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Bevölkerungsentwicklung in Kriegszeiten: Entvölkert sich die Ukraine?

In der Ukraine leben immer weniger Menschen – und der Krieg hat diesen jahrzehntelangen Trend noch beschleunigt. Selbst ein EU-Beitritt könnte die Entwicklung wohl nicht stoppen

Veröffentlicht am 22 Mai 2026

„Der weltweite Bevölkerungsrückgang wird Jahrzehnte früher einsetzen als erwartet“, schreibt Marc Novicoff in The Atlantic. Während Prognosen der Vereinten Nationen bislang davon ausgingen, dass die Weltbevölkerung erst ab 2084 zu schrumpfen beginne, rechnen manche Experten inzwischen bereits mit dem Jahr 2055.

„Der Bevölkerungsrückgang in der Ukraine ist kein Einzelfall. Es handelt sich um einen globalen Prozess, den die Demografie als 'demografischen Übergang' bezeichnet. Einzigartig ist jedoch die Situation, in der sich die Ukraine befindet“, erklärt Oleksander Gladun vom Ptoukha-Institut für Demografie und Sozialforschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

Tatsächlich erlebt die Ukraine eine schwere demografische Krise. Bereits 2023 titelte die Kyiv Independent: „Demografische Katastrophe: Die größte Bedrohung der Ukraine nach dem Krieg“.

Geburtenraten sinken

Kriege wirken sich nie positiv auf die Demografie eines Landes aus – allein schon wegen der hohen Zahl militärischer und ziviler Opfer. Hinzu kommt, so Gladun, dass „die Sterblichkeit auch infolge chronischer Erkrankungen, von Stress und teilweise mangelnder medizinischer Versorgung steigt“. Gleichzeitig sinken die Geburtenraten: „Menschen verschieben die Entscheidung, Kinder zu bekommen. Das ist eine natürliche Reaktion.“

Laut dem ukrainischen Justizministerium, das vom Kyiv Independent zitiert wurde, verzeichnete die Ukraine im Jahr 2024 insgesamt 495.090 Todesfälle – beinahe dreimal so viele wie Geburten.

Angelina Kariakina: Während des Krieges ein Baby bekommen
Mein Mann und ich wollten eine Familie gründen. Wir hatten diesen Wunsch schon länger und haben ihn trotz allem verwirklicht – ganz gleich, was um uns herum geschah. Natürlich gab es Faktoren, die wir berücksichtigt haben: Wir hatten ein eigenes Zuhause, das zumindest vorerst sicher und für uns alle angenehm war. Wir hatten Arbeit und die finanziellen Mittel, um unsere Zukunft planen zu können. Ich würde sogar sagen, dass der Krieg uns in gewisser Weise dazu gedrängt hat, diesen Schritt schneller zu gehen.
Wir haben nie ausdrücklich darüber gesprochen, aber intuitiv hatten wir wohl beide das Gefühl, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt sein könnte – dass wir unser Leben leben müssen, egal was passiert. Ich habe mich oft gefragt, ob es verantwortungsvoll ist, ein Kind an einen Ort zu bringen, der ständig angegriffen wird – besonders wenn ich während nächtlicher Angriffe im Keller Schutz suchen musste oder Explosionen hörte, während ich schwanger war oder sogar schon ein Baby im Arm hielt. Doch wenn ich das Leben meiner Kinder zu Hause sehe, umgeben von ihrer Familie und ihren Freunden, mit all den Möglichkeiten, die sie trotz des Krieges in ihrem eigenen Land noch immer haben – ihr Land zu bereisen, ihre Kultur kennenzulernen, ihre Wurzeln zu entdecken –, dann verschwinden diese Zweifel.
Wir möchten, dass unsere Familie in der Heimat bleibt. Wir möchten, dass unsere Kinder in der Ukraine aufwachsen. Wir tun alles, um ihr Leben dort so sicher wie möglich zu machen. Solange ein gutes und erfülltes Leben in Kyjiw für uns noch möglich ist, werden wir bleiben. Natürlich haben wir auch einen Plan B, falls sich die Sicherheitslage verschlechtern sollte. Wir arbeiten an einem familiären Rückzugsort im äußersten Westen der Ukraine, wahrscheinlich dem sichersten Teil des Landes. Aber im Moment sind wir zuhause – und genau das gibt uns das größte Gefühl von Sicherheit und Glück.

