Die Russen besetzen die Küste von Montenegro

Jene Russen, die es sich leisten können, verlassen das Land und gehen nach Montenegro. Durch kulturelle und historische Bindungen wird der Balkanstaat für viele von ihnen zunehmend zur zweiten Heimat – was der montenegrinischen Wirtschaft einen willkommenen Schub verschafft.

Veröffentlicht auf 16 November 2012 um 12:05
Willkommen in Montenegro, wo sich die Russen wohlfühlen.

Für den Russen Vadim Soendoekow beginnt jeder Arbeitstag gleich: mit einem Kaffee am Strand. „Strand, Sonne und Meer, was will man mehr?“ fragt er und schaut unter seinem Bastsonnenschirm hervor.

Der Strand, an dem Soendoekow seinen Morgenkaffee genießt, liegt am Fuße der jahrhundertealten Befestigungsmauer von Budva, einem malerischen Ort, der in Montenegro als das Herz des Tourismus gilt. Hier scheint die Sonne 300 Tage im Jahr.

Es gibt schlimmere Orte, um in den Tag zu starten. Das muss sich auch Soendoekow gedacht haben, als er vor fünf Jahren zum ersten Mal hier an der Adria Urlaub machte. Er beschloss, zu bleiben. Zusammen mit zwei russischen Freunden leitet er heute ein Immobilienunternehmen in Budva.

Und an Kunden mangelt es nicht. In den letzten Jahren sind so viele Russen an die montenegrinische Küste geströmt, dass Budva manchmal „Moskau an der See“ genannt wird. Sogar in der Nebensaison verkehren vom nahe gelegenen Flughafen täglich drei Flüge in die russische Hauptstadt.

Flucht aus Moskau

Bei den Insassen handelt es sich aber keinesfalls nur um Touristen. Denn auffallend viele Russen – vor allem aus der Mittelklasse – sind endgültig an die Adria gezogen. Sie versorgen ihre Landesgenossen, die in der Hochsaison scharenweise an die Küste strömen, oder sie haben einen Beruf, den sie auch im Ausland ausüben können.

In gewisser Weise folgen diese Russen einer jahrhundertealten Tradition, denn bereits im 19. Jahrhundert zog es wohlhabende Russen auf der Suche nach wärmeren Gefilden an die Krim und ans Mittelmeer. Doch das Klima ist heute nicht mehr der wichtigste Grund für ihre Migration. An der Adria finden sie den Frieden und die Ruhe, an denen es Russland so sehr fehlt. Vor allem Moskau ist nach Ansicht vieler ein Ort geworden, an dem man nicht mehr leben kann.

Das erste, was Nadja Laptewa nach ihrer Landung in Montenegro auffiel, war das Wort „polako“. „Es bedeutet ‚immer mit der Ruhe’, ‚nur keine Hektik’ – Ausdrücke, deren Bedeutung ich in Moskau ganz vergessen hatte. Dort haben es alle eilig.“ Letztes Jahr ging sie versuchsweise wieder nach Moskau zurück. Doch die täglichen Verkehrsstaus waren zu viel für sie. Stattdessen leitet sie nun eine der drei russischen Schulen in Budva.

Die Flucht vor dem hektischen Stadtleben ist auch die Hauptmotivation für Konstantin Pandipoelowitsj, einen 30-jähriger Programmierer. „In Moskau gibt es mehr Morde als in Mexiko, billig sind nur Zigaretten, Wodka und Kaviar, und sobald man richtig Geld verdient, steht der KGB vor der Tür.“ Highspeed-Internet ist das einzige, was er aus Moskau vermisst.

Im Vergleich zu Russland ist Montenegro ein normales Land. Trotz der weit verbreiteten Korruption ist es auf dem besten Weg, einer der nächsten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zu werden. Die NATO-Mitgliedschaft steht ebenfalls auf der Wunschliste der Regierung in der Hauptstadt Podgorica.

Das dämpft die Liebe der Russen für das Land allerdings nicht. Tatsache ist, dass Montenegro etwas zu bieten hat, mit dem die anderen Mittelmeerstaaten nicht aufwarten können: eine Kultur, die der russischen bemerkenswert ähnlich ist. Wie die Russen gehören auch die Montenegriner der orthodoxen Kirche an und sie sprechen eine slawische, also mit dem Russischen verwandte Sprache. Sogar die Wappen der beiden Länder sind sich erstaunlich ähnlich. Auch die Tatsache, dass die Russen kein Visum brauchen, macht das Ganze ein bisschen einfacher.

Die Zarenstadt

Dazu kommen noch die historischen Bindungen. Moskau agiert seit dem 19. Jahrhundert als Beschützer Serbiens, das bis 2006 mit Montenegro ein gemeinsames Land bildete.

Dank der russischen Investitionen in der Tourismusbranche hat die Krise in Montenegro nicht so hart eingeschlagen wie im Rest der Region. Viele luxuriöse Apartmenthäuser für die Geschäftsleitungen von Gazprom und anderen Energieriesen sind in den vergangenen fünf Jahren rund um Budva wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Das neueste Projekt befindet sich oben auf dem Berg: Ein Hochsicherheits-Wohndistrikt mit atemberaubendem Blick auf die Bucht. Carsko Selo, die Zarenstadt, lautet sein offizieller Name, doch alle nennen es nur das russische Dorf. Der Trend geht über den Immobiliensektor hinaus, denn die Russen erlangen auch in anderen Bereichen Einfluss.

Vor sieben Jahren kaufte der russische Oligarch Oleg Deripaska die Aluminiumfabrik in Podgorica – der größte Arbeitgeber Montenegros und für mehr als die Hälfte aller Exporte des kleinen Balkanstaats verantwortlich. Daraus folgerte die deutsche Stiftung Wissenschaft und Politik im Jahr 2010, dass Montenegros Wirtschaft nun fest in russischer Hand ist.

Nicht alle freuen sich über diese Entwicklung. Vergangenes Jahr kamen im Europäischen Parlament Fragen über den zunehmenden russischen Einfluss in Montenegro auf.

Doch die Russen tun die Kritik ab. Einer der ersten Bewohner des „russischen Dorfs“, ein Geschäftsmann aus Moskau, meint dazu nur: „Als die Engländer die Costa del Sol besetzt und die Deutschen Mallorca erobert haben, hat sich ja auch keiner beschwert!“

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