Opinion Migration & Asyl

Das Narrativ der Migration neu definieren

Die Mainstream-Medien in Europa neigen dazu, Migrant*innen und Geflüchtete nach ihren Herkunftsregionen zu unterteilen und in Schubladen zu stecken. Das ist ein gefundenes Fressen für die populistische Rhetorik über „gute“ und „schlechte“ Eingewanderte, sagt der niederländisch-sierra-leonische Kolumnist Babah Tarawally. Er schlägt vor, die positiven Beiträge von Migrant*innen und Geflüchteten zur europäischen Gesellschaft hervorzuheben, um mit diesem Narrativ aufzuräumen.

Veröffentlicht auf 12 Januar 2023 um 09:30

Der Bilderrahmen, den ich vor mir sehe, ist aus Gold, aber das Bild, das er umrandet, zeigt eine einmarschierende Armee. Diese Metapher verwende ich oft in meinen Schulungen, um neue Migrant*innen und Geflüchtete in den Niederlanden zu stärken. Ich erkläre ihnen, dass sie ihren eigenen goldenen Rahmen schaffen sollen. Und ich überzeuge sie davon, dass sie sich von niemandem einreden lassen dürfen, dass ihr Rahmen aus Asche oder Toilettenpapier besteht. Den Menschen beizubringen, an sich selbst zu glauben, ist das Allerwichtigste, denn wer soll an sie glauben, wenn sie es nicht selbst tun? Das Asylsystem? Die Politiker? Die Medien?

Wenn Geflüchtete oder Migrant*innen in einem neuen Land eintreffen, erfahren wir in der Regel zuerst aus den Medien von ihrer Ankunft. Als Förderer öffentlicher Debatten haben die Medien einen extrem großen Einfluss darauf, wie diese Neuankömmlinge von ihrem Gastland aufgenommen werden: Sie entscheiden, wie sie die Fakten darstellen und geben so den Ton und das Tempo vor, in dem sich sowohl die Öffentlichkeit als auch die Politiker*innen eine Meinung bilden und entsprechend handeln.

Wird ein negativer Ton angeschlagen, werden Geflüchtete und Migrant*innen in den darauf folgenden öffentlichen und politischen Debatten als Eindringlinge dargestellt, die gestoppt, eingedämmt und bekämpft werden müssen. Den Medien, die diese öffentliche Meinung erzeugt haben, ist es also gelungen, Migrant*innen und Geflüchtete auf eine bestimmte Art und Weise darzustellen und damit die soziale und politische Agenda zu bestimmen.

Die Medien verbreiten derzeit die Botschaft, dass Eingewanderte und Geflüchtete die Widerstandsfähigkeit der europäischen Gesellschaften sowie die schwachen Volkswirtschaften und die Sicherheit des Kontinents bedrohen. Das Sicherheitsargument wird insbesondere verwendet, um die europäischen Bürger*innen davon zu überzeugen, dass Terrorismus und Einwanderung zusammenhängen. Und das funktioniert. Rechtsgerichtete politische Parteien verzeichnen in ganz Europa enorme Zuwächse. Einige von ihnen gewinnen Wahlen und bilden Regierungen, die versprechen, Geflüchtete und Migrant*innen auszuweisen und abzulehnen.


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Immer mehr europäische Länder werden von Politikern regiert, die im Wahlkampf indirekt oder ausdrücklich versprachen, die Migration zu stoppen, wenn sie an die Macht kommen. Im Jahr 2015 wurde in Polen eine stark rechtsgerichtete Regierung gewählt, und im darauffolgenden Jahr verließ Großbritannien die Europäische Union.

Diese Entscheidung war zum großen Teil auf die Rhetorik rund um das Thema Migration zurückzuführen. Es folgten die Wahl rechtspopulistischer Regierungen in Österreich und Italien sowie die Wiederwahl von Viktor Orbáns Partei Fidesz in Ungarn im Jahr 2018. Im Anschluss an diese Wahlsiege wurden nach und nach Maßnahmen ergriffen, die das Leben von Migrant*innen und Asylsuchenden unerträglich machen sollten.

Idealerweise würden wir die Rundfunkmedien gerne als ein wichtiges Instrument zum Umgang mit der zunehmenden Vielfalt in der Gesellschaft und zur Förderung der Inklusion betrachten. Bislang erweisen sie sich jedoch als völlig ungeeignet, um diese Aufgabe zu erfüllen, insbesondere in Europa. Stattdessen hat sich die europäische Presse entschieden, eine zentrale Rolle dabei zu spielen, die Geflüchteten und Migrant*innen, die an den Küsten Europas ankommen, als eine Tsunami-ähnliche Krise darzustellen. Diese negative Berichterstattung hat zu einer feindseligen Haltung der europäischen Bürger*innen gegenüber Geflüchteten und Migrant*innen beigetragen.