Laut den jüngsten Zahlen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 rund 55.000 Soldaten verloren – Berufssoldaten wie Wehrpflichtige. Diese Zahl gilt weithin als deutlich zu niedrig angesetzt. Das in Washington ansässige Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt die Zahl der ukrainischen Kriegstoten auf 100.000 bis 140.000; für Russland werden 275.000 bis 325.000 Gefallene angenommen.

„Die Bevölkerung der Ukraine schrumpft bereits seit 1993“, erklärt Gladun. „Der Krieg hat diesen Prozess massiv beschleunigt. Unsere Prognosen gehen davon aus, dass die Bevölkerung weiter zurückgehen wird. Das Tempo dieses Rückgangs hängt jedoch davon ab, wann und unter welchen Bedingungen der Krieg endet.“

Düstere Prognose

Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 hat die Ukraine nahezu die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren. „Nach meiner Schätzung lebten Anfang 2026 in den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten noch etwa 28 Millionen Menschen. Ende 1991 waren es 51,7 Millionen“, so Gladun. Eine von Ukrajinska Prawda zitierte UN-Prognose geht davon aus, dass die Bevölkerung bis 2100 auf nur noch 15,3 Millionen sinken könnte.

Gleichzeitig mahnt Gladun zur Vorsicht im Umgang mit diesen Zahlen: „Erstens ist das heute von der Regierung kontrollierte Territorium rund 20 Prozent kleiner als 1991. Zweitens kennen wir die Bevölkerungszahlen in den besetzten Gebieten nicht. Drittens wissen wir nicht, wie viele Menschen aus dem Ausland zurückkehren werden.“

Das Centre for Economic Strategy (CES), ein unabhängiges ukrainisches Forschungszentrum in Kyjiw, veröffentlichte Anfang 2026 seinen fünften Bericht über ukrainische Flüchtlinge. Demnach lebten zu diesem Zeitpunkt 5,6 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer im Ausland. Vier Millionen von ihnen hatten das Land über die westlichen Grenzen verlassen.

„Zusätzlich haben wir mehr als vier Millionen Binnenvertriebene. Insgesamt haben also über zehn Millionen Menschen ihre Heimat verlassen – etwa 20 Prozent der Vorkriegsbevölkerung“, ergänzt Gladun.

Migration als Hauptgrund

„Auch vier Jahre nach Beginn der großangelegten Invasion verliert die Ukraine weiterhin Bevölkerung“, bestätigt Iryna Ippolitova, leitende Forscherin am CES. „Der Hauptgrund dafür ist Migration. Schätzungen zufolge verließen allein 2025 rund 300.000 Menschen die Ukraine.” Hinzu kämen Verluste unter Soldaten und Zivilisten sowie die sinkende Geburtenrate.

Ende August 2025 lockerte die ukrainische Regierung die Ausreisebestimmungen für Männer zwischen 18 und 22 Jahren und erlaubte älteren im Ausland lebenden Männern zeitweilige Rückkehrbesuche. Bis dahin hatte das seit 2022 geltende Kriegsrecht Männern zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise weitgehend untersagt. Ziel war es, ausreichend Rekruten für die Armee verfügbar zu halten.

„Wir wollen, dass Ukrainer ihre Bindungen zur Ukraine möglichst aufrechterhalten“, erklärte Premierministerin Julija Swyrydenko. Die Regierung versucht damit, die Anforderungen des Krieges mit dem Schutz der jungen Generation und der Zukunft des Landes auszubalancieren.

Nach Daten des CES verließen zwischen August und November 2025 rund 96.000 Männer das Land. „Etwa jeder siebte junge Mann zwischen 18 und 22 Jahren hat seit August die Ukraine verlassen“, heißt es im Bericht. Die BBC weist allerdings darauf hin, dass die Rückkehr vieler junger Männer darin ebenso wenig berücksichtigt wird wie Mehrfachübertritte derselben Person.

Das CES schätzt, dass nach Kriegsende zwischen 1,3 und 2,2 Millionen Menschen in die Ukraine zurückkehren könnten – je nach Szenario.

Lebensbedingungen vergleichen

„Die Rückkehrentscheidung hängt von vielen Faktoren ab: Wohnraum, Arbeitsplätze, soziale Infrastruktur für Kinder und vieles mehr“, erklärt Gladun. „Die Menschen vergleichen ihre Lebensbedingungen im Gastland mit den Möglichkeiten in der Ukraine. Auch der Grad ihrer Integration im Ausland spielt eine Rolle.“

Entscheidend bleibt jedoch die Frage, wie der Krieg endet. „Vor zwei Jahren zeigte eine Umfrage, dass 25 Prozent mehr Menschen zurückkehren würden, wenn der Krieg innerhalb der Grenzen von 1991 endete, statt entlang der heutigen Frontlinie.“ Viele Ukrainer befürchten, dass Russland bei einem eingefrorenen Konflikt in einigen Jahren erneut angreifen könnte.

