Der Preis des Schwarzmarkts

Zwar wurde auch Litauen arg von der Krise mitgenommen, doch gibt es einen Bereich, dem es blendend geht: der Schwarzmarkt. Ein Journalist hat nachgeforscht und nachgerechnet. Ein Erlebnisbericht.

Veröffentlicht auf 29 September 2010 um 15:15

Den weißrussischen Fernfahrern, die auf den Raststätten rund um Vilnius halt machen, Diesel abzukaufen, ist kinderleicht. Doch läuft mein Auto auf Benzin. Ich entschließe mich also, Benzin übers Internet zu kaufen.

Drei Viertel der Verkäufer bieten dort Diesel an. Nicht schwer zu verstehen, warum: der Diesel kommt in großen Mengen in den Tanks der LKWs ins Land. Das Benzin hingegen muss umständlich in im Auto oder Kleintransporter versteckten Kanistern über die Grenze geschafft werden. Nachdem ich mehrere der angegeben Telfonnummern angerufen habe, sagt man mir zuerst, dass Benzin derzeit nicht lieferbar sei. Schließlich komme ich mit einem Verkäufer ins Geschäft und wir vereinbaren ein Treffen.

"Weißt du überhaupt, wo meine Garage ist?" Seine Frage suggeriert, dass die Mehrheit seiner Schmuggelsprit-Käufer treue und loyale Kunden sind.

Gelegenheitskäufer wie ich sind eher selten. Die Verkäufer meiden sie lieber, aus Angst, dass es sich um getarnte Polizisten oder Steuerfahnder handeln könnte.

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Das Benzin stammt aus Weißrussland

Ein blauer VW erwartet mich unweit der Garage. Im Innern des Wagens sitzt ein gefährlich blickender Hund neben dem Fahrer. Ist er da, um die Falle zu schnüffeln? "Wie viel soll’s denn sein?" Für das erste Mal reichen mir vierzig Liter. Woher kommt das Super? Ist es gute Qualität? Vielleicht ist es mit 92er Benzin gepanscht? Ich bombardiere den jungen Mann mit Fragen. "Bis jetzt hat sich keiner beschwert. Und meine Kunden sind mir treu. Das Benzin stammt aus Weißrussland. 95 Oktan. Wirst schon merken, dass hier nichts gepanscht ist", erklärt er mir seelenruhig.

Ich hatte mir vorgestellt, hinter dem Garagentor würde sich eine Art illegale Tankstelle verstecken, mit Kanistern bis zur Decke. Dabei ist der Raum fast leer. Ein paar Benzinkanister, eine elektrische Pumpe und ein Schlauch. Der Verkäufer erklärt mir, dass er hier nie viel einlagert. Sollten die Beamten ihn hier überraschen, könne er immer noch behaupten, dass das der Sprit für seinen persönlichen Bedarf wäre. Was kostet das Benzin? Er verlangt 3,40 Litas (1 Euro) pro Liter. An jenem Tag kostete ein Liter Super 95 an den Tankstellen in Vilnius 4,11 Litas... Ich hätte dort also für meine vierzig Liter 28,40 Litas mehr gezahlt.

Würde ich jede Woche in dieser Garage mein Benzin kaufen, könnte ich 114 Litas pro Monat sparen. Am Ende des Jahres hätte ich somit 1370 Litas mehr im Portemonnaie.

Welchen Schaden hat diese Transaktion dem Staat zugefügt? Für einen legal verkauften Liter Benzin kassiert der Staat rund 2,20 Litas. Mit einmal Volltanken, enthalte ich der Staatskasse 88 Litas vor. Würde ich das ganze Jahr nur Schmuggelsprit kaufen, würde dies den Staat um 4500 Litas bringen. Und wie viel kostet Diesel? Der Liter illegal importierten Diesels liegt bei 2,20 Litas, an der Tankstelle bei 3,85 Litas. Angenommen ein Fahrer verbraucht 700 Liter Diesel pro Jahr. Mehrwert- und Verbrauchssteuer belaufen sich auf 44 Prozent des Verkaufspreises. Der Staat würde somit 1100 Litas verlieren. So viel kostet ein Schüler im Jahr.

Der Schwarzmarkt für Zigaretten boomt noch mehr

In Litauen ist der Schwarzmarkt für Zigaretten noch wesentlich größer als der für Benzin. Die meisten Zigarettenverkäufer sind aber noch vorsichtiger als die falschen Tankwarte in ihren Garagen. Ich erfahre schließlich, dass man in einem bestimmten Gebäude im Stadtteil Naujamiescio von Vilnius kaufen kann.

Der Verkauf findet direkt am Fenster im Erdgeschoß eines der vierstöckigen Gebäude der Algirdo-Straße statt. Nähern sich verdächtige Personen, schlagen die Kinder sofort bei den Verkäufern Alarm. "Du musst ans Fenster klopfen", flüstert mir ein Käufer ins Ohr. Wortlos gibt er dem Verkäufer 3,30 Litas und bekommt dafür eine Schachtel Saint George Zigaretten. Das Fenster wird sofort wieder geschlossen. Im Laden kostet dieselbe Schachtel 6,40 Litas. Bei den billigsten Zigaretten liegen Mehrwert- und Verbrauchsteuern bei 85 Prozent. In diesem Fall sind also für den litauischen Staat 5,44 Litas verloren gegangen. Laut einer Studie des Zigarettengroßhandels JTI Marketing and Sales kaufen 62 Prozent der Raucher ihre Kippen auf dem Schwarzmarkt. Das kostet den Staat 550 Millionen Litas. (j-s)

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