Solange die Löwen nicht schreiben lernen, wird jede Geschichte die Jäger verherrlichen


Leider werden die Dinge nicht besser, sondern schlechter. Die wenigen Organisationen, die Geflüchtete unterstützen, sind inzwischen müde oder frustriert, oder sie verlieren ihre Unterstützung, da die Regierungen Geflüchteten und Migrant*innen gegenüber immer feindseliger werden. Offensichtlich gibt es keinen Weg zurück, und es scheint fast unmöglich, die Flut der Negativität umzukehren.

Wir können uns nicht einfach auf die schwache Hoffnung verlassen, dass die Medien beginnen werden, den Rahmen, den sie selbst konstruiert haben, neu zu definieren – ein Rahmen, der, wie wir bereits erörtert haben, das Bild einer gefährlichen, einmarschierenden Armee einrahmt. Stattdessen müssen die Migrant*innen beginnen, neue Rahmen und neue Bilder zu schaffen, die ihre eigenen Geschichten aus ihrer persönlichen Perspektive erzählen. Wie das afrikanische Sprichwort sagt: Solange die Löwen nicht schreiben lernen, wird jede Geschichte die Jäger verherrlichen.

Eine andere Geschichte erzählen

Anfang Juli 2022 wurde ich zusammen mit etwa 60 anderen Personen aus verschiedenen Teilen der Welt nach Madrid eingeladen, um an dem von ZEMOS98 und Afro Conscience koordinierten Programm Decolonising the Newsroom teilzunehmen. Durch diese Zusammenkunft von Gleichgesinnten habe ich verstanden, dass noch nicht alles verloren ist. Wir haben einen Ausweg. Wir können dazu beitragen, das negative Narrativ zu ändern, indem wir die positiven Aspekte und den Mehrwert hervorheben, die Geflüchtete und Migrant*innen mitbringen.

Wir waren uns alle einig, dass uns die Medien mit ihren Schlägen unter die Gürtellinie gegen uns ermutigen würden, uns hohe Ziele setzen. Wir diskutierten über konkrete Strategien, um das negative Narrativ neu zu gestalten. Die traditionellen europäischen Mainstream-Medien können entscheiden, ein positives Bild von den aus der Ukraine Geflüchteten zu zeichnen und die europäischen Bürger*innen davon zu überzeugen, diese mit offenen Armen aufzunehmen – wir können dasselbe tun, indem wir die „neuen“ Medien nutzen, die billiger und grenzüberschreitend sind, um den Algorithmus von negativ in positiv zu ändern. Je mehr wir positive Botschaften und Erfolgsgeschichten von Migrant*innen und Geflüchteten verbreiten, desto mehr werden wir den Algorithmus automatisch auf ein positives Narrativ umlenken.

Nehmen wir die Ukraine als Beispiel. Die vorherrschenden Medien machten uns alle glauben, dass wir die moralische Verpflichtung hätten, unsere Grenzen für ukrainische Geflüchtete zu öffnen, ihnen bei ihrer Ankunft eine Unterkunft zu geben und sie in unsere Gemeinschaften aufzunehmen. Dieser plötzliche Ausbruch von Großzügigkeit war jedoch nicht nur darauf zurückzuführen, dass die Vertriebenen vor Wladimir Putin flohen - es ist schwer zu übersehen, dass sie, obwohl sie Geflüchtete sind, aussehen wie die meisten von uns.

Mit „uns“ meine ich hellhäutige Menschen, oft mit blondem Haar und blauen Augen. Ich möchte Ihnen eine persönliche Geschichte erzählen, damit Sie vielleicht besser verstehen, wie einige von uns, die nicht so aussehen wie die Mehrheit der Europäer, sich das Narrativ der Medien zu eigen gemacht haben.

Als ich aus Madrid zurückkam, stellte ich fest, dass sich in meinem Viertel in Utrecht etwas verändert hatte. Wahrscheinlich war in einer lokalen Zeitung eine Information über die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge veröffentlicht worden, die ich verpasst hatte. Auch kein einziges Online-Medium und kein Fernsehsender hatten mich darauf aufmerksam gemacht. Als ich nach Hause kam, sah ich ein Kreuzfahrtschiff, und in meinem Viertel liefen plötzlich viele Menschen herum. Ich dachte sofort an Touristen und nicht an Geflüchtete. Und warum? Weil Geflüchtete für mich keine weißen Menschen waren.

Jeder kann ein Geflüchteter sein

Meine Annahme, dass das Kreuzfahrtschiff in der Nähe meines Wohnhauses in Utrecht Touristen an Bord hatte, erwies sich als eine Vermutung, die ich nie hätte anstellen dürfen, vor allem angesichts meiner eigenen Geschichte der Vertreibung. Ich war in den 1990er Jahren aus dem kriegsgebeutelten Sierra Leone geflohen, und offenbar war auch ich in der Denkweise gefangen, dass nur Menschen, die wie ich aussehen, Geflüchtete sein können.

Obwohl ich in der Zeitung gelesen hatte, dass die Regierung Geflüchtete auf Booten unterbrachte, hatte ich mir nicht vorstellen können, dass es sich bei diesen Booten um Luxuskreuzfahrtschiffe handelte. Ich träume davon, irgendwann in der Zukunft auf einem Kreuzfahrtschiff um die Welt zu reisen, und es war für mich undenkbar, dass Flüchtlinge auf diesem luxuriösen Schiff untergebracht sein könnten.

Ich war von mir selbst enttäuscht, als ich die Wahrheit herausfand – nicht weil meine neuen Nachbarn Geflüchtete sind, sondern weil ich mir unbewusst das negative Klischee, wie ein Geflüchteter auszusehen hat, zu eigen gemacht hatte. Ich habe gelernt, dass jeder ein Geflüchteter sein kann. Die Hautfarbe einer Person oder wie reich sie ist, spielt keine Rolle. Krieg kann uns alle zu Geflüchteten machen.

Bei meinem täglichen Abendspaziergang entlang des Ufers, an dem das Kreuzfahrtschiff festgemacht hatte, sah ich nichts, was darauf hindeutete, dass sich dort 200 schutzbedürftige Geflüchtete aufhielten. Dies steht im krassen Gegensatz zu den regulären Asylbewerberheimen, bei denen am Eingang Sicherheitskräfte oder Polizist*innen postiert sind, es sichtbare Proteste von Anwohner*innen gibt und die Polizei ständig präsent ist. Bei dieser Gruppe war das nicht der Fall. Sie schienen sich sehr wohl zu fühlen. Rund um den Standort gab es keine Proteste.

Den Rahmen in Gold ändern

Das alles hat mit der Optik zu tun. Ich begann darüber nachzudenken, warum diese Flüchtlinge nicht die gleiche Behandlung erfuhren, die dunkelhäutigen oder asiatischen Neuankömmlingen unter den gleichen Umständen zuteil geworden wäre. Ich hörte keine Beschwerden über Belästigungen, die von dieser Gruppe von Flüchtlingen ausgingen. Sie wurden nicht als Störenfriede behandelt. Lag es daran, dass sich niemand bei der Polizei meldete? Vielleicht, so fragte ich mich, liegt es daran, dass in diesem Viertel die weißen, niederländischen Bewohner*innen in der Minderheit sind.

Die meisten Anwohner*innen sind marokkanischer und türkischer Herkunft und haben andere Dinge im Kopf, als sich über Geflüchtete zu beschweren. Eigentlich höre ich von ihnen überhaupt keine Beschwerden. Selbst wenn ich meine Musik laut aufdrehe, kommt niemand und fordert mich auf, sie leiser zu stellen. Anders als in meinem früheren Wohnviertel beschwert sich auch niemand über die Gerüche meiner „exotischen“ afrikanischen Gerichte. Ich komme in diesem Viertel gut zurecht, auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass die Stadtverwaltung, die Polizei und die Bauunternehmer von sich dasselbe sagen können.

Abgesehen von ihrer weißen Hautfarbe unterscheidet sich diese neue Gruppe von Geflüchteten auch dadurch von anderen, dass es sich hauptsächlich um Frauen, Kinder und ältere Männer handelt, die anfälliger sind. Das ist logisch: Die jungen Männer stehen an der Front, um ihr Land gegen eine russische Invasion zu verteidigen und dafür zu kämpfen, dass meine neuen Nachbar*innen nach Hause zurückkehren und in Freiheit leben können. Wenn ich sie vorbeigehen sehe, denke ich daran, dass sie vielleicht ihre Ehemänner, Söhne, Brüder, Onkel und Cousins verloren haben. Selbst wenn sie auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff leben, würde ich nicht für alles Gold der Welt mit ihnen tauschen wollen.

Besser repräsentiert sein

Framing ist ein wichtiger Teil der Kommunikation. Wenn Europäer*innen Afrika und Asien besuchen, präsentieren sie sich als Expats, als Menschen mit Fachwissen, die gekommen sind, um ihr Wissen und ihre Ressourcen mit den Menschen vor Ort zu teilen. Wir alle wissen, dass sie dies nicht immer tun, sondern oft kommen, um diesen Ländern Wissen und Rohstoffe zu entziehen. Das Framing ist unterdessen nicht das gleiche, wenn Menschen aus Afrika und Asien nach Europa kommen. Sie werden als Migrant*innen oder Geflüchtete bezeichnet, als Menschen, die Mitleid verdienen, die Hilfe brauchen – oder als eindringende Armee, die man fürchten und vertreiben sollte.

Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, dieses negative Narrativ zu ändern, wird sich der Rahmen aus Asche und Klopapier in einen goldenen Rahmen verwandeln, der sich stolz neben den anderen Rahmen auf Europas Kaminsims zeigen kann.

Dieser Artikel wurde im Rahmen des von der EU kofinanzierten Projekts Reframing Migrants in the European Union verfasst, das von der Europäischen Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit fünf anderen europäischen Partnern geleitet wird.
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