Von den Ukrainern im Ausland sind 66 Prozent im erwerbsfähigen Alter. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge ist jünger als 35 Jahre – also genau jene Generation, die das Land künftig tragen müsste. Gleichzeitig ist gerade diese Gruppe laut CES am wenigsten zur Rückkehr bereit.

Junge kehren seltener zurück

„Wir sehen derzeit, dass Menschen unter 35 deutlich seltener zurückkehren wollen als ältere Ukrainer, insbesondere jene über 50“, erklärt Ippolitova. Gründe seien bessere Integration im Ausland, berufliche Perspektiven und vor allem Sicherheitsfragen. „Viele Flüchtlinge denken nur dann an eine Rückkehr, wenn der Krieg tatsächlich vollständig endet und zivile Flüge in die Ukraine wieder möglich sind. Ein eingefrorener Konflikt würde sich deutlich geringer auf die Rückkehrbereitschaft auswirken.“

Der 19-jährige Vitaly (Name geändert) lebt seit zwei Jahren in Frankreich. Ursprünglich stammt er aus der Südukraine und floh zunächst in den Westen des Landes, bevor er nach Frankreich ging, um dort zu studieren. Heute arbeitet er auf Baustellen oder im Verkauf und möchte im Herbst ein Ingenieurstudium beginnen.

„Ich würde gern hierbleiben. Ich habe Französisch gelernt, hart gearbeitet und möchte studieren“, sagt er. Zwar vermisst er seine Heimat und seine Familie, doch eine Rückkehr erscheint ihm derzeit kaum realistisch.

Ähnlich sieht es Antonina, 27, die seit 2022 mit ihrer Mutter in Italien lebt. Die in Charkiw Geborene studiert heute Europäische und Internationale Studien. „Wir wissen nicht, wann der Krieg endet. Niemand weiß, ob wir erst am Anfang stehen oder mittendrin sind. Ich möchte mein Leben nicht auf Pause stellen“, sagt sie. Vielleicht werde sie im Ausland Karriere machen, einen Partner finden und eine Familie gründen.

Schutzregel läuft 2027 aus

Derzeit genießen Ukrainer in der EU den Status des "vorübergehenden Schutzes", der Zugang zu Arbeit, Studium und Gesundheitssystemen ermöglicht. Diese Regelung läuft im März 2027 aus. Was danach geschieht, ist offen.

„I’d say I’d go back if I were lucky enough to find a good, well-paid job in Ukraine. But at the moment, Ukraine’s economy has deteriorated,“ says Antonina, 27, who has been in Italy with her mother since 2022. Originally from Kharkiv, Antonina is now a Master's student in European and International Studies. In terms of security, the situation in Ukraine remains very precarious. „One of the main reasons is that we don’t know when the war will end. We don’t know if we’re at the beginning or right in the middle of it. I don’t want to put my life on hold. I believe the right thing to do is to start my career, and perhaps I’ll be successful, perhaps I’ll meet my partner and start a family.“

Currently, Ukrainians benefit from “temporary protection” in EU countries. This special status allows Ukrainians to study, work, and access the national healthcare system. Introduced in March 2022, it is set to expire in March 2027.

For the moment, it is not known what EU countries will do after this date. German Chancellor Friedrich Merz has already reiterated that he wants to limit the number of Ukrainian men seeking asylum. The plan is to facilitate the return of refugees to their homeland, so that “they can help their own country”, he says.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat bereits erklärt, die Zahl ukrainischer Männer im Asylsystem begrenzen zu wollen. Ziel sei es, ihre Rückkehr zu erleichtern, „damit sie ihrem eigenen Land helfen können“.

In der zweiten Staffel der ukrainischen Fernsehserie „Diener des Volkes“ – jener Serie, in der Wolodymyr Selenskyj vor seiner politischen Karriere einen Geschichtslehrer spielt, der Präsident wird – verkündet die EU visafreies Reisen für Ukrainer als ersten Schritt Richtung Mitgliedschaft.

Prophetische Satire

Am nächsten Tag steht der Präsident allein im Land, weil alle Ukrainer nach Europa ausgewandert sind. Was 2017 noch satirisch wirkte, erscheint heute beinahe prophetisch: Die Ukraine zieht es weiterhin in die Europäische Union – und entleert sich zugleich.

„Es ist schwierig, die Auswirkungen eines EU-Beitritts klar vorherzusagen“, sagt Ippolitova. „Die Erfahrungen mittelosteuropäischer Staaten zeigen, dass zunächst weitere Menschen auswandern könnten, weil sie legal in der EU arbeiten dürfen.“ Gleichzeitig könnte die Freizügigkeit aber auch Rückkehrmigration fördern und Pendelmodelle ermöglichen.

Demograf Gladun hält einen EU-Beitritt ohnehin für ein fernes Szenario. Selbst dann sei „kein massenhafter Exodus“ zu erwarten. Bereits vor dem Krieg war die Ukraine teilweise in den europäischen Arbeitsmarkt integriert: Ende 2021 besaßen 1,6 Millionen Ukrainer Aufenthaltstitel in EU-Staaten, davon 900.000 aus Arbeitsgründen.

Bevölkerungsrückgang und demografischer Austausch
Etwa 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets sind von der russischen Armee besetzt. Die Zukunft des Landes hängt daher auch davon ab, was in diesen Gebieten geschieht. "Was sich in den besetzten Gebieten der Ukraine abspielt – vor allem in Mariupol, aber auch in weiten Teilen der Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson – ist die gezielte Auslöschung der ukrainischen Bevölkerung und deren Ersetzung durch eine russische", schreibt die Forscherin Jade McGlynn auf der Plattform Engelsberg Ideas.

Besonders aufschlussreich sei der Fall Mariupol, erklärt McGlynn: Vor der Invasion im Jahr 2022 hatte die Stadt rund 450.000 Einwohner. Heute leben dort Schätzungen zufolge nur noch etwa 100.000 Menschen, von denen 70 Prozent älter als 60 Jahre sind. Die Geburtenrate liegt deutlich unter jener im übrigen Teil der Ukraine, und jeden Monat verlassen weitere Menschen die Stadt. Mariupol, Schauplatz einer der blutigsten Schlachten dieses Krieges, stirbt langsam aus.
Gleichzeitig läuft ein Prozess des Bevölkerungsaustauschs ab: "Nach Angaben des Centre for the Study of Occupation zur Zuwanderung von Siedlern stieg die Zahl russischer Staatsbürger in Mariupol zwischen 2023 und 2025 um mindestens 80.000 – derzeit kommen monatlich etwa 2.200 hinzu. Setzt sich diese Entwicklung fort, werden Russen bis Ende dieses Jahres zahlenmäßig jene übertreffen, die Mariupol vor der Invasion ihre Heimat nannten; innerhalb von drei Jahren im Verhältnis von mehr als zwei zu eins, und innerhalb eines Jahrzehnts wird der Austausch nahezu vollständig sein."

Für Ippolitova bietet ein EU-Beitritt dennoch erhebliche Vorteile – sowohl für die Ukraine als auch für die Europäische Union. Dazu gehören Zugang zum europäischen Binnenmarkt, Förderprogramme, stärkere Arbeitnehmerrechte, bessere Umweltstandards sowie institutionelle Stabilität.

EU-Beitritt könnte Ukraine stärken

Je sicherer ein Land sozial, wirtschaftlich und militärisch erscheint, desto eher entwickeln Menschen eine Zukunftsperspektive. Ein EU-Beitritt könnte die wirtschaftliche und institutionelle Widerstandskraft der Ukraine stärken und ihre Einbindung in europäische Sicherheitsstrukturen vertiefen.

Gleichzeitig schlossen die EU-Staaten zuletzt ein beschleunigtes Aufnahmeverfahren aus. Stattdessen setzen sie auf ein Modell „schrittweiser beschleunigter Integration“, das der Ukraine mehr Zugang zum Binnenmarkt und zu EU-Programmen verschaffen soll, ohne sofortige Vollmitgliedschaft.

Die nächsten Schritte umfassen die Aufnahme offizieller Beitrittsverhandlungen in den kommenden Wochen – begünstigt durch den politischen Machtwechsel in Ungarn nach der Wahlniederlage von Viktor Orbán. Selbst im optimistischsten Szenario könnte die Ukraine frühestens 2027 einzelne Verhandlungskapitel abschließen; eine Vollmitgliedschaft würde die einstimmige Zustimmung aller EU-Staaten erfordern. 

🤝 Dieser Artikel entstand im Rahmen einer grenzüberschreitenden europäischen journalistischen Zusammenarbeit im Rahmen des Projekts EU Neighbours East. Diese Version wurde von der Tageszeitung Der Standard veröffentlicht.

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