jahr 2006 wurde das Waffengesetz verschärft. Schreckschuss- und Gaspistolen sind heute in Portugal verboten. Aber nicht im Nachbarland Spanien. Im Oktober 2008 machte die Polizei von Sevilla eine Bande dingfest, die in Portugal Waffen umbauen ließ und damit Schmuggel betrieb. Im spanischen Volksmund nennt man übrigens heute noch frisierte Waffen „Portuguesas“.

Waffenbastler werben in Spanien im Internet

Auch in Spanien werden Waffen frisiert. Erst kürzlich ging die spanische Polizei gegen eine Bande vor, die in der Region Murcia ein illegales Atelier betrieb. Im Internet, erzählt Alfredo Perdiguer von der spanischen Polizeigewerkschaft, wimmele es von derartigen Umbau-Angeboten. Mit 80 Euro sind Sie dabei.

Die Quelle Tanfoglio ist ausgetrocknet. Also suchen sich die Schwarzhändler neue Schlupflöcher. So beschlagnahmte die schwedische Polizei vor kurzem eine große Anzahl von Gaspistolen, türkisches Fabrikat, umgebaut im Kosovo. In einschlägigen Kneipen in Pristina verkaufen sogenannte Gunrunners für umgerechnet 80 Euro Gaspistolen, so klein, dass sie in eine Handfläche passen.

Der türkische Waffenhandel boomt. So ähnelt die Ekol Tuna, hergestellt in Istanbul von Ekol Voltran, auffällig der Tanfoglio GT28, deren Aussehen zwar keinem Patent unterliegt, wohl aber deren Technik.

Der Waffenhandel kennt keine Krise

Die niederländische Polizei vermutet, dass Tanfoglio den Türken eine Lizenz oder gar seine Technologie verkauft hat, was Massimo Tanfolglio auf heftigste bestreitet. Die Italiener beobachten mit Sorge den florierenden Waffenhandel der Türkei. Unwillig mussten die Gardonesen mit ansehen, wie die Türken die Fabrik der angesehen Familie Bernadelli und somit den prestigereichen Namen übernahmen.

Die Türkei ist heute neben Deutschland und Italien einer der drei größten Waffenanbieter in Europa. Krise oder nicht, 2009 war ein Rekordjahr für die türkischen Waffenhändler. Der Export stieg um 16 Prozent. Mit seinen Luft- und Schreckschusspistolen fährt Ekol Voltran pro Jahr zwischen 1,3 und 3 Milliarden Euro Gewinn ein.

Nach 25 Jahren fällt das Patent

Als er die Fotos von den frisierten Tanfoglios und Ekol Tunas sieht, verfällt der Ekol Voltran-Exportmanager Mesut Cakici einen Augenblick in Schweigen. Wie erklärt er die verblüffende Ähnlichkeit seiner Waffe mit der italienischen? Ohne mit der Wimper zu zucken, gibt er zu, dass es eine perfekte Kopie sei. „Jeder weiß, dass wir eine Kopie verkaufen. Das ist, was die Kunden wollen.“ Die Berettas und Brownings würden von der Konkurrenz nachgebaut. Die Laufzeit eines Patents betrage 25 Jahre, danach könne man machen, was man will. Weiß Cakici, dass in den Niederlanden seine Waffen in scharfe Schusswaffen umgebaut werden? „Ich würde lügen, wenn ich sage, ich hätte von solchen Praktiken noch nie gehört.“

In Europa muss jede produzierte oder importierte Waffe von einem staatlichen Institut getestet und zugelassen werden. In der Türkei gibt es keine Tests. Das Einzige, was Cakici tun muss, ist, der türkischen Polizei zweimal monatlich die Seriennummern übermitteln. „Die Türken haben es leicht“, meint Massimo Tanfoglio. „Uns zwingt die Europäische Union immer mehr Regeln auf. Alle Zulassungen werden von der Polizei kontrolliert. Jede Waffe, die das Land verlässt, besitzt ihre eigenen Papiere. Den Verbrechern ist das völlig egal. Schauen sie doch nach Großbritannien: Dort ist der Verkauf von Handwaffen seit 1998 komplett verboten. Die Kriminalität nimmt trotzdem zu!“

Und so schließt sich der Kreis der Geschichte: Der Krieg der Venezier mit den Türken brachte vor 500 Jahren die Waffenindustrie in Gardone in Schwung. Und heute werden die Bewohner des kleinen Städtchens von den Türken mit ihren eigenen Waffen geschlagen.

In Zusammenarbeit mit Bram Vermeulen in Istanbul und Merijn de Waal in Madrid

Übersetzung von Jörg Stickan

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