Während die Großen debattieren, wird die Erde immer wärmer. ©Presseurop

Der Planet dreht sich im Kreis

Er galt als eine der letzten Möglichkeiten den Planeten zu retten. Jedoch war der Kopenhagener Gipfel mit dieser Herausforderung hoffnungslos überfordert, stellt die europäische Presse fest. Ob Diplomatie oder Ökonomie – vielleicht ist es nun Zeit, aus dem Geschehenen die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen.

Veröffentlicht auf 18 Dezember 2009 um 14:54
Während die Großen debattieren, wird die Erde immer wärmer. ©Presseurop

Ganze elf Tage wurde diskutiert. Und kaum ein Ergebnis. Nur wenige Stunden vor dem Ende der Klimakonferenz der Vereinten Nationen schien niemand daran zu glauben, dass es für die Teilnehmer möglich sei, die festgelegten Ziele zu erreichen. Als politische Unmöglichkeit galt ein Abkommen, in welchem man sich dazu verpflichtete, die Kohlendioxidemissionen zu reduzieren und die Erwärmung auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen. Verantwortliche für diese Situation gibt es viele. Zunächst einmal die dänische Regierung, die gleichzeitig als Gastgeber des Gipfels fungierte. "Die Dänen sind inkompetent", titelt Politiken und gibt damit die Einschätzung der anderen Staaten über die Präsidentschaft der Konferenz wieder. Wie Berlingske Tidende berichtet, steht vor allem die Klimaministerin Connie Hedegaard in der Schusslinie. Die Tageszeitung kritisiert "ihre mangelnde Geduld und Höflichkeit" und fügt hinzu, dass die großen Staaten die Dänen an einer Einigung gehindert haben. Damit wollten sie verhindern, dass "die dänische Regierung sich mit einem Klimaabkommen rühmen kann".

Die spanische Tageszeitung ABC greift dem Ende der Konferenz in Kopenhagen sogar vor und behauptet noch vor deren Ausgang, dass man diese mit einer "großen Niederlage" beenden werde. "Und überall auf der Welt muss die Öffentlichkeit bei diesem Kuhhandel um unvereinbare Positionen zusehen", beschreibt die konservative Tageszeitung die Situation und klagt den "institutionellen Umweltschutz" einiger Führungspersonen an. Genau dies "ist Ausdruck seiner Schwäche", weil "die großen wirtschaftlichen Interessen natürlich viel wichtiger sind als ideologische Überzeugungen". In London beklagt sich The Independent, dass "China die ganze Welt erpresst” und bedauert, dass Peking die Verantwortung von sich weist, die ihm eigentlich als eines der neuen umweltverschmutzenden Länder zukommt. Wie es jedoch Le Temps in Genf ausdrückt, hat sich in den vergangenen Jahren eine "tiefgreifende Veränderung" vollzogen. Vorher beherrschte das Dreigespann USA-Europa-Japan die Welt und zwang alle anderen (und vor allem die Länder der Dritten Welt) dazu, sich seinen Abkommen zu unterwerfen. "In ihren Schulen für internationale Beziehungen" bilden "Brasilien, Indien, China, Malaysia und viele andere Länder nun auch ernstzunehmende und furchterregende Diplomaten aus, welche die Interessen ihrer jeweiligen Länder verteidigen. Die Verhandlungspartner aus dem Süden sind einfach dreister und immer besser vorbereitet. Gegenüber ihren europäischen und US-amerikanischen Kollegen besitzen sie keinerlei Komplexe mehr".

Unheilvoller Gipfel

Handelt es sich hierbei um eine bestimmte Form von Diplomatie, die einfach nicht zu unserer Gegenwart passt? In der Dziennik Gazeta Prawna erklärt der britische Philosoph John Gray, dass "die Welt nicht nur eine Sprache spricht. Ob es dabei um die Klimaerwärmung gehe oder ein anderes Thema. Wir sind nicht so sehr Teil einer neuen Weltordnung, sondern vielmehr im weltweiten Chaos verloren". "Jedes Land versucht seine kurz- und langfristigen Ziele so schnell wie möglich zu erreichen und stellt diese über die globalen Zielstellungen", fügt Gray hinzu. Für ihn macht es keinen Sinn überhaupt zu glauben, dass "wir unseren Planet retten können". Libération ihrerseits versuchtdie gute Seite der letzten Stunden dieses unheilvollen Gipfels hervorzuheben. Für die französische Tageszeitung hat Barack Obama mit seinem Besuch in Kopenhagen den "Traum einer offenen und effizienten internationalen Zusammenarbeit" zu neuem Leben erweckt. Damit lässt er den "imperialen Egoismus, den sein Vorgänger schamlos zum Prinzip seines Handelns gemacht hatte" ein für allemal hinter sich. Die linksliberale Tageszeitung hofft, dass "diese weltweite Versammlung zum Präzedenzfall wird". "Kurz gesagt muss man die eine Realpolitik aufgeben und eine neue verfolgen. Von nun an reicht es nicht mehr aus, nationale Interessen und intellektuelle Modelle altbewährter Strategen miteinander zu kombinieren, um die Zukunft des Planeten zu sichern. Wir beschreiten den Weg zu einem weltweiten demokratischen Vorstand, der künftig über die Zukunft der Menschheit entscheiden wird."

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Im Guardian meint Naomi Klein, dass es "besser wäre, es käme in Kopenhagen zu keiner Einigung, als zu einem Abkommen, welches einer Katastrophe gleichkäme". Für die kanadische Essayistin "opferte" man während der Diskussionen vor allem Afrika. *"*Der G77, zu dem auch die afrikanischen Länder gehören, ließ keinerlei Zweifel an seiner Position und erklärte, dass eine weltweite Temperaturerhöhung um 2 Grad Celsius für Afrika einen Anstieg um 3 bis 3,5 Grad Celsius bedeutet." Klein beruft sich auch auf Matthew Stilwell vom Institut für politische Regelung und nachhaltige Entwicklung (Institute for Governance and Sustainable Development, IGSD), der als einer der einflussreichsten Berater in diesen Verhandlungen gilt, und bemerkt, dass "die Diskussionen sich eigentlich nicht wirklich um die Art und Weise drehen, wie man den Klimawandel verhindern kann, sondern vielmehr einer offenen Feldschlacht um ein äußerst wertvolles Hilfsmittel gleichen: Dem Recht auf den Himmel. Kohlendioxid darf nur in begrenzten Mengen abgegeben werden. Wenn die reichen Länder ihre Emissionen nicht reduzieren, verschlucken sie auch noch den Teil, der dem Süden zusteht. Und dieser reicht ohnehin schon nicht aus."

Der grüne Zukunftsmarkt

Kopenhagen bedeutet Enttäuschung. Nun muss man die Beziehung zu unserem Planeten anders denken. Für die USA und China stellt Spiegel-Online fest, dass "die Ökonomien der beiden Länder so verwoben [sind], dass Nachteile für den einen auch Nachteile für den anderen sind". Daher lautet die Schlussfolgerung: "Diese gegenseitige Abhängigkeit muss sich auch in der Klimapolitik niederschlagen." "Am besten wäre es, wenn die beiden Länder in einen Wettbewerb um die grünsten Technologien, die effizientesten Autos und das schnellste Wachstum von Umweltjobs treten würden."

Im Standaard versichert ein Wirtschaftsexperte, dass "das persönliche Interesse und die Überzeugung, dass grünere Einstellungen und grüneres Unternehmertum uns tatsächlich etwas bringen, viel mehr Erfolg hat als erzwungene Maßnahmen oder kollektive Schuldgefühle". Der Gründer des Wirtschaftsberatungsinstituts Econopolis, Geert Noels, erklärt, dass "die grüne Wirtschaft zu ebenso viel Wachstum fähig ist wie die chinesische Wirtschaft. In einem Land, welches sich auf nachhaltige Entwicklung ausrichtet, wird man starke Wachstumsimpulse verzeichnen. Dänemark und Deutschland haben das gut verstanden […]. Sie haben nicht erst Zwangsmaßnahmen aus Kopenhagen oder Brüssel abgewartet […]. Sie tragen die grüne Herausforderung nicht wie eine schwere Last sondern sehen in ihr vielmehr einen Rettungsring für die Wirtschaft".

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