Das „Wider“ in der Vereinigung

Zu sehr waren die Ostdeutschen damit beschäftigt, sich einer neuen Gesellschaft anzupassen. Keine Zeit, ihre Rechnung mit der DDR zu begleichen, oder eine mit der BRD zu öffnen. Einen Wiedervereinigungsmythos zu nähren hilft jedenfalls nicht dabei, ein echte Debatte zu führen, schreibt Autor Thomas Brussig.

Veröffentlicht auf 6 November 2009 um 14:46

Jetzt, in Zeiten der Finanzkrise, wünsche ich mir manchmal den Leitartikler des Neuen Deutschland zurück. Der sollte noch mal sein gesamtes Vokabular in Anschlag bringen dürfen, sollte die ganze Ausweglosigkeit, die historische Überkommenheit des Kapitalismus besingen und sein Triumphgeheul anstimmen dürfen. Der Mann soll zeigen können, was er draufhat, jetzt, da seine Ideologie so nahe an der Wirklichkeit ist wie niemals zuvor. Und ich will ihn, nur ihn, den Leitartikler des Neuen Deutschland, nicht etwa Sahra Wagenknecht, die bei aller marxistischen Strenge immer noch um Anschlussfähigkeit an den Diskurs bemüht sein muss. Nein, ich will das Gestrige, will die Folklore, will die pure Propaganda.

Die bekam ich dann auch, allerdings nicht im Leitartikel des ND, sondern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung des letzten Märzwochenendes. Darin ging es nicht um die Finanzkrise, nein, eine Lydia Harder entwarf ein Propagandabild der DDR, in dem die Kinder Talsperren bauten, Theologenkinder allenfalls Theologie studieren durften und sich Eltern rechtfertigen mussten, wenn ihr Kind eine Sonnenblume mit blauem Stiel malte. Mir sind solche Artikel peinlich. Weil sie mich in eine Rolle bringen, in die ich nicht will: Ich fange an, die DDR zu verteidigen. Sie hat es nicht verdient, von mir verteidigt zu werden. Aber noch weniger hat sie es verdient, so dargestellt zu werden wie von Lydia Harder. Zum Originalartikel in Cicero…